Woman in a blue winter jacket gazes to the right with a rugged mountain range in the misty background.

Der Filmtipp: „Die andere Seite“ von Mariko Minoguchi

Zeit der Wunden. Franz Furtner über „Die andere Seite“ von Mariko Minoguchi. Ab 22.10. im Kino

Hanna (Nina Hoss) ist Ärztin und lebt allein in alpiner Wildnis. Sie ist infiziert. Mit einem Virus, der Mensch und Tier tötet und die Gesellschaft gespalten hat. Infizierte werden in Lager gebracht, wo sie an wild wuchernden Mutationen des Virus sterben, während der gesunde Rest der Gesellschaft relativ „normal“ lebt, so er es denn vermag, sich die Massendeportationen schön zu reden. Gerüchte machen die Runde, dass es den Infizierten in wärmeren Gefilden besser gehen soll und eine Fluchtbewegung von Norden nach Süden entsteht. Auch Hanna beschließt ihr Versteck zu verlassen und eine Wanderschaft durch alpine Höhen und menschliche Niederungen beginnt.

Die Münchner Regisseurin und Drehbuchautorin Minoguchi legt mit „Die andere Seite“ nach dem völlig zurecht erfolgreichen „Mein Ende. Dein Anfang.“ (2019) ihren zweiten Langfilm vor und widmet sich erfreulicherweise wieder einem Genre. Erfreulich weil in der deutschen Filmlandschaft allzu selten, gerade wenn es um das finstere Genre des dystopischen Thriller-Road-Movies geht. Und finster it is, meine Lieben. Sei es beim Zufallstreffen Hannas mit einer alten Frau, die aus ihrer österreichischen Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wurde oder in einem Camp, in dem sich Infizierte selbst organisieren – Darstellungen von Menschen in Elend und misslichen Lagen durchziehen diesen Film. Dabei wirkt er aber nie übermäßig oder so, als wolle er seine Schaffenshöhe aus der Härte ziehen wollen. Nein, der Film geht trotz seiner Drastik nuanciert zu Werke.

Eine Figur entsteht

Allein wie die Figur der Hanna vor und in uns entsteht: Die Regie achtet auf Details im Verhalten -ein Mienenspiel beim Kaninchenhäuten, ein Kartoffelzerdrücken am Esstisch- und Hoss‘ großartiges Spiel besorgt den Rest. Wir meinen Hanna schon sehr gut zu kennen bevor wir ihr erstes gesprochenes Wort zu hören bekommen. Mit ähnlicher Vorsicht scheint das Drehbuch geschrieben, das sich aufgrund schrecklicher Jahre von 2020 bis 2024 darauf verlassen kann, dass wir eben doch alle kleine Epidemiolog*innen mit Pandemie-Basiswissen geworden sind. Auch in Bezug auf zwischenmenschliche Dynamiken, die wir durchlebt haben. Selbstverständlich erinnert vieles an die Coronajahre, aber eben auch an die unmenschliche Abschottungspolitik der EU gegenüber Migrant*innen oder an die Arendtsche „Banalität des Bösen“. Viele dieser Diskurse sind hier in neue Kontexte gerückt und werden so aus frischer Perspektive beleuchtet.

Großes Genrekino aus Deutschland

Denn: Filmische Metaphern müssen nicht 1:1 als Schablone auf unsere Gegenwart gelegt werden können, um uns etwas über ebenjene zu erzählen. Das weiß der Film und nimmt seine Zuschauer*innen damit direkt ernster und traut ihnen mehr zu als viele Genreproduktionen anderer Länder. Und dass Minoguchi dann auch noch den Mut besitzt, das alles in den vom Heimatfilm eher als „gemütlich“ besetzten Alpen spielen zu lassen, ist ein weiterer Clou des Films, der die in Deutschland aufgewachsenen Film- und Genre-Fans aufjauchzen lassen wird.