Physiker und TV-Moderator HARALD LESCH spricht über Hitzewellen, die Energiewende, seine Hoffnung trotz aller Krisen – und sein Musikfestival.
Herr Lesch, wir erleben eine heftige Hitzewelle nach der anderen. Viele Menschen stöhnen und beginnen sich zu fürchten. Muss es tatsächlich immer erst so heiß werden, damit die Leute ernsthaft über den Klimawandel nachdenken?
Diejenigen, die den Klimawandel unbedingt leugnen wollen, werden sich auch durch eine Hitzewelle nicht davon abbringen lassen. Aber alle anderen spüren natürlich sehr deutlich, dass wir es mit einem Phänomen zu tun haben, das wir so noch nicht kannten. Wir erleben seit Jahren immer wieder Rekorde: die höchsten Temperaturen, die niedrigsten Niederschläge, die wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen. Das Einzige, was wir tun können, ist informieren, informieren und noch einmal informieren.
Hilft das denn noch: Werden die Menschen dadurch sensibler?
Ich glaube schon. Vor allem über das Thema Gesundheit. Im Moment gilt vor allem: Hitzeschutz. Viele Menschen machen sich noch viel zu wenig Gedanken darüber, wie viel sie trinken, wie sie sich kühlen oder wie sie sich während extremer Hitze verhalten. Vielleicht gelingt es uns sogar über das Gesundheitsthema, mehr Menschen für den Klimawandel zu interessieren.
Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, gegen eine Wand der Gleichgültigkeit anzureden?
Nein, überhaupt nicht. Das entspricht ehrlich gesagt auch nicht meinen Erfahrungen. Wenn wir mit unserem Programm „Die vier Jahreszeiten im Klimawandel“ unterwegs sind, sind die Säle voll. Hinterher stehen die Leute auf, diskutieren, engagieren sich. Oft sind Energiegenossenschaften vor Ort und berichten anschließend, dass sie neue Mitglieder gewonnen haben. Wir erleben bundesweit ein großes Interesse an dem Thema.
Trotzdem entsteht oft der Eindruck, angesichts der Kriege und Krisen weltweit verliere der Klimaschutz gesellschaftlich an Bedeutung.
Das ist eine merkwürdige Selbsterzählung der Medien. Schaut man sich Umfragen an, sieht man etwas anderes. Weit über 80 Prozent der Bevölkerung sind der Meinung, dass beim Klimaschutz mehr getan werden muss. Die Frage ist eher, wie schnell Veränderungen stattfinden und was jeder Einzelne beitragen kann. Aber das grundsätzliche Interesse ist nach wie vor sehr hoch.
Sind Sie angesichts der Entwicklung optimistisch: Kann man die Lage noch retten?
Absolut. Wissen Sie, wie viel erneuerbarer Strom in Bayern inzwischen im Netz ist?
Ich hätte vielleicht auf 30 Prozent getippt.
Es sind 75,5 Prozent. Das wissen viele Menschen gar nicht. Dabei zeigt das doch, dass sich unglaublich viel bewegt. Deutschland liegt insgesamt bei etwa 60 Prozent erneuerbarem Strom, Bayern sogar darüber. Wasserkraft und Geothermie spielen dabei eine große Rolle. Gleichzeitig werden Batterien immer günstiger, die Speichertechnologien entwickeln sich rasant, weltweit haben die Erneuerbaren die Kohle bereits überholt. Wir sind auf einem guten Weg. Wir haben nur zu spät angefangen und sind noch immer zu langsam.
Oft wird von den Bürgern verlangt, auf vieles zu verzichten, während Industrie, Flugverkehr oder Politik weitermachen wie bisher. Verlangt man den Falschen die größten Opfer ab?
Das sehe ich differenziert. Der größte Hebel für Privatpersonen liegt darin, sich an der Energiewende zu beteiligen. Wer Mitglied einer Energiegenossenschaft wird oder sich an Speicherprojekten beteiligt, kann direkt etwas bewegen. Natürlich spielen auch Mobilität und Flugverkehr eine Rolle. Das sind tatsächlich die größten CO2-Quellen im privaten Bereich. Aber vieles andere wird überschätzt.
Viele Menschen wirken angesichts von Kriegen, Wirtschaftskrisen und gesellschaftlichen Konflikten erschöpft. Muss der Klimaschutz da zwangsläufig in den Hintergrund rücken?
Nein. Aber wir müssen realistisch bleiben. Weder Sie noch ich werden die großen Krisen der Welt lösen. Wir können aber Menschen motivieren, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Jeder sollte das tun, was er kann. Ich bin weder General noch Politiker. Ich bin Physiker. Also beschäftige ich mich mit Klima und Energie.
Sie hätten aber durchaus Politiker werden können.
Nein, das glaube ich nicht. Ich bin als kommunizierender Naturwissenschaftler viel wirksamer. Gerade die Energiewende zeigt doch, dass Veränderungen oft von unten nach oben funktionieren und nicht umgekehrt. Die Politik kann Rahmenbedingungen setzen, aber am Ende entscheiden auch wirtschaftliche Realitäten.
