Jazz im Januar: Makrokosmen und Mikrointervalle

Jazz im Januar: Makrokosmen und Mikrointervalle

Der Januar lässt uns in nahöstliche, in mediterrane Welten, in unerforschtes musikalisches Terrain eintauchen

Der Norden mit seinen Klanglandschaften wurde dem finnischen Tastenmann Kari Ikonen irgendwann zu eng. Er erschuf einen Makrokosmos, in dem Rhythmen, Skalen, Ornamente und Melodien aus aller Welt Platz hatten. Vor allem den Eigenheiten der nah- und mittelöstlichen Musik mit ihren Mikrointervallen räumt er in seinem Universum reichlich Platz ein. Weil sich auf dem Klavier nur Halbtonschritte spielen lassen, entwickelte er eigens eine Apparatur namens Maqiano, mit der man auf dem Piano zwischen unsere abendländischen Ton-Abstände kommt.

„Zum einen finde ich Mikro-Intervalle sehr interessant und sie helfen mir meine melodische Palette zu er- weitern. Einfach wunderschön, wie die Intervalle in der arabischen, türk schen oder persischen Musik eingesetzt werden. Manchmal können Mikrointervalle sehr unangenehm klingen, aber in der arabischen Musik tönen sie nach purer Schönheit. Aber für mich ist auch wichtig, dass ich durch die Verwendung dieser Mikrointervalle gezwungen werde anders zu spielen, zu denken, mich nicht zu sicher zu fühlen und mich nicht dauernd zu wiederholen.“ In der Unterfahrt präsentiert Kari Ikonen sein Trio Silta mit dem Geiger Kheir-ed-dine M’Kachiche und dem Schlagzeuger Markku Ounaskari (21.1.).

Es gibt da diese Anekdote über unseren einstigen Außenminister Genscher. Über den sagten sie, er sei auf so vielen Missionen unterwegs, dass er sich manchmal selbst über den Weg laufe. Ein ganz ähnlicher Gag ließe sich über den derzeit zwischen Berlin und München pendelnden allgegenwärtigen Saxofonisten Moritz Stahl machen. Der ist überall anzufinden: in den Jazzszenen, in Ambient-Landschaften, Techno-Universen, in akustischen und elektronischen Welten, in ungezählten Projekten und Bands. Hat er keine Angst sich zu verzetteln? „Es ist schon wichtig, dass man alles auf die Kette kriegt und fokussiert arbeiten kann. Gleichzeitig weiß ich, dass es ein ganz wichtiger Teil von mir ist in verschiedenen Projekten tätig zu sein, die ganz unterschiedliche Sachen machen. Die prägen meine musikalische Persönlichkeit.“

Was sich über so ziemlich jedes Ding sagen lässt, das Moritz Stahl selbst anschiebt: stets baut er auf die Verlässlichkeit seiner Mitstreiter – und doch geht er voll auf Risiko, lässt Raum für unerwartete Wendungen. Gerade hat er ein internationales Quartett zusammengestellt, das sich Transient Bodies, übersetzt: „flüchtige Körper“ nennt. Mit der Schweizer Pianistin Marie Krüttli, dem französischen Bassisten Etienne Renard und der südkoreanischen Schlagzeugerin Sun-Mi Hong will er sich auf musikalische Abenteuer einlassen. „In dieser Band möchte ich meine verschiedenen Einflüsse vereinen und mich gewissermaßen ganzheitlich präsentieren.“ (Unterfahrt, 24.1.). *

Jazz-Tipps

Das belgisch-amerikanische Trio Malaby/ Dumoulin/ Ber versteht es so zu improvisieren, dass bei Zuhörerinnen und Zuhörern schnell das Kopfkino anspringt (Unterfahrt, 10.1.). * Der aus Uruguay stammende Schlagzeuger Diego Piñera lässt mit seinem New Standards Quartet in der Unterfahrt die Metren und Polyrhythmen tanzen (17.1.). * In der Seidlvilla spürt der italienische Bassist Ferdinando Romano den Legends of Otranto nach – das ist eine kleine, aber äußerst geschichtsträchtige Gemeinde in Apulien und die östliche Stadt Italiens. Was dort über die Jahrhunderte los war, übersetzt er in Musik, für die sich so leicht kein Oberbegriff findet, denn Romano verquickt Jazz mit Kammermusik, zeitgenössischer Klassik, Drum´n´Bass und Rock. Bei seinem „Jazz+“-Konzert kann er sich auf den ständigen Input von Akkordeonist Veli Kujala, Pianistin Kirke Karja und Schlagzeuger Ermanno Baron verlassen (20.01.). * Freunde haben mir zugeraunt: die musst du dir anhören, nämlich die spanische Trompeterin Milena Casado (Unterfahrt, 20.1.). *Seine Formation Muse verspricht uns so filigranen wie abenteuerlichen kammermusikalischen Jazz: der Posaunist Nils Wogram kommt mit Altsaxofonist Hayden Chisholm, Bratschistin Anna-Maria Wünsch und Harfenistin Kathrin Pechlof zum „BR Club“-Konzert ins Bergson Kunstkraftwerk (21.1.). * Das gibt bestimmt wieder eine Mega-Sause. Die Kultformation Shake Stew lässt zum 10jährigen Jubiläum in der Unterfahrt drei Tage lang die Korken knallen (29. – 31.1.).   

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