Jazz im März: Die Sonne geht auf

Jazz im März: Die Sonne geht auf

Noten? Partituren? Die haben viele Jazzerinnen und Jazzer nicht dabei, wenn sie im März nach München reisen. Es ist der Monat der Improvisationskünstler

— In ein paar Jahren sollten wir uns vielleicht einmal vergegenwärtigen, wie viel Kreativität die Pandemie freigesetzt hat, speziell, wie Musiker damit umgingen, dass sie plötzlich isoliert im heimischen Kämmerlein vor sich hin werkeln mussten und nicht mehr touren, nicht mehr vor Publikum auftreten konnten. Es gibt bereits einen beachtlichen Katalog von Musiken, die der Ausnahmesituation geschuldet sind, die verarbeiten, was denen durch den Kopf ging, die immer nach Inspiration suchen.

Der wunderbar wandelbare amerikanische Saxofonist Jon Irabagon plagte sich in der bedrohlichsten Corona-Phase mit Weltuntergangsgedanken, stellte sich die Sinnfrage. Als die Menschen in den USA nach den Lockdowns endlich wieder raus durften, machte er sich kurzentschlos sen auf eine Reise durch den Mittleren Westen und war während des Roadtrips hingerissen von Naturschauspielen, die sich ihm und seiner Familie boten, von den Weiten der Landschaften, von unwirklichen Felsformationen, vom Himmel über der Einsamkeit, von der aufgehenden Sonne. „Rising Sun“ nennt sich das Projekt, das sein Befinden von damals, aber auch das Überwältigende der Reise in Klänge übersetzt. Mit Keyboarder Matt Mitchell, Bassist Chris Lightcap und Schlagzeuger Sam Ospovat stellt er es am 21. März in der Unterfahrt vor. „Ich hoffe sehr, dass meine Musik etwas Aufbauendes hat, dass sie alle so aufrüttelt wie mich. Die Hymnen auf „Rising Sun“ halfen mir persönlich das Jahr 2020 zu verarbeiten und in den Folgejahren irgendwie wieder zu geistiger Gesundheit zu kommen.“

Jazz-Tipps:

Der Termin ist in meinem Kalender markiert: am 1. März kommt es im Schwere Reiter zu einem spannenden Aufeinandertreffen des experimentierfreudigen Wiener Kollektivs Studio Dan mit dem deutsch-amerikanischen Ehepaar Ingrid Laubrock (Saxofon) und Tom Rainey (Schlagzeug). ///

© Ditz Fejer

Da wird sich wohl manch einer erstaunt die offenen Ohren reiben, wenn das Trio Earscratcher mit Pia- nistin Elisabeth Harnik, Saxofonist Davis Rempis, Schlagzeuger Tim Daisy und Cellist Fred Lonberg-Holm ein Impro-Konzert im MUG spielt (4.3.). /// In der Unterfahrt gibt Pianist Christian Elsässer mit musikalischen Mitteln und neuem Quintett autobiografische Einblicke in sein wendungsreiches Leben (7.3.). /// Neon Dilemma – was sie sich bei diesem Bandnamen wohl gedacht haben? Vielleicht erklären es uns Tastenmann Elias Stemeseder, Bassist Robert Landfermann und Schlagzeuger Leif Berger ja bei ihrem „Jazz+“-Konzert in der Seidlvilla (10.3.). /// Im Bergson Kunstkraftwerk verstärkt sich die Band Velvet Revolution von Saxofonist Daniel Erdmann um Sängerin Jelena Kulić (BR Club-Konzert, 11.3.).

Slide-Trompeter Steven Bernstein hat seine Kult-Truppe Sexmob reanimiert. Wird bestimmt eine Gaudi, das Konzert in der Unterfahrt (14.3.). /// Der Monat März steht ganz im Zeichen großer Improvisatoren – in den Kunstwerken Dachau werden Schlagzeuger Lucas Niggli, Bassist Barry Guy und Pianistin Jordina Millà sicher ganz konzentriert aufeinander und auf ihre Intuition hören (15.3.). /// Geheim-Tipp: unbedingt zum „Einsteins Piano“-Solo-Konzert von Alex Koo gehen. Die Musik des belgischen Klavierspielers und Komponisten ist ein echtes Erlebnis (Einstein, 16.3.).

Sein sehr viel erfahrener Kollege, der schwedische Pianist Bobo Stenson gastiert tags drauf mit seinem Trio in der Unterfahrt (17.3.). /// Sie ist schon ganz schön exaltiert – wer ihre draufgängerische, manchmal etwas zu laute Art mag, wird sich beim Konzert der Saxofonistin Lakecia Benjamin sicher bestens unterhalten (Nightclub, 18.3.). /// Die Reihe „Unheard“ stellt im Einstein jetzt jedes Jahr acht Talente vor, die es noch zu entdecken gilt. Zum Auftakt spielt der Pianist Pablo Struff mit seinem Trio (19.3.). /// Eine Lektion in punkto schwarzer Musik- aber auch Leidensgeschichte verspricht uns der südafrikanische Pianist Tumi Mogorosi in der Un- terfahrt (19.3.). /// Wer sagt denn, die 13 sei eine Unglückszahl. So viele Alben hat die südkoreanische Sängerin Youn Sun Nah bereits ver- öffentlicht. Am 20. März will sie ihr Publikum in der Alten Kongresshalle becircen. /// Star-Power im Prinzregentheater: dort entspinnt sich am 27.3. ein Dialog von Pianist Brad Mehldau und Bassist Christian McBride. /// Zeitgleich träumt sich Trompeter Theo Croker im Bergson Kunstkraftwerk durch sein Programm „Dream Manifest“. (27.3.).