Man with glasses and a green hoodie stands with arms crossed, looking at the camera in a warm orange-toned setting.

ACT des Monats Juni: LE MILLIPEDE

Auf „Radical Hope“ befasst sich Bandleader Mathias Götz mit musikalischen Gedankenspielen über Nachhaltigkeit, ökologische Verantwortung und Zukunftsfähigkeit

Wer Mathias Götz schon mal begegnet ist, weiß was für ein ruhiger, friedliebender, neugieriger, gelegentlich auch verträumter, immer aber auch überaus sympathischer  Zeitgenosse er ist. Vor Corona hätte man jemanden wie ihn guten Gewissens und liebevoll als systemischen „Querdenker“ bezeichnet, was ja früher positiv gemeint war, seit Corona aber – als aluhuttragende Vollidioten die Begrifflichkeit kaperten – nicht mehr zutreffend ist. Also probieren wir es lieber mal mit Universaldenker. Denn Götz ist ja nicht nur Instrumentenbauer, Posaunist (auch bei der Hochzeitskapelle oder The Notwist, u.a. am 9.6. im Circus Krone), Komponist, Ornithologe, Gemeinwohlökonom und selbsternannter „Zurechtweiser“ – wobei man ihm bei letzterer Zuschreibung gerne einen leichten Hang zur Selbstironie unterstellen darf – sondern er macht sich auch ziemlich gut als Philosoph. Als solcher erlaubt er sich Fragen zu stellen, zu recherchieren und geistreiche Giganten zu lesen, auf deren Schultern sich seine (geistige und musikalische) Arbeit überhaupt erst entfalten kann.

Mit seinem gerade erschienenen Album „Radical Hope“ legt Mathias Götz alias Le Millipede nun ein Album vor, das Nachhaltigkeit nicht als zeitgeistiges Schlagwort behandelt, sondern als ebenso vielschichtige wie -seitige Denkbewegung hörbar macht. Die von Jazz, Kunstlied, Industrial, Jazz, Electronica, Techno und Avantgarde inspirierten Instrumentalstücke, mit gelegentlichen vokalen Lautmalereiverzierungen, kreisen um Fragen von ökologischer Verantwortung, Ressourcenbewusstsein und Zukunft im Allgemeinen. All das freilich inspiriert von Persönlichkeiten, die das Verhältnis zwischen Mensch und Natur auf ganz unterschiedliche Weise geprägt haben. Jeder Track ist dabei einer solchen Geistesgröße gewidmet – von frühen Vordenkern wie Hans Carl von Carlowitz, Baruch de Spinoza und Ernst Friedrich Schumacher bis zu moderneren Stimmen wie James Lovelock oder gar hoch aktuellen wie Niko Paech. Wissenschaft, Ökonomie und Philosophie liefern hier die gedanklichen Koordinaten, denn es geht um Kreisläufe, Grenzen und das richtige Maß. Mit Anna Amalia von Sachsen-Weimar taucht jedoch noch eine zusätzliche Perspektive auf: Nachhaltigkeit wird hier nicht nur als reines Ressourcenthema verhandelt, sondern als kulturelle Aufgabe. Ihre historische Forstreform aus dem 18. Jahrhundert verband schon damals ökologisches Denken mit Bildung, Kunst und gesellschaftlicher Fürsorge – ein Ansatz, der auf „Radical Hope“ dem Titel entsprechend deutlich nachhallen soll.

High-contrast graphic with the word 'RADICAL' in distressed, stencil-like letters and jagged shapes around it

Mit Blockflöten, Bratsche, Tuba, Schlagzeug, Keyboards und Posaune erzeugt Götz einen  organisch-bunten Klang irgendwo zwischen Komposition und Improvisation. Musikalische Gedanken über Zukunftsfähigkeit und schließlich auch eines, nämlich: Hoffnung als schöpferische Haltung. Radikal anders ist das, genreübergreifend zudem und genau genommen nirgendwo einzuordnen. Eine Wohltat für all jene, die mal besonders weit über den Tellerrand hinaus hören wollen und sich nicht vor musikalischem Neuland fürchten.

Q & A

1. Was inspiriert dich?

Bücher. Bücher über Natur. Bücher, die eine bestimmte Haltung haben – die selbst in ihrem Negativen noch etwas Positives tragen. Eine Joanna Macy finde ich sehr inspirierend. Sie hat jahrzehntelang Workshops zum Thema Tiefenökologie gemacht und, so stelle ich mir das zumindest vor, viele Menschen dazu gebracht, aktiv zu werden und sich für die Umwelt und die Natur einzusetzen, und das auf der ganzen Welt. Als ich ihr Buch gelesen habe, wollte ich am liebsten sofort losziehen und auch solche Kurse anbieten, besuchen, machen. Ernst Friedrich Schumacher ist auch so ein Mensch. Er hat eigentlich Ökonomie studiert und war dann in Großbritannien als Berater für die Regierung tätig, und später für die Regierung von Burma. Dort hat er den Buddhismus kennengelernt, kam zurück und hat 1973 dieses geniale Buch Small is Beautiful geschrieben. Ich bin sehr inspiriert von Menschen, die demütig sind und die Natur bewahren wollen. Und ich merke immer mehr, dass es eigentlich meine wahre Bestimmung ist – zusammen mit der Musik – mich mit solchen Themen beschäftigen zu dürfen. Bei dem aktuellen Album habe ich das einfach gemacht. Ich habe Bücher gelesen von Basler, Schumacher, Nico Paech, Joanna Macy. Ich habe über Lovelock, Carlowitz, und Spinoza gelesen, und über Anna Amalia, die um 1760 die erste flächendeckende Forstreform umgesetzt hat, die sich ausdrücklich auf das Prinzip der Nachhaltigkeit beruft. Das sind alles Dinge, die mich inspirieren. Und es macht mich glücklich, Musik zu machen, die berühren darf und durch begleitende Texte diese Themen transportieren kann.

