Liebt die Magie des Auspackens: Matthias Mühling

Matthias Mühling – Der Direktor die Städtische Galerie im Lenbachhaus im Interview

Tausche Turner gegen Blauen Reiter: Wie Matthias Mühling die wohl aufregendste Ausstellung der Stadt einfädelte

Herr Mühling, Turner im Lenbachhaus: Wie hat es sich angefühlt, als endlich feststand, dass die Ausstellung stattfinden kann – wie Geburtstag, Weihnachten und Ostern an einem Tag?
Matthias Mühling: Leider war es überhaupt nicht so, dass das an einem einzelnen Tag plötzlich Realität wurde. Es waren sehr lange Verhandlungen, die über drei Jahre gelaufen sind.

Kann man sich gut vorstellen.
Man muss auch sagen, dass ich es jetzt mit der zweiten Tate-Britain-Direktorin zu tun habe, die das Projekt betreut. Das Personal in der Tate ist ein anderes, aber auch das Lenbachhaus ist teilweise ein anderes. Es ist eine Ausstellung, die sehr, sehr viel Vorlauf und viele Verhandlungen brauchte. Dazu kam dann auch noch der Brexit. Und Corona.

Eine Odyssee, die Sie sicher Nerven gekostet hat.
Eben erst war der Tag, an dem ich das erste Aquarell auspacken konnte. Ein erhebender Moment! Dann holten wir das erste Gemälde aus der Verpackung – und es war ein Venedig-Bild. Eines, auf dem man Venedig fast gar nicht sehen kann, sondern so langsam erst erkennt, als herrschte dort ein fürchterlicher Nebel. Wenn man jetzt nicht wüsste, dass es ein Turner-Bild ist, würde man niemals auf die Zeit kommen, in der es entstand, sondern immer denken, es stammt irgendwann aus dem 20. Jahrhundert. Diese Augenblicke sind toll!

Zur Person:

Matthias Mühling, promovierter Kunsthistoriker, der auch Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert hat, leitet seit 2014 als Direktor die Städtische Galerie im Lenbachhaus und steuerte sie zuletzt sehr erfolgreich durch Corona-Zeiten. Der Austausch-Deal mit der Tate Britain ist sein bislang größter Coup und dürfte zu einer Blockbuster-Ausstellung führen.

www.lenbachhaus.de

Wie kam es denn dazu, dass Sie die vielen Turners, die ja sonst in London zu Hause sind, überhaupt zeigen können?
Es hat schon eine irre Logik – und beeindruckende Parallelen. Das Lenbachhaus hatte ja einst eine Schenkung von der Künstlerin Gabriele Münter bekommen – die riesige Blaue-Reiter-Sammlung. Dadurch sind wir weltberühmt. Diese Sammlung gibt es eben nur bei uns. Und nicht in New York, in Tokyo oder Buenos Aires. Und auch in der Tate Britain gab es diese Schenkung – den Nachlass von William Turner. Er hatte einfach alles, was er hatte, einst dorthin gegeben.

Vergleichbare Schätze also?
Es gibt Turner fast nirgendwo sonst – jedenfalls nur wenige Bilder. Und auch bei uns ist es ähnlich: Nirgendwo ist der Blaue Reiter so vollständig versammelt wie bei uns. Daraus ist die Idee mit dem Tausch entstanden: In diesem Jahr kommt Turner zu uns, der Blaue Reiter ist nächstes Jahr in London. Würden wir unsere weltberühmten Bilder nicht besitzen, hätten wir für diese Kooperation nichts anzubieten gehabt. Und diese Kooperation ist super nachhaltig.

Wie meinen Sie das?
Weil es eben nur ein Lastwagen ist, der vom Leihgeber per Landtransport zu uns kommt. Dafür müssen keine Flugzeuge rund um den Globus fliegen.

Wie sonst üblich, wenn man Einzelbilder mühsam aus den unterschiedlichsten Häusern zusammentragen muss.
Das ist jetzt viel einfacher – durch unseren Tausch. Wir haben mit Tauschgeschichten gute Erfahrungen gemacht und sie auch schon mal mit Japan durchgeführt. Resultat: Jetzt steht in jedem japanischen Reiseführer das Lenbachhaus als erste Adresse für deutsche moderne Kunst. Wir haben enorm viel Tourismus aus Japan. Leute, die zu uns kommen und die Sammlungen, aber auch den Garten genießen. In Großbritannien kennt man diesen Teil der deutschen Moderne aktuell überhaupt nicht.

Tatsächlich?
Das liegt nicht nur am Brexit. Auch viele uns näher bringende, intellektuelle Verbindungen sind leider oft total aufgebraucht. Lustig für mich hörte sich dann sogar die erste Aussage der Marketing-Abteilung der Tate an: Zunächst hieß es in London, unsere Ausstellung kann nicht „Blauer Reiter“ heißen – weil niemand vor Ort weiß, was das ist. Dann haben wir uns doch geeinigt. Ich bin mal gespannt, ob es in Zukunft junge Leute, die aus Großbritannien nach München kommen, irgendwann nicht nur zum Oktoberfest zieht, sondern auch zum Blauen Reiter. Und dass es hier Turner so vollständig zu sehen gibt, ist echt ein Wunder.

Trotzdem: Es brauchte ja seine Zeit, bis der Austausch endlich stand …
So einen Deal handelt man nicht am Telefon aus. Das war schon ein langer, kraftraubender Prozess. Und es gibt auch Nervosität im Haus, dass man diese Chance jetzt nicht vertut. Alle unsere Abteilungen sind bemüht, dass es ein großer Erfolg wird. Und wenn alle Turners wieder sicher zu Hause sind, dann atmen wir auf.

