Das italienische Restaurant Casele ist schon optisch eine Schau – und die neapolitanische Küche schmeckt wie am Vesuv
In kürzester Zeit hat sich das Lokal von Raffaele Colonna vom Geheimtipp zu einem der angesagtesten neuen Restaurants der Stadt gemausert: Angesiedelt in der ehemaligen Metzgerei Schlagbauer in der Müllerstraße, verbirgt sich hinter einem schweren Vorhang ein durchdesigntes Juwel, das vom Interieur seinesgleichen sucht in München. Colonna hat mit seinem Architekten die Metzgerei praktisch entkernt und ein Ensemble aus Gastraum, langen Bar, Nebenzimmer und zwei Séparées (in den ehemaligen Personalräumen) geschaffen. Moderne Bildsprache von Star-Fotograf Dylan Don mischt sich mit Gemäldekunst aus einer toskanischen Villa; indirekte Beleuchtung, eine schwere Holzdecke, samtene Sessel und Artefakte in maßgeschneiderten, holzvertäfelten offenen Schränken bieten ein Ambiente irgendwo zwischen amerikanischer Hotelbar aus den Achtzigern, Londoner Gentlemen‘s Club und Filmkulisse für Wes Anderson.
Die Séparées für je rund zehn Personen sind einmal ebenfalls im frühen Eighties Look gehalten, zum anderen im rustikalen St. Moritz-Chalet-Stil. Einige Elemente der Metzgerei wurden übernommen und umgedeutet: das Kühlhaus ist ein begehbarer Weinschrank; die ehemalige Theke, an der sich der Autor ab und an einen Leberkäs geholt hat, wird nun für die Zubereitung von Antipasti genutzt, ein Kühlelement hinter der Bar beherbergt nun Spirituosen statt dem Hackfleischwolf. Überhaupt die Bar – am holzvertäfelten Marmortresen finden unter Messinglampen über ein Dutzend Personen Platz, das ist auch nötig, wie sich später zeigen wird. Da auch wir diesen „Hot Spot“ auf keinen Fall unseren zahlreichen Followern auf Instagram vorenthalten wollten, kamen wir vorbei ein kleines Filmchen zu drehen und durften auf Raffaeles Einladung auch ein paar Spezialitäten des Hauses probieren.
Nach einem Bier namens Menz (Mischung aus Pils und Helles, 0,33 für 4,40) und einem schönen Spumante von Ferrari (10), ging es los mit scharf angebraten Stückchen vom Oktopus auf cremigem Kartoffel-Ingwer-Püree (ein bisschen mehr Ingwer-Pfiff hätte nicht geschadet) und ein paar Nockerl Pulpo-Mayonnaise – ein schöner Teller, der Lust auf mehr machte. Dazu gab es einen ausgewogenen Weißburgunder „Finado“ von der Kellerei Andrian (Fl. 43) aus Terlan. Die vielleicht etwas dunkel geratene Parmigiana konnte geschmacklich überzeugen, und wurde mit Streifen einer Basilikumcreme verziert. Die Crema gab dem Traditionsgericht (Sizilien, Apulien und Neapel streiten um den Ursprung) noch ein bisschen Kick, optisch sind diese Verzierungen zurzeit in Mode, hauptsächlich eigentlich bei Sushi & Co. Mehr Sinn als die unsäglichen Parmesan-Malereien auf den Tellerändern machen sie schon – trotzdem optisch schräg (sic!) und vielleicht bald wieder out.
Zu einem kräftigen 2022er Prunotto Bansella „Nizza“ (0,1 zu 9) aus dem Piemont gesellte sich als Primo ein Klassiker der neapolitanischen Küche, der zwar nach der ehemaligen Partnerstadt Genua benannt, aber dort fast nicht zu finden ist: Genovese Napoletana ist eine sehr lange eingekochte Rindfleisch-Ragout-Soße mit Zwiebeln, Karotten und Sellerie, die hier mit Mezzani serviert wird (23). Ein gelungenes, rustikales Pasta-Gericht, dass keinen Vergleich mit der schon öfters in Neapel probierten Version zu scheuen braucht. Als Secondo dann ein Nodino di Vitello, das Kalbskotelett perfekt medium gebraten, dazu Rosmarinkartoffeln in der Schale und ein hübscher Salat (Roter Mangold, Rucola etc.), fertig (39). Für ein Dessert (Tiramisu, Ricotta-Mousse, Käseauswahl) blieb leider keine Zeit mehr, der Tisch wurde um 20 Uhr wieder gebraucht.
Fazit: Wer ins Casele gehen möchte, muss sich gedulden, da auf Wochen ausgebucht: Das Restaurant ist gehypt, und das nicht ohne Grund. Allein die Einrichtung ist eine Schau, die fast schon rustikale neapolitanische Küche ein schöner Kontrast dazu, die Weinauswahl gelungen. Natürlich hat auch das alles seinen Preis – das gilt aber für viele Lokalitäten in der Münchner Innenstadt und die schauen weniger spektakulär aus und es schmeckt nur halb so gut. Und das Dessert holen wir nach – im Mai.
- Name: Casele
- Adresse: Müllerstr. 25, 80469 München
- Öffnungszeiten: Di-Do: 18 bis 24/Fr, Sa: 18 bis 1 Uhr
- Webseite: www.casele-muc.de
