Der Filmtipp: „Sirât“ von Oliver Laxe

How fragile we are. Franz Furtner über „Sirât“ von Oliver Laxe in unserem Filmtipp des Monats. Ab 14.8. im Kino.

Trockene Landschaft. Schwarze Boxen werden gestapelt. Verkabelt. Bässe wummern, Körper räkeln sich. Wir sind auf einem Rave in der marokkanischen Wüste. Mittendrin ein spanischer Mann und sein circa 10-jähriger Sohn, auf der Suche nach der verschollenen Tochter bzw. Schwester. Die Suche bleibt erfolglos, doch eine Raver*innen-Clique meint, dass die junge Frau zu einem weiteren Rave-Happening im Süden des Landes kommen könnte. Ein Trip mit drei Autos durch unwegsames Gelände beginnt, während dem im Radio zu vernehmen ist, dass gerade der dritte Weltkrieg ausbricht.
So basal und elaboriert zugleich ist der Plot eines der Cannes-Jury-Preisträgerfilme 2025. (Die Jury vergab dieses Jahr zwei Preise. Den zweiten an den deutschen Film „In die Sonne schauen“, der kommenden Monat in den Kinos startet.)

Inszeniert mit angemessen apokalyptisch aussehenden und zugleich versiert tanzenden Laien-Darsteller*innen ist der Film eine Meditation über die Lebensreise der Menschen und ihre Zerbrechlichkeit. Durchtränkt von Musik, so minimalistisch, wie die Landschaft karg ist, gibt der Film vor ein Roadmovie zu sein, um sich dann mit großer Heftigkeit doch ganz anders zu entwickeln: Hier geschieht die Handlung, während die Fahrt unterbrochen wird, beim klassischen Road-Movie ist die Fahrt der Plot und wird von kleinen Ablenkungen pausiert. Ein Abgesang an archetypische Genrekonventionen, sowie die Zeit, in der diese entstanden. Und doch scheinen manche Klassiker durch: Mit seinen Riesenfahrzeugen im Kriegs/Wüstensetting erinnert Sirât an Mad Max, Lohn der Angst und Co., in seinem (mean) Spirit und seiner zur Hälfte einsetzenden, unerwarteten Gnadenlosigkeit ist er aber eher bei Regie-Enfants-Terribles wie Gaspar Noé anzusiedeln. Grad, dass nicht „Die Zeit zerstört alles“ eingeblendet wird. („Irreversible“ – wir erinnern uns.)

Gespalten wie die Cannes-Jury

Und nun hockt man im Kinosaal und realisiert: Man selbst ist wie die Cannes-Jury – gespalten! Da gibt es den vermeintlichen Schmerzensmann in mir, der findet das alles eindrücklich und in seiner wuchtigen Reduktion erstaunlich tiefgründig. Dann gibt es aber auch den, der – wie wohl auch Sie, liebe lesende Person – schon weiß, dass wir alle einmal sterben werden. Und auch wenn es es durchaus wert ist, sich dieser Erkenntnis hin und wieder aufs Neue zu stellen, wird sie hier wahrlich nicht subtil unterbreitet. „Seht ihr, hier geht’s um Tod und so. Großes Thema! Jurypreis, bitte!“
Zudem sind es hauptsächlich kaum nachvollziehbare Entscheidungen der Figuren, die ins vom Film so sehr gewollte Verderben führen. Stichwort: Trauer-Rave bei Wasserknappheit. Was einem sehr fern liegt, ist aber zugleich interessant anzusehen und so kann man sich an dem Film wunderbar reiben und wird zur Reflexion aufgefordert. Zwar mit dem Holzhammer, dafür schlägt er kunstvoll und kräftig.