Was macht Ihre Turner-Ausstellung für Sie so aufregend?
Wir zeigen Turner in seiner ganzen Vielschichtigkeit. Viele Menschen kennen vielleicht seine Bilder. Aber es gibt so viel mehr, was man über ihn bei uns erfahren kann. Er hatte schon als ganz junger Mann ein enorm breites Interessensspektrum entwickelt: Er kam aus einfachsten Verhältnissen. Und er sprach sein ganzes Leben lang Cockney, also einen proletarischen Dialekt, würde man heute vielleicht sagen. Und er schaffet es, zu einem Weltstar zu werden und schon zu Lebzeiten irre aufzusteigen. Die Briten verehren ihn, wie wir auch unsere Künstler verehren – vor allem die vom Blauen Reiter. Und es gibt in jedem seiner Lebensjahrzehnte etwas, was man auch von ihm lernen konnte.

Woran denken Sie da?
Ich finde es ausnehmend spannend, in Zeiten des Klimawandels sich mit so einem Proto-Impressionisten zu befassen – also einem Künstler, der impressionistisch gemalt hat, lange bevor es den Impressionismus gab – und der sich so stark für Wetterphänomene interessiert hatte. Damals war es wissenschaftlich so, dass die Wolken noch gar keine Namen hatten, wie wir sie heute kennen – also etwa Cumulus, Stratus oder Cirrus. Wetterphänomene wurden erst so langsam erforscht – und Turner war vorne mit dabei. Als Turner geboren wurde, war die schnellste Geschwindigkeit, die es auf der Erde gab, ein Mensch, der auf einem galoppierenden Pferd saß. Als er starb, konnte man mit einem Dampfzug reisen.

Die Lokomotiven und Dampfschiffe mit ihrem Rauch sieht man ja auch bei ihm.
Die Wetterphänomene wurden genau ab der Zeit genauer untersucht, in der man plötzlich so viel Kohle verbrannte und die Luft immer schmutziger wurde. Die Menschen zogen in die Städte, um in Fabriken zu arbeiten. Durch den vielen Staub in der Luft wurden die Sonnenuntergänge immer röter. All das kann man bei Turner sehen. Er lebte also in einer gewaltigen Umbruchszeit. Wir denken ja immer an die Umwälzungen durch die Digitalität, aber damals änderte sich die Welt gewaltig. Alles Heutige ist kein Vergleich zu dieser Zeit, die Turner erlebt hat.

Schön, aber auch bedrohlich. Oft sieht das fast giftig aus.
Es ist giftiger Nebel. Vor allem in einem der berühmtesten Turner-Bilder überhaupt: jenem vom Dampfschiff, das sich in einem Sturm befindet. Man kann das Schiff eigentlich überhaupt nicht mehr ausmachen, so stark ist dieser Sturm. Nur wenn man genau hinschaut, sieht man einen Schornstein, aus dem eine andere Farbe ausdampft als der Sturm darum herum. Der Sturm ist so grau. Und dann ist das die Kohle, die verbrennt – bräunlich rot. Alles ist Farbe, und es gibt gar keinen Horizont.

Turner hat sich mit physikalischen Phänomenen und mit den bedeutenden Wissenschaftlern seiner Zeit beschäftigt – und die hat er teilweise auch persönlich gekannt. Michael Faraday etwa, den wir vom Faradayischen Käfig kennen, hat ihm den Elektro-Magnetismus gezeigt. Und genau diese Formationen finden sich in diesem Sturm auf dem berühmten Gemälde. Insofern haben diese Bilder eine immerwährende Aktualität.

Ein Vorreiter?
Auf jeden Fall. Wenn man die anderen Künstler der Zeit ansieht, gibt es niemanden, der diese Modernität wie Turner hat. Turner hat Bilder gemalt, die zu seinen Lebzeiten niemand lesen konnte. Auch diese Bilder zeigen wir. Wir präsentieren an einer Wand die Bilder, die Turner zu seiner Lebenszeit ausgestellt hat und die ihn berühmt gemacht haben. Und auf der anderen Seite finden sich Bilder, die Turner niemals ausstellen konnte, weil sie noch keiner verstanden hätte. In der Mitte zeigen wir die intellektuellen Arbeiten, mit denen er sich befasst hatte. Er war ja auch Professor für Perspektive. In diesen Zeichnungen zur Perspektive gibt es so viel entdecken.

In wie weit ermöglicht der Besuch bei Ihnen einen neuen Blick auf den Künstler?
Ich hoffe sehr, dass wir Turner noch einmal ganz neu präsentieren können. Man könnte ja sagen: Zu Turner hat die Tate Britain doch schon alles erzählt! Das ist aber nicht so. Es gibt immer noch Aspekte, die neu beleuchtet werden und Dinge, die anders erzählt werden können. Das ist ja auch bei unseren eigenen reichen Beständen so.

Wer das Lenbachhaus häufig besucht, sieht ja oft auch Bilder, die zeitweise gar nicht gehängt waren …
Nur 0,7 Prozent dessen, was wir sammeln, stellen wir aus.

Tatsächlich?
Es lohnt sich, immer wieder ins Lenbachhaus zu kommen. Es gibt in den Archiven immer noch Sachen, die vielleicht vor 50 oder 60 Jahren das letzte Mal ausgestellt wurden. Das ist bei uns auch beim Blauen Reiter so. Die Idee, dass etwas auserzählt sein könnte, stimmt nicht. Kunst mit so einer Qualität bietet immer wieder neue Anknüpfungspunkte. Großartig!