„Klassische Musik aus dem Korsett befreien“ – Geigen-Entertainer David Garrett zeigt am 21. August beim Open Air auf dem Königsplatz, dass er mehr draufhat als E-Musik-Fingerfertigkeit.
Herr Garrett, Sie spielen regelmäßig auch unter freiem Himmel. Was macht für Sie den besonderen Reiz eines Open-Air-Konzerts aus, gerade an einem Ort wie dem Münchner Königsplatz?
Der Reiz ist enorm. Zum einen ist es schon ein paar Jahre her, dass ich am Königsplatz gespielt habe – ich glaube, das war 2016 – und ich freue mich sehr, wieder dorthin zurückzukehren. Es ist einfach einer der schönsten Plätze der Stadt. Aber grundsätzlich ist es so: Ich habe noch nie einen Künstler kennengelernt, der nicht gerne Open Air spielt – vorausgesetzt, es ist nicht eiskalt.
Na klar, das dürfte Ende August hoffentlich klappen.
Gerade in dieser Jahreszeit ist das ja zum Glück in der Regel kein Thema. Was Open Air so besonders macht, ist die Wahrnehmung. Man bekommt viel mehr vom Publikum und von der Umgebung mit. In Konzertsälen ist man durch das Licht oft sehr geblendet, der Fokus liegt stark auf einem selbst. Draußen hingegen erlebt man die gesamte Kulisse – die Menschen, die Stimmung, das Licht, die Atmosphäre. Das inspiriert mich ungemein und macht solche Abende für mich persönlich zu absoluten Highlights.
Verändert das auch Ihre Beziehung zum Publikum während des Konzerts?
Ja, definitiv. Der Kontakt ist direkter und unmittelbarer. Man sieht die Reaktionen, man spürt die Energie viel stärker. Das Publikum ist nicht nur Zuhörer, sondern Teil des Gesamterlebnisses. Diese Verbindung entsteht draußen oft ganz automatisch und intensiver als im Saal.
Bei Open-Air-Konzerten lässt sich ja nicht alles kontrollieren. Was passiert, wenn plötzlich eine Sirene ertönt oder etwas Ungeplantes passiert?
Genau das macht es doch spannend. Ich liebe diese spontanen Momente. Natürlich ist ein Konzert gut vorbereitet, aber gerade draußen passieren Dinge, die man nicht planen kann – und das sind oft die schönsten Augenblicke. Ob eine Sirene vorbeifährt, ein Geräusch aus der Stadt kommt oder etwas völlig Unerwartetes passiert – das gehört dazu. Man muss das umarmen. Es lockert die Situation, entspannt das Publikum und bringt eine gewisse Leichtigkeit rein. Das ist das echte Leben, und wenn man Musik mit diesen Momenten verbinden kann, dann ist das etwas ganz Besonderes.
Ist ein Open-Air-Konzert auch für das Publikum niederschwelliger, entspannter als ein Abend in der Philharmonie?
Ich hoffe, dass meine Konzerte generell immer diese Lockerheit vermitteln – unabhängig vom Ort. Für mich war es schon früh ein großes Anliegen, klassische Musik aus diesem Korsett zu befreien, in das sie manchmal gesteckt wird. Ich möchte, dass Menschen Musik genießen können, ohne sich Gedanken über Kleidung oder Etikette machen zu müssen. Natürlich hat sich da auch insgesamt viel verändert, auch in den Konzertsälen. Aber gerade Open Air fällt es vielen vielleicht noch leichter, sich fallen zu lassen. Und genau darum geht es: Nur wenn man entspannt ist, kann die Musik wirklich ankommen.
Ihr aktuelles Programm „Millennium Symphony“ verbindet Klassik mit Pop: Was erwartet das Publikum konkret?
Im Kern ist es eine Sammlung der größten Songs der letzten 20 bis 25 Jahre, also seit der Jahrtausendwende. Ich habe versucht, ein möglichst breites Spektrum abzudecken – von Pop über Rock bis hin zu R’n’B und EDM. Es ist ein echtes Feuerwerk an Hits, bei dem die meisten Stücke sofort wiedererkannt werden. Gleichzeitig war es für mich als Arrangeur spannend, weil moderne Songs oft anders aufgebaut sind als ältere – teilweise minimalistischer, aber trotzdem unglaublich wirkungsvoll. Diese Stücke für Violine und Orchester neu zu interpretieren, war eine sehr reizvolle Aufgabe.
Wie setzen Sie das musikalisch um?
