Es war eines jener seltenen Konzerte, bei denen gegen Ende der zweieinhalbstündigen Show in der Muffathalle wirklich alle Besucher*innen mitgetanzt haben. Von Thomas Bohnet
Daniela Mercury, in ihrer brasilianischen Heimat seit 30 Jahren ein Star und in Portugal zum Beispiel für 15.000 Zuschauer pro Show gut, war in München zuletzt 2014, natürlich auch in der Muffathalle, zu Gast. In der zwar gut besuchten, leider nicht vollen Halle (in Berlin und Hamburg waren wohl wesentlich mehr Leute, war zu hören) bot die inzwischen 65-jährige Sängerin und Tänzerin eine fantastische Show.
Ein Dutzend Menschen auf der Bühne, darunter drei Tänzerinnen und zwei Tänzer, die auch für die zusätzliche Percussion zuständig waren. Gitarre, Bass, Drums, Bongos, Keyboards, dazu als Freestyle-Sänger und Musiker Danielas 41-jähriger Sohn Gabriel, ansonsten selbst ein geschätzter Songwriter.
Farbenprächtig war das Bühnenbild, die Tänzer*innen zwischen Samba und Capoeira schwangen bunte Tücher; Mercury, ganz die nahbare Diva, in diversen puscheligen Kleidern. Immer wieder heizt sie das Publikum an, fordert auf Portugiesisch und Englisch Humanität für alle Menschen und das Ende von Autokraten. Sie, die seit mehr als einem Jahrzehnt, als sie ihre Freundin, die Journalistin Malu Verçosa, geheiratet hat, eine Ikone der LGBT-Bewegung ist.
Die US-amerikanische Kulturhistorikerin und Feministin Camille Paglia schwärmte einst von ihr: „Daniela Mercury ist die Künstlerin, die Madonna immer sein wollte.“ 1996 wurde man auch hierzulande in breiteren Kreisen auf sie aufmerksam. Neben Fernanda Abreu und anderen galt sie damals als Vertreterin der neuen Generation brasilianischer Künstlerinnen. Damals auch für mich eine Offenbarung. Mit ihrem vierten Soloalbum „Feijão com Arroz“ (Bohnen mit Reis) begeisterte sie Brasil-Fans auch hierzulande. Ich sah sie damals bei einem großen Brasil-Fest in Tübingen neben der erwähnten Fernanda Abreu und dem großen Altmeister Jorge Ben Jor.
Im Publikum neben vielen Brasilianer*innen auch etliche Vertreter der hiesigen Gay-Community. Ich stehe am Anfang ganz vorne, umgeben von begeisterten Fans, neben einem Brasilianer und seinem deutschen Freund (im englischen Fußballtrikot). Viele Songs werden Strophe für Strophe mitgesungen, es wird natürlich ausgiebig getanzt.
Mit einem Song vom jüngsten Album „Cirandaia“, „Axé Salvador“, steigt sie ein, bringt aber gleich mit „Swing da Cor“ ein Stück von ihrem ersten Soloalbum von 1991. Neben neuen Stücken gibt es viele ältere Titel, vor allem vom erwähnten Meisterwerk „Feijão com Arroz“. Darunter auch den Song mit dem Reggae