IN-München-Review: So wars bei … Brigitte Hobmeier und nouWELL cousines

IN-München-Review: So wars bei … Brigitte Hobmeier und nouWELL cousines

„Alles nur der Liebe wegen“: Eine große Schauspielerin und ihre virtuose musikalische Begleitung begeisterten gleich zweimal im schönsten Wirtshaus der Stadt.

Musik und Worte zu einem ewigen Thema – so hat Dramaturg und Impresario Tristan Berger seine Textauswahl zu dieser musikalischen szenischen Lesung namens „Alles nur der Liebe wegen“ untertitelt. Und mit der großartigen Schauspielerin Brigitte Hobmeier, die bereits als Ensemblemitglied des Volkstheaters schon vor 20 Jahren einschlägige Erfahrungen als gefeierte „Geierwally“ und „Lulu“ in dieser Hinsicht sammelte, hat er eine perfekte Protagonistin für diese Aufführung gefunden. Eins vorweg: Auch hier zog sie die Register ihres Könnens. Hautnah, im Wirtshaus Fraunhofer – zum Frühschoppen!

Begleitet wurden die Texte von u. a. Mörike, Hamsun, Neruda und Ovid von ¾ der NouWell Cousines: Maresa, Matthias und Alex – Maria Well fiel krankheitsbedingt leider aus, was spontane Re-Arrangements (ohne Cello) vor der ersten Aufführung nach sich zog, wie der Impresario verriet. Auf der Bühne hat man davon nichts bemerkt: Die junge Generation der berühmten, originellen und virtuosen Musikerfamilie Well begeisterte wieder mit einem rasanten Ritt durch Walzer, Polka, Klassik, Volks- und Weltmusik, interpretierte japanische und südamerikanische Weisen (letztere der „Liebe“ wegen wortwörtlich, wie Alex versicherte). Ganz ehrlich: Wie hier Geigen und Akkordeon zum Schwitzen gebracht werden, mit höchster Professionalität und einer frechen Lust an Improvisation, ist einfach hin- und mitreißend.

NouWELL Cousines (c) RG

Kein Wunder, dass „die Hobmeier“ sich darüber beschwert, dass das Publikum meist erst nach der musikalischen Ergänzung ihrer Rezitationen klatscht – natürlich mit einem ironischen Lächeln im Gesicht, „sie wäre ja hart im Nehmen“. Und natürlich liegt das auch nur an der Dramaturgie – auch das geneigte Publikum spürt, dass diese Erzählerin eben auch, und vor allem, eine wunderbare Schauspielerin ist.

Analog zum wilden Ritt der Wells bietet sie große Erzählkunst in allen Klangfarben und mimischen Facetten: von ganz leise, verführerisch und verletzlich bis aufbrausend, laut und g’schert. Als roter Faden über beide Teile des Programms kann „Die Brautschau“ der durchaus gesellschaftskritischen bayerischen Volksdichterin Emerenz Meier dienen – Hobmeier brilliert hier mit waschechtem Bayrisch (kommt schließlich aus dem Münchner Umland) und macht gar vor dem lallend-sturztrunkenen Brautvater nicht halt. Im Kontrast dazu der fast vornehm auf Hochdeutsch vorgetragene „Liebesbrief“ von Karl Valentin: „Mit unserer Schreiberei ist es sehr traurig, weil Du mir auf kein einziges Schreiben, welches ich Dir geschrieben habe, geschrieben hast.“

Brigitte Hobmeier (c) RG

Ein Höhepunkt des Programms ist „Der Walzer“ von Dorothy Parker – hier entstand eine Interaktion mit den Musizierenden, die durchaus musikkabarettistische Züge annahm. Ein schwieriges Subgenre: Aber auch hier konnte Brigitte Hobmeier wieder glänzen mit sprödem Witz und auch mimisch bitterböser Verachtung für ihren imaginären derben Tanzpartner; die Wells mit musikalischer Finesse auf Zuruf.

Trude Herrs berühmtes „Ich will keine Schokolade“ wandelt sich von einem harmlosen Vortrag zu einem monströsen Schlagerblues, in dem Hobmeier neben der Kölner Ikone gar Janis Joplin zu huldigen scheint – und doch, das steht fest, ganz eigene Akzente setzt.

Zum Schluss, als Zugabe, noch ein bisschen Loriot: Zum „Advent“ galoppiert Hobmeier samt Elchgehörn ins Jagdhaus; mit einer fast klezmermäßigen Interpretation des berühmten Leander/Dietrich-Klassikers „Nur nicht aus Liebe weinen“ wurde das dankbare Publikum nach großem Applaus für diese wunderbare Flucht in die poetisch-literarischen Liebeswirren aus dem wohlig warmen Wirtshaus am Frühnachmittag wieder in die kalte Realität entlassen. Ach, die Liebe.