Wir sind mit voller Besetzung unterwegs, also mit Band und großem Sinfonieorchester. Alles andere würde dem Konzept auch nicht gerecht werden. Der Mix aus klassischen und modernen Elementen sorgt für einen sehr kraftvollen, vielseitigen Sound. Gerade bei einem Open-Air-Konzert kommt das natürlich besonders gut zur Geltung.
Sie sind bekannt dafür, auf der Bühne sehr beweglich zu sein. Wie nah kommen Sie Ihrem Publikum dabei?
So nah, wie es die Gegebenheiten erlauben. Ich nutze jede Möglichkeit, mich frei zu bewegen. Dank Wireless-Technik bin ich nicht an Kabel gebunden und kann theoretisch überall hingehen. Wenn es machbar ist, gehe ich auch mal weiter nach hinten oder sogar auf die Ränge. Natürlich gibt es Grenzen – mein Tonmann ist da die letzte Instanz und sagt mir, wie weit ich gehen kann, ohne dass der Sound leidet. Aber grundsätzlich liebe ich diese Freiheit.
Und wie sieht es mit klassischen Rock’n’Roll-Moves aus – etwa ein Sprung ins Publikum?
Ganz so weit gehe ich nicht, das wäre meinem Instrument gegenüber nicht fair. Auch wenn ich bei solchen Konzerten keine Stradivari spiele, ist es trotzdem ein wertvolles Instrument, das man schützen sollte. Aber die Nähe zum Publikum suche ich immer. Ich gehe gerne auf Menschen zu, interagiere mit ihnen – das gehört für mich dazu.
Gibt es Songs im Programm, die Ihnen persönlich besonders wichtig sind?
Es ging mir weniger um einzelne Lieblingssongs als um die richtige Mischung. Ich wollte ein Programm, das möglichst abwechslungsreich ist. Natürlich gibt es Stücke wie „Shape of You“ oder „Wake Me Up“, die sich wunderbar für die Geige eignen und sofort zünden. Aber ich finde es auch spannend, weniger offensichtliche Songs einzubauen – etwa „Welcome to the Black Parade“, das musikalisch sehr interessant ist und sogar auf einer klassischen Harmonie basiert. Diese Verbindungen zwischen Pop und Klassik finde ich besonders reizvoll.
„Ich habe versucht, ein möglichst breites Spektrum abzudecken – von Pop über Rock bis hin zu R’n’B und EDM. Es ist ein echtes Feuerwerk an Hits, bei dem die meisten Stücke sofort wiedererkannt werden.“
Wie entsteht die Auswahl solcher Stücke?
Meist ganz spontan. Wenn ich unterwegs bin und etwas höre, das mich anspricht, schreibe ich es mir sofort auf. Ich habe lange Listen auf meinem Handy mit Ideen für unterschiedliche Projekte. Manchmal passiert das auch mitten in der Nacht – ich habe tatsächlich erst kürzlich um zwei Uhr morgens etwas notiert, weil ich nicht schlafen konnte. Wenn dann ein Projekt konkret wird, gehe ich diese Listen durch und prüfe, was passt und was sich gut umsetzen lässt.
Das heißt, die Inspiration kommt eher unterwegs als im Studio?
Genau. Zu Hause arbeite ich eher konzentriert an bestehenden Ideen. Die Inspiration kommt oft in Momenten, in denen man es gar nicht erwartet – im Flugzeug, im Restaurant oder einfach unterwegs mit Kopfhörern.
Wenn Sie auf das Konzert in München blicken: Worauf freuen Sie sich am meisten?
Auf die gesamte Atmosphäre. Es ist eine unglaublich vielseitige Show, die sehr viel Energie hat und einfach Spaß macht. Auch nach all den Jahren und Konzerten bin ich immer noch voller Begeisterung auf der Bühne. Diese Freude möchte ich teilen – und ich bin mir sicher, dass das Publikum das spüren wird.
Grenzgänger: Über sechs Milliarden Streams, ausverkaufte Konzert- und Mehrzweckhallen und eine rege TV-Präsenz können nicht lügen. DAVID GARRETT ist ein Superstar der Klassikszene. Und doch weit mehr: Mit seiner „Crossover-Evolution“, wie er es seinen Stil selbst nennt, ist er aktuell auf seiner Millennium Symphony Tour unterwegs. Am 21. August am Königsplatz covert er auf der Vionline auch Tracks von den besten Musikern der Gegenwart – wie Taylor Swift, The Weeknd oder Ed Sheeran. www.david-garrett.com


