Large crowd of people walking in a busy street, seen from above; black-and-white photo.

Glosse: „Zugbrücke hoch?!“

Die Stadt brummt. Wie reagieren Bevölkerung und OB auf Münchens Wachstum?

Diese Stadt wächst. Oder leider passender: Sie schwillt. Denn: Vorhandener, gleich groß bleibender Stadtraum wird von einer wachsenden Menge an Menschen genutzt. Egal ob Touris oder Hiesige: An sämtlichen innerstädtischen Zerstreuungsorten -sei es die Isar an der Reichenbachbrücke oder der englische Garten- an denen noch vor zehn Jahren gemütlicher Trubel herrschte, drängen sich die Menschenmengen übereinander, dass man gar nicht weiß, wo die einen Naherholungsuchenden aufhören und die anderen anfangen. Wenn man nicht mit verweilt, sondern durch diese geschwollene Stadt flaniert, erwischt man sich dabei manchmal bei skeptischem Kopfschütteln. Ob der Massen, der Hektik, des gesteigerten Müllaufkommens und der daraus resultierenden Ungemütlichkeit, die den noch vor gar nicht langer Zeit so griabigen Münchner Frühling scheinbar plötzlich prägen. Eine nachvollziehbare Reaktion, grad in der Grantelhauptstadt Deutschlands, aber natürlich greift sie zu kurz. Denn wer hat Schuld an den Menschenmengen?

Wer trägt Schuld? Niemand.

Niemand konkret. Die Stadt hat sich eben über diverse politische Weichenstellungen vergangener Jahrzehnte so entwickelt, dass sie aktuell so brummt. Und dazu muss gerade in Zeiten schrecklich wuchernder, rechter Deppenparteien gesagt werden: Jeder Mensch, -egal woher- der*die nach München kommt, ist aus einem ganzen Strauß von Gründen potenziell ein Gewinn für unsere Stadt. Sei es aus schnöden wirtschaftlichen, demografischen und kulturellen Aspekten oder einfach, weil er*sie ein guter Mensch ist. Nicht nur darum sollte es völlig klar sein, dass die vermeintliche „Weltstadt mit Herz“ die unsäglichen Pläne zu einem Abschiebeterminal am Flughafen schnellstmöglich verwerfen muss. Ich schweife ab. Kurz: Es ist auch nicht die Schuld der Zuziehenden, dass man am Wochenende keinen Flecken Grün am Eisbach sehen kann. Ein Blick in die Zahlen: 2024 hatte die Stadt 1,604 Mio. Einwohner*innen. Dazu kommen über 500.000 Pendler*innen täglich! Für 2045 prognostiziert man 1,83 Mio. Bürger*innen und ca. 700.000 Pendler*innen. Aktuell ist die Infrastruktur unserer Stadt nach vielen Erweiterungen, die Hans-Jochen Vogel im Zuge der olympischen Spiele 1972 umsetzen konnte, ideal für 1,2 – 1,4 Millionen Menschen ausgelegt, die München ab 1960 ungefähr zählte.

Zwischen Granteln und Liebe zu den Mitmenschen

In seiner Antrittsrede hat Dominik Krause sich explizit auf Vogel bezogen, der vor ähnlichen Aufgabenstellungen stand und dem es gelungen sei, München zu modernisieren, ohne den Charakter der Stadt aufzugeben. Und auch wenn ich verstehe, was Krause meint, wenn er der Gesellschaft eine „Veränderungsunwilligkeit“ zuschreibt, und begrüße, dass er die metaphorische Zugbrücke nicht hochfahren will, spricht er auch nicht davon, wie er mit dem Bevölkerungswachstum und der daraus folgenden Stadtschwellung umgehen will. Daher bleibt mir als Ruhesuchender wohl vorerst nur das Granteln. Aber eben ohne Schuldzuweisungen und mit Liebe zu den Mitmenschen.