2. Dein absoluter Geheimtipp für München?

… ist eigentlich eher chamäleonartig. Der verändert sich alle paar Monate oder Jahre. Und oft liegt er eher am Münchner Stadtrand. Zum Beispiel die Moosschweige zwischen Aubing und Puchheim. Oder das ehemalige BUGA-Gelände in Riem. Dort habe ich vor Jahren einmal an einem einzigen Tag Teichrohrsänger, Sumpfrohrsänger und Drosselrohrsänger gehört. (Begeisterung :)) Wenn man von dort Richtung Haar weiterläuft, kommt man an einer Kiesgrube vorbei, wo es auch ganz besondere Vögel gibt. Das sind Orte, zu denen es mich immer wieder hinzieht. Im Sommer ist natürlich die Isar unschlagbar. Der Eisbach ist sehr besonders und toll. Und auch die Stelle an der Weideninsel mag ich sehr – wobei man da eigentlich nicht von einem Geheimtipp sprechen kann. Da sind täglich Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen.

3. Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Bis dahin habe ich ein tolles Unterrichtskonzept für Instrumentalunterricht entwickelt. Eines, das nicht so sehr auf Technik aus ist, sondern darauf, Kindern spielerisch die Freude zu vermitteln, die ein Instrument und das gemeinsame Musizieren bringen können. Ich werde wahrscheinlich wegkommen vom klassischen Einzelunterricht und nur noch Gruppenunterricht anbieten. 🙂 Außerdem werde ich ein gern gesehener Filmmusikkomponist bei Arthouse-Filmen sein – bei Regisseurinnen und Regisseuren, die sich etwas trauen dürfen, bei denen es ausdrücklich gewollt ist, dass die Filmmusik überrascht. Zum Beispiel wird es einen Film geben, in dem als Filmmusik nur Posaune zu hören ist. Ein bisschen wie bei Dead Man, wo es im Grunde nur Gitarre gab. Warum denn auch nicht? Und mit dem neu gegründeten Label Radical Hope Records wird es viele Kollaborationen geben – mit Künstlerinnen und Künstlern, die sich in NGOs oder Vereinen engagieren, die vllt auch wissenschaftlichen Bezug haben und sich mit Umweltthemen beschäftigen. Vielleicht ist dann gar nicht mehr so klar, ob diese Menschen eher Umweltschützer oder Musiker sind. Vielleicht ist es auch einfach beides – gleichwertig. Und in 10 Jahren schauen wir einfach noch einmal auf dieses Interview zurück … hihi. Außerdem wird es ein großes Festkonzert geben, mit Gästen aus aller Welt – anlässlich der Eintragung der Loisach als juristische Person, ähnlich dem Vorbild des Whanganui-Flusses in Neuseeland. Außerdem wird in Bayern die Gemeinwohlökonomie – wie schon in der Bayerischen Verfassung angelegt – tatsächlich umgesetzt werden. 😉 (Art. 151 (1): Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.) Etwas später wird Deutschland die Initiative übernehmen und diese Idee in die europäische Politik einbringen. 🙂

4. Was gefällt dir in/an München?

Mir gefällt, dass es eine Regionalgruppe der Gemeinwohlökonomie in München gibt, in der ich aktiv sein kann. Es ist schön, einen Ort zu haben, an dem Menschen zusammenkommen, die wirklich etwas bewegen und Wandel gestalten wollen. Außerdem hab ich vor über 15 Jahren den Kosmos des Gutfeeling Labels kennenlernen dürfen. Wer es nicht kennt, der kennt nicht München, oder interessiert sich nicht für Kultur, für Subkultur. So tolle Platten gibt es da. Die Landlergschwister sind eine Wucht….Danke Ernie, Alois und G.Rag

5. Welchen (Münchner) Prominenten würdest du gerne zum Kaffee oder Bier treffen?

Daniel Schreiber hat in seinem Buch „Liebe!“ einen Aufruf geschrieben, dass man sich von dem Reflex verabschieden sollte, aus politischen Gegnerinnen und Gegnern gleich Feinde zu machen. Das würde ich wahnsinnig gerne lernen – auch wenn mir das bei dem einen oder anderen Politiker ehrlich gesagt eher schwerfällt vorzustellen. Aber ich wäre bereit, es zu lernen. Vielleicht könnten wir Markus Söder zu einem Gespräch ins Literaturhaus einladen und das gemeinsam ausprobieren …? Ernst gemeint.

6. München ist für mich wie …

… eine Seifenblase. Im ersten Moment faszinierend, spannend und schön, hier leben meine Freunde, meine Tochter, und dann pikst jemand in die Blase rein, und plötzlich sieht man Dinge, die man gerne verändern würde.