Diesmal mit neuer Musik von Dinosaur Jr., Phoebe Bridgers, Sinem, Mountain Goats, Lambchop, Shearwater u.a.
Platte des Monats:
Phoebe Bridgers – Lost Weekend
Ein „Triumph“ sei das neue Album von Phoebe Bridgers, meinte unlängst zumindest ihre Busenfreundin Taylor Swift, mit der sie gerne kooperiert und auch schon im Vorprogramm auftreten durfte. Und auch sonst scheinen sich alle einig zu sein. In „The Outside“ denkt man spontan an Bon Iver, mit all dem Vocoder-Effektzeugs auf der Stimme. In „Lost Boys“ setzt sich das zu Beginn fort, doch dann entwickelt sich ein wunderschöner Midtempo-Folk-Pop-Song, der keine große Effekthascherei mehr nötig hat. Auch „Kill Me“ schleicht sich mit der akustischen Lagerfeuergitarre und stark verhallter Stimme an, während „The Governor’s Waltz“ mit einem düster voluminösen Pianoakkord startet, bevor die Gitarre sanft im 3/4tel Takt zupft und Bridgers, auch stimmlich, ein bisschen an Aldous Harding erinnert. Der Titelsong wabert mit der 70s-Orgel daher, bevor der „Liberty Tree“ und auch „I Can’t Wait“, dem Titel entsprechend nervös, noch mal ordentlich Fahrt aufnehmen. Gut, dass die harmonisch hoch interessante Pianoballade „As Above“ einen rechtzeitig zum finalen Reprise des Titelsongs am Ende wieder in einen angenehmen Ruhepuls verfallen lässt. Ums kurz zu machen: „Lost Weekend“ ist wahrlich einzigartig und in jeder Geste, jedem Ton und jeder Textzeile schlicht triumphal!
Zugabe:
Dinosaur Jr. – There Near
Klingen tut er wie der junge J. Stimme, check. Gitarre gniedeln, dito. Murph trommelt wie bekloppt und der große Lou Barlow, der einst bei Dinosaur Jr. ausstieg um seinen famosen Sebadoh die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienten, ist auch nicht mehr aus dem Band-Line Up wegzudenken. 2005 war es, als die beiden Gründungsmitglieder an Bass und Schlagzeug wieder zurückkehrten um seit-an-seit mit Sänger und Gitarrist J. Mascis wieder unter Dinosaur Jr. zu firmieren. Jetzt muss ich gestehen, ich bin Fan der ersten Stunde. 1991 hab ich sie mit ihrem Signature-Album „Green Mind“, damals noch in der guten alten Theaterfabrik – Unterföhring, versteht sich – gesehen (Mascis stand damals während des Einlass’ direkt neben uns im Auditorium). Davor hatte ich mir schon „Bug“ besorgt, mit dem Indie-Rock-Klassiker „Freak Scene“ nachdem ich gleich mal mein eigenes Plattenlabel benannte. Irgendwie scheint bei Mascis und Konsorten seit 40 Jahren die Zeit still zu stehen und so kann man sich freuen auf jede Menge Fuzz-Gitarren, inklusive genüsslich ausgedehntem Solieren, getragen von einem stürmisch nach vorne rockenden Rhythmus-Fundament. Ich schreib’s nur ungern, aber nach dem Hören, sollten schon die Ohren klingeln. Was ich meine: Muss man laut hören!
