Diesmal mit dabei: Foo Fighters, Kevin Morby, Broken Social Scene, Paul Holland, The Milk Carton Kids, WEB WEB und Dobré
Platte des Monats: Kevin Morby – Little Wide Open
Von „nuttigem Mehrwert“ war die Schreibe oder von „nervigem, peinlichem Mist“. Andere wieder schwankten zwischen „Bullshit“ und Mitleid. Aber was war passiert, dass meine im Normalfall eher besonnen wirkende FB-Bubble doch so unverhältnismäßig aus dem Sattel ging? Nun, Kevin Morby hatte sich erdreistet für die Konzerte im Rahmen seiner jetzt anstehenden Tour VIP-Pakete anzubieten, die eine/n dazu berechtigt dem Künstler die Hand zu schütteln (mit Foto-Option), dem Soundcheck beizuwohnen (ich habe hunderte als Musiker und Künstlerbetreuer miterlebt, braucht kein Mensch) und das alles bestens behütet von einer speziell designten Kevin Morby Rope Cap.
Was also im Mainstream längst gang und gäbe ist, Megadeth etwa verlangen „mehrere hundert Dollar“ für Vergleichbares, gibt es das bei Morby – bislang nur in Amerika und Kanada – für ca. 116 erschwingliche Dollars (Quelle: Crescent Ballroom, Phoenix). Bei denen also, die Millionen verdienen ist das voll okay, während die anderen, die eh schon schauen müssen wo sie bleiben, dafür angegangen und kritisiert werden. Na, mir ist’s wurscht, denn viel wichtiger ist doch, dass das neue Album wirklich hinreißend geworden ist. Dazu Morby: „Es ist ohne Zweifel mein persönlichstes und verletzlichstes Werk.“ Großen Anteil daran hat auch Starproduzent (u.a. für Ed Sheeran, Taylor Swift, Gracie Abrams) und The National-Multiinstrumentalist Aaron Dessner, der es laut Morby verstand ihn „davon abzuhalten, zu viele Verzierungen einzubauen, und die Songs stattdessen atmen zu lassen.“ Und schon wahr, „Little Wide Open“ (was gerne auch als musikalische Reminiszenz an Tom Petty gewertet werden darf) wirkt luftig und unbeschwert, während sich die Songs, so Morby, „einem Panorama aus verschlungenen Highways, Kleinstädten, Straßenkreuzen, Rock’n’Roll-Romantik, Schmetterlingen im Bauch, dem Leben als amerikanischer Entertainer, Econoline-Vans und vielem mehr“ drehen.
Traditioneller US-Folk trifft, wie auch schon bei den ebenfalls wärmstens zu empfehlenden Alben „Sundowner“ (2020) und „This Is A Photograph“ (2022), auf Americana und einen Hauch von – für mich zumindest – immer noch glaubwürdiger Indie-Attitüde. Seien ihm doch die zusätzlichen Einnahmen vergönnt, es muss ja niemand und die, denen so etwas wichtig ist, werden es gerne geben… Apropos: Auch Cameron Winter und seine Senkrechtstarter Geese machten sich letzthin verdächtig, die Indie-Kredibilität (ehemals kam das ja mal von „independent“ also unabhängig, bis die Majors das für sich kaperten und zum Mainstream machten) verraten zu haben. Laut The Guardian haben Geese mit Agenturen zusammengearbeitet, die wiederum ebenfalls Major-Geschäftsgebahren an den Tag leg(t)en und mit gefakten Accounts und allerlei anderem Internet-Scheißdreck die Popularität der frisch ausgerufenen Indie-Götter zu mehren. Wo das alles noch hinführt? Keine Ahnung. Und hat die Indie-Polizei immer recht? Eher nein… Gut beraten ist man in jedem Fall auch weiterhin mit dem Don’t-believe-the-hype-Grundsatz – und bei Kevin Morby läuft man aufgrund seiner langjährigen Karriere keinesfalls Gefahr, sich blindlings einem Hype anzuschließen. (18.7. Technikum)
KURZ & GUT
Foo Fighters – Your Favorite Toy
„Caught In The Echo“ ist wirklich ein großartiger Opener. Rock-Riffs meets Pop-Harmonien und Hardcore-Shouts. „Off All People“ kommt als ein Mix aus Grunge und Punk, folglich also in bester Nirvana-Tradition daher. Einen Gang runter schalten Dave Grohl und die seinen dann beim psychedelisch-hypnotisch anmutenden „Window“, welches seinen früheren Bandkollegen Cobain und Novoselic wohl ebenfalls hervorragend gefallen hätte. Schon stürmt der Titelsong voraus, dazu Grohl: „‚Your Favorite Toy‘ war wirklich der Schlüssel, der den Ton und die energetische Richtung des neuen Albums bestimmt hat. Es war die Zündschnur für das Pulverfass an Songs, die wir schließlich für dieses Album aufgenommen haben. Es fühlt sich neu an.“ Genau, ‘nough said, weswegen ich hier dann auch enden möchte, obwohl noch sechs weitere explosive Rockknaller folgen. (17.6. Allianz Arena)
Broken Social Scene – Remember The Humans
Haha, ja klar, schöner Gedanke. Was aber wenn 60-70 % dieser „Humans“ gefühlt die größten Idioten sind, die man sich vorstellen kann? Mal ehrlich, immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich mich schäme, dieser – in großen Teilen – völlig verblödeten Spezies anzugehören. Aber gut, egal, lasst uns zur Abwechslung ruhig mal im Sinne der aus Toronto stammend Musik-Humanisten um die beiden Bandleader Brendan Canning und Kevin Drew an die 30-40 % denken (oder auch erinnern), die immer für das Gute standen und stehen, für all die Liebe, Empathie, den Altruismus und all die anderen wunderschönen Eigenschaften zu denen Menschen ja auch fähig sind (oder wären). Musikalisch trifft das schon mal zu, denn „Remember The Humans“ gefällt mit einer vitalen manchmal aber auch leicht überfrachteten und -ambitionierten Mischung aus abwechslungsreichem Indie-Rock und -Pop, auch wenn die Kanadier einmal mehr das Rad nicht neu erfinden.