Warum hat Sie Politik nie gereizt?
Mir haben die Netzwerke gefehlt, die man dafür braucht. Und ehrlich gesagt habe ich mich auch nie darum bemüht. Ich habe einmal gesagt: Im Leben muss man sich entscheiden, ob man zum Sheriff von Nottingham oder zu Robin Hood gehören möchte. Ich habe mich für Robin Hood entschieden.
Sie werden immer wieder angefeindet, insbesondere von Klimawandel-Leugnern. Spüren Sie enormen Druck?
Überhaupt nicht. Ich bin Physiker und Professor für Physik. Ich kann jedem erklären, wie der Treibhauseffekt funktioniert. Wenn mir jemand etwas anderes erzählen will, muss er sich schon sehr anstrengen. Ich mache keine Gefangenen, wenn es um Physik geht.
Mit Ihrer Bekanntheit wird aber auch Ihr persönlicher Lebensstil hinterfragt. Wie gehen Sie mit Fragen um, wenn es etwa ums Fliegen geht?
Das gehört dazu. Natürlich stelle auch ich mir die Frage, wie nachhaltig ich lebe. Es gibt verschiedene Formen von Nachhaltigkeit. Eine davon ist die persönliche. Mit 66 Jahren überlege ich mir beispielsweise genau, welche Reisen sinnvoll sind. Manchmal kann ein Flug dazu führen, dass ich mehr Menschen erreiche und mehr bewirke, als ich durch die eingesparte Reise selbst erreichen würde. Solche Abwägungen gehören zum Erwachsensein dazu.
Kommen wir zum Merlin Festival. Wie entstand die Idee?
Ganz unkompliziert. Das Merlin Ensemble hat mich vor der Corona-Pandemie per E-Mail gefragt, ob ich mitmachen möchte. Ich habe sofort zugesagt. Mir war klar, dass sich Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ hervorragend eignen, um den Klimawandel zu erklären. Daraus hat sich über die Jahre etwas entwickelt, das inzwischen deutlich mehr als 60 Aufführungen umfasst.
Was macht den besonderen Reiz dieser Abende aus?
Die Kombination aus Musik und Wissenschaft funktioniert erstaunlich gut. Wir entwickeln das Programm ständig weiter, weil es immer neue Daten gibt. Hinterher steht oft die Frage im Raum: Was können wir jetzt konkret tun? Dann sage ich immer: Gehen Sie zu den Menschen, die sich vor Ort engagieren. Werden Sie Mitglied in einer Energiegenossenschaft oder Bürgerinitiative. Tun Sie sich zusammen. Das ist entscheidend.
Ihr Schlusssatz lautet oft: „Zusammen, das ist das Glück.“
Ja. Davon bin ich überzeugt. Gerade in Zeiten großer Transformationen können wir nur gemeinsam erfolgreich sein.
Welche Rolle spielt Musik in Ihrem eigenen Leben?
Eine große. Ich spiele leidenschaftlich, wenn auch nicht besonders gut, Klavier. Angefangen habe ich damit erst mit 35. Außerdem singe ich gerne. Musik begleitet mich eigentlich ständig.
Sie beschäftigen sich auch intensiv mit Papst Franziskus und seiner Schrift „Laudate Deum“. Was fasziniert Sie daran?
Diese Schrift arbeitet fast ausschließlich mit wissenschaftlichen Argumenten. Sie setzt sich sehr klar mit Klimaleugnung und Verzögerungstaktiken auseinander. Franziskus hat das Thema auf den Punkt gebracht. Ich hätte ihn gerne einmal auf einer Bühne erlebt. Für mich gehört er gewissermaßen zum erweiterten Merlin-Ensemble.
Das sagen Sie als Protestant?
Selbstverständlich. Gute Argumente sind nicht konfessionell gebunden.
Stellen wir uns vor, wir sitzen in zehn Jahren wieder zusammen. Woran würden Sie erkennen, dass Deutschland auf dem richtigen Weg ist?
Die Städte wären deutlich leiser, weil fast alle elektrisch unterwegs wären. Sie wären grüner und wahrscheinlich auch kühler, weil wir dem Auto weniger Raum geben würden. Vielleicht wären die Menschen wieder häufiger draußen unterwegs und würden weniger Zeit vor Bildschirmen verbringen. Das wäre für mich ein gutes Zeichen.
Und dann hört man Sie auch lauter singen?
Ganz bestimmt. Dann singe ich eben gegen die Stille an.
Mutmacher: HARALD LESCH treibt den Kampf gegen die Mächte der Unwissenheit als aufklärerischer Robin Hood voran. Der LMU-Professor, der vor allem im ZDF-Programm die Welt erklärt, verbindet auf dem „Lesch’s Merlin Festival“, einem einzigartigen Kultur- und Wissenschaftsevent, das er zusammen mit dem renommierten Merlin Ensemble Wien veranstaltet, klassische Musik mit Vorträgen zu Klimawandel, Natur und Philosophie. 31. Juli bis 2. August in Polling und Weilheim.