Shearwater – The New World
Was für eine großartige Band Shearwater (auch live) sind, davon konnte ich mich vor gut 14 Jahren im Orangehouse überzeugen. Hier machten sie meines Wissens zum letzten Mal in München Halt um ihr grandioses Album „Animal Joy“ zu präsentieren. Jetzt kehren sie im November endlich zurück und gewähren akustische Einblicke in ihr neues Album „The New World“. Auf diesem klingt Bandleader und Sänger Jonathan Meiburg einem Mark Hollis nicht unähnlich und zuweilen musiziert auch seine Band nahe am Klangspektrum von Talk Talk zu ihren experimentelleren Zeiten. Am ehesten kann man das vielleicht sogar als eine Mischung aus Psychedelic-Folk und melancholischem Art-Pop bezeichnen, in jedem Fall aber sind Shearwater eine der meist unterschätzten Bands der letzten 25 Jahre. Ach, und bevor ich’s vergess’: Laurie Anderson, die Grande Dame der intellektuellen Avantgarde, weiß das schon länger und sprach den Text zum Song „You And Your Dog“. (14.11. Ampere mit Co-Headliner Loma + Support: Any Kind)
Lambchop – Punching The Clown
Was bin ich froh, dass sie dem Kurt Wagner endlich seinen Computer weggenommen haben. Schon klar, ihm war wohl fad und da wollte er mal was Anderes probieren, einzig mir hat’s nicht getaugt. Jetzt bin ich aber sowas von saufroh, dass er wieder im Analogen zurück ist. Reduziert kommen seine souligen Gospel-meets-Folk-meets-Country-Variationen aktuell daher: Stimme, Chor, Banjo, Gitarre – mehr brauchen Lambchop nicht. Wobei nur wenige so herzergreifend singen wie Wagner, die Chöre manchmal etwas aufgesetzt wirken, das Banjo u.a. kein Geringerer als Justin Vernon aka Bon Iver beisteuerte und die Gitarre von Andrew Broder (Fog, Hymie’s Basement, The Cloak Ox u.a.) sowohl geschlagen wie auch gezupft manch magischen Moment erschafft.
Sinem – Hatun
Ihr zweites Album (erscheint am 25.9.) hat die junge Münchner Musikerin Sinem gleich mal ihrer Oma gewidmet, weswegen es auch ihren Namen im Titel und ihr Foto auf dem Cover trägt. Diese hatte vor langer Zeit all ihren Mut und ein paar Klamotten zusammengepackt und hat sich nach Deutschland aufgemacht. Fuß gefasst hat sie schließlich in einem kleinen oberbayerischen Dorf, ihr Mann folgte ihr mit den Kindern. Das also sind die Wurzeln von Sinem, die nicht nur für München oder Bayern sondern bundesweit für (musikalisch) gelungene Integration steht und natürlich für „Anadolu-Punk“, als welchen sie selbst ihre Musik am liebsten bezeichnet. Es ist ein hörenswerter Crossover aus Orient und Okzident, wie man so schön sagt und freilich auch schreibt, der sich aus subversivem westlichem Avantgarde-Pop genauso speist wie aus den folkloristischen Musiktraditionen ihrer türkischen Vorfahren. Während sich Sinem um Gesang und demzufolge auch um die Texte kümmert, fand sie im umtriebigen Münchner Musikurgestein Tom Wu (Kamerakino, The Lazy, Hans Platzgumer u.a.) denjenigen, der für die musikalischen Kompositionen verantwortlich zeichnet. (23.9. Record Release Show in der Milla)
Kurz & knapp:
Hollywood Vampires – At Montreux Jazz Festival
Ok, Montreux ist also auch nicht mehr das, was es mal war: Die Oldschool-Mucker-Stars um Johnny Depp und Alice Cooper hatten jede Menge Spaß und mit AC/DCs „The Jack“ und Motörheads „Ace Of Spades“ auch zwei hübsche Party-Kracher auf der Setlist.
Julia Holter – Marteria
Auch hier ein Hauch von Talk Talk: Mal esoterische, mal mystische Klangforschungen zwischen Improvisation und Konzeptkunst, dargeboten mit zärtlich schimmernden Synthesizern, verträumten Holzblasinstrumenten und entrückten Gesängen.
Mountain Goats – Days
Der Output (24 Alben in 31 Jahren) – da wiederhole ich mich immer wieder gerne – der Mountain Coats ist bemerkenswert. Und vieles was John Darnielle und Freunde bisher raugebracht haben, ist schön anzuhören. Im Falle von „Days“ aber wäre womöglich eine 4-Track-EP ratsamer gewesen.
