Dim living room with teal walls; four people sit on sofas, including a young man chained to a chair with a bowl nearby.

Der Filmtipp: „Good Boy“ von Jan Komasa

Gefangen ist man weniger allein. Franz Furtner über „Good Boy“ von Jan Komasa. Ab 4. Juni im Kino.

Der neunzehnjährige Tommy ist so ein richtiger Vollidiot. Und Anson Boon spielt diese Figur so gut, dass man sie sogar angekettet und frisch verprügelt noch unausstehlich findet. Allein, dass ich das hier so Empathielos in den Text starte, soll beweisen, wie eindrücklich der Film auf den Zuschauer wirkt. Aber von vorne: Tommy verbringt sein Leben in der Selbstsucht. Er macht Party, nimmt Drogen en Masse, schikaniert grundlos Schwächere, filmt sich dabei und stellt seine Exzesse online. Für die Likes. Doch wie er nach einer weiteren durchzechten Nacht so durch London taumelt, wird er plötzlich von hinten übermannt. Als er aufwacht, findet er sich in einem Keller wieder. Mit einem metallenen Band um den Hals und einer Kette, die ihn an der Wand fixiert.

Die Entführer

Vor ihm sein Entführer: Chris, Anfang 50, Familienvater, großartig gespielt von „This is England“- und „Adolescence“-Star Stephen Graham: Auf gruselige Art vertrauenserweckend, dabei aber auch gebrochen und in sich gefährlich brodelnd. Ein Mann voller Hemmungen, der -wenn er diese überwindet- aber besonders heftig ausschlägt. Nebenbei ist er noch Patriarich über eine Familie: Seine apathische Frau Kathryn (auch großartig: Andrea Riseborough), sein Sohn Jonathan (erstaunlich: Kit Rakusen) und die mazedonischstämmige Haushälterin Rina (auch wunderbar verschüchtert: Monika Frajczyk) sind alle mehr oder weniger widerwillig in Chris‘ kleines Keller-Projekt eingeweiht und müssen mithelfen. Bei einer Erziehung, die extrem kompromisslos und freiheitsberaubend geschieht, dabei aber von Chris auch als Akt der Herzlichkeit verstanden werden will. Diese Diskrepanz zwischen Intention und Wirkung des Handelns seiner Figur wissen Graham und mit ihm Regisseur Jan Komasa wunderbar auszuschlachten. Nicht zuletzt dadurch entstehen so groteske Situationen, dass sich der Film schnell weg vom Thriller und hin zur tiefschwarzen Komödie entwickelt.

Vom Thriller in die Komödie

Denn nach anfänglichem Widerstand beginnt Tommy sich immer mehr in sein neues Leben in Ketten zu fügen und Chris „Nettigkeiten“ als solche anzunehmen. Und wie Tommy mit seinen Entführern entwickeln auch wir Zuschauer*innen mit dem Film eine Art Stockholm-Syndrom und lassen uns gekonnt manipuliert in entlegenere Ecken eigener Moralvorstellungen entführen. „Ach, voll lieb. Die haben eine Vorrichtung gebaut, dass er mit seiner Kette bis in den Garten kommt! Das ist ja alles eigentlich weniger Kidnapping als einfach Digital Detox im bäuerlichen England.“ Bei solchen Gedanken ertappt man sich mit Fortschreiten des Films und gruselt sich über die eigene Unmenschlichkeit. Diese pervertierte Familien-Konstellation steigert sich schließlich hin zu einem Happy (?) End, das es schafft, gleichzeitig rührend und zutiefst ekelhaft zu sein.

Auch wenn es an manchen Ecken, wie einem recht unnötigen Sub-Plot um die Haushälterin dramaturgisch etwas hakt, ist „Good Boy“ ein so elegant-böser Film, dass er den Zuschauer*innen nach den Credits noch lange im Gedächtnis bleiben wird.