Paul Holland – Sunflower
Hoppla, als hätten wir es immer schon gewusst, zählt der Ulmer Singer/Songwriter mit seiner langjährigen Busking-Residency am Münchner Hofgarten, beim altehrwürdigen Rolling Stone Magazin in dessen Mai-Ausgabe zu den „25 Acts für die Zukunft“. Gratulation! Und schon wahr, sein Debütalbum (fast ein „Heimspiel“ zugegebenermaßen) ist ein hörenswertes, diesmal allerdings nicht (nur) auf die reduzierte Folktour sondern eben auch mit vollem Rockgeballer. Die Kings Of Leon standen wohl Pate, genauso wie die Kings Of Convenience, dazu die Eagles sowie auch seine großen persönlichen Vorbilder Leif Vollebekk und Passenger. Westcoast meets Softrock und Americana, ebenso hörenswert wie vielversprechend. (12.7. Forum Fürstenfeld mit Dobré)
The Milk Carton Kids – Lost Cause Lover Fool
Seit der Gründung vor gut 15 Jahren gilt das Duo als eine der wichtigsten Stimmen des modernen US-Folk. Und auch auf ihrem bislang siebten Album bleiben Kenneth Pattengale und Joey Ryan die großen Meister der leisen Zwischentöne. Das selbstproduzierte Album setzt traditionell auf minimalistische Akustik-Arrangements, fragile Harmonien und Songs, die aus kleinen, oft wunderschönen und gänzlich zartbesaiteten Momenten ganz eigene Welten entstehen lassen. „Dieses Album ist im Kern eine Sammlung von Songs über Verwandlung“, reflektiert Pattengale, „über das sich wandelnde Terrain des Bewusstseins und die Geschichten, die wir konstruieren, um zu verstehen, wer wir waren, wer wir sind und wer wir werden.“ Im Kern geht es den beiden in ihren Texten also auch um die Menschen und ihre kognitiven Fähigkeiten, die sie leider so oft sträflich vernachlässigen.
HEIMSPIEL
WEB WEB – Kover Kover
Richtig gute Laune verbreiten auf „Kover Kover“ mal wieder WEB WEB, die sich hier mal von einer völlig anderen anderen Seite zeigen. Der interpretatorischen nämlich, und zwar in dem sie sich eher abstrakt mit großen Namen der Rock-Historie beschäftigen. So laufen Roberto Di Gioia (p, organ, synth, perc), Tony Lakatos (fl, sax), Christian Von Kaphengst (b) und Schlagzeuger Peter Gall hier zu improvisierender Bestform auf und lassen Songs vonNirvana (fantastisch „Come As You Are“), Klaus Doldinger, Grace Jones, Black Sabbath, Jimi Hendrix, Talking Heads (mystisch „Once In A Life Time“), Grandbrothers, Dave Pike, Empire Of The Sun, Joe Jackson, Eurythmics (mitreißend „Sweet Dreams“) und Kruder & Dorfmeister in einem bislang unbekannten Kontext erklingen. Spannend. (17.6. Unterfahrt)
Dobré – In Our Early Twenties: Collected Songs 2020-2025
Kaum zu glauben, aber seit gut und gerne 20 Jahre sind nun auch schon Dobré am rumwerkeln im Münchner Indie-Underground. Die fünf Münchner haben sich mit Songs wie „Going Under“ oder „Like A Hammer“ längst in die Herzen der Folk-Rock-Community gespielt. Immer mit charmanter Melancholie, unaufgeregt, eigenwillig, zeitlos und tiefensympathisch. Gefeiert wird nun das Jubiläum freilich dort, wo die Band seit Jahren ihre besonderen Release-Momente zelebriert(e). Wer also die bislang nur digital erhältlichen Songs endlich auch physisch auf dem Plattenteller oder, eher unwahrscheinlich, noch im CD-Player hören will, hier hat man die Möglichkeit, das analoge Schmuckstück – verpackt im liebevoll nostalgischen „Flohmarktfund-Look“ – zu erstehen. (Record Release Show 19.6.26 Milla + 12.7.26 Forum Fürstenfeld mit Paul Holland)
