19:30 Uhr
Münchner Volkstheater / Münchner Volkstheater – Bühne 1, Tumblingerstraße 29, 80337
München
Theater
Echtzeitalter
nach dem Roman von Tonio Schachinger
Deutsche Erstaufführung
Premiere am 19. April 2026
Till ist neu auf der weiterführenden Schule, einem traditionsreichen Gymnasium. In dem elitären Umfeld versucht er, den pädagogischen Maßnahmen seines aus der Zeit gefallenen Klassenlehrers, dem Dolinar, zu entgehen, der ausschließlich auf Reclamhefte und drakonische Strafarbeiten setzt. Die Klassengemeinschaft entwickelt über die Jahre hinweg einen kreativen Umgang mit der verstaubten Lehrkraft und flüchtet sich in umliegende Kneipen oder die Raucherecke. Till, der wenig Lust hat, diese Erlebnisse mit seiner alleinerziehenden Mutter zu teilen, findet zusätzlich im virtuellen Raum Zuflucht. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten beim Computer-Strategiespiel „Age of Empires 2“ lassen ihn zu einem der zehn besten Spieler der Welt aufsteigen – ein Erfolg, der weder vom Dolinar noch von seiner Mutter wertgeschätzt wird. In dieses verkorkste Teenagerleben treten plötzlich zwei Mädchen, die Till zeigen, dass man sich gegen das konservative System wehren kann und dass das Leben mehr als Schule und Computerspiele bereithält.
Mit seinem Roman, für den er 2023 den Deutschen Buchpreis erhielt, liefert der österreichische Autor Tonio Schachinger eine einfühlsame Coming-of-Age-Geschichte und eine scharfsinnige Gesellschaftsstudie. Die harmlose Teenager-Perspektive kratzt mit viel Witz an der elitären Fassade des Bildungsbürgertums und fragt, wie viel Tradition beim Erwachsenwerden eigentlich förderlich ist.
Regie: Jan Friedrich
Bühne und Kostüme: Max Schwidlinski
Musik Friedrich: Byusa Blam
Video: Nico Parisius
Lichtdesign: Anton Burgstaller
Dramaturgie: Nicholas Zöckler
Regieassistenz: Josephine Hacke, Dominik Poczta
Bühnenbildassistenz: Ellen Schäfer
Kostümassistenz: Felix Lindner
Besetzung
Julian Gutmann
Lorenz Hochhuth
Henriette Nagel
Max Poerting
Lasse Stadelmann
Genet Zegay
Die Besprechung unseres Rezensenten Peter Eidenberger:
Till ist Firsty. Erster Jahrgang am Marianum, einer altehrwürdigen (fiktiven) Wiener Lehranstalt, das Klientel hier ist eher geldig, der Deutschlehrer lässt als Lektüre nichts zu, was nicht als Reclamheft zu kriegen ist. Da hilft nur die Flucht, in Tills Fall stundenlang in „Age of Empires 2“, einem Strategie-Computerspiel, und darin bringt er es zum Meister. Doch irgendwann kommt ihm die Liebe dazwischen. Der Erfolgsroman „Echtzeitalter“ des 1992 geborenen Tonio Schachinger (2023 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet) trifft mitten ins Heute, eine Coming-of-Age-Geschichte für Pubertierende und Ältere – und noch viel Ältere.
Diese deutsche Erstaufführung im Volkstheater ist eine Zeitreise von 2012 bis zu Corona 2020, und Till gibt es gleich mehrfach (u.a. Max Poerting, Lorenz Hochhuth, Henriette Nagel). Sie werden später, im schnellen Wechsel, auch noch in etliche andere Rollen schlüpfen: Vater, Mutter, Lehrer, Freundin – jetzt sitzen sie erst mal in ihren gelben Edelmarken-Poloshirts verdruckst in den akkurat frontal positionierten Schulbänken, mit Masken auf: ängstliche Puppengesichter. Der despotische Lehrer (Julian Gutmann), ein wienernder Kotzbrocken, erscheint ihnen (dank Videotrick) wie Lord Voldemort oder Hannibal Lecter. Über dem cleanen Klassenraum (der sich später aufsplittet und die Aktionsfläche freier macht) liegt das Zimmer von Till, die Kamera zeigt ihn uns beim Spielen am PC oder auch den Schock über den Tod des Vaters: leerer Blick.
Regisseur Jan Friedrich lässt uns die Welt dieser Jugend ganz schön gut nachvollziehen, mit Witz und Empathie. Er, der gerne auf Live-Kamera und Video-Inserts in seinen Theaterarbeiten setzt, tut das hier wohl dosiert und mit emotionalem wie informativen Mehrwert (so kapieren endlich auch Boomer, worum’s bei AoE2 geht – auch wenn der Gamer-Slang einem Grenzen aufweist). Einfühlsam erklärt Till seiner Mutter (Genet Zegay) die Faszination des Zockens, eine berührende Situation: zwischen Verstehen-Wollen und Nicht-Enttäuschen-Dürfen. Wenn die Liebe einbricht, dann tut sie das ohne Fremdscham und Kitsch (was auch dem berichtenden Erzählstil aus dem Roman zu verdanken ist). Tills erste Liebe Feli (auch Zegay) ist eine Durchblickerin, sie macht ihn auch politisch wach: da blitzt dann die Zeitgeschichte rein, in Form der Ibiza-Affäre. Nach zwei Stunden: langer Beifall.
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Veranstaltungsort / Karte
Münchner Volkstheater / Münchner Volkstheater – Bühne 1
Adresse: Tumblingerstraße 29,
80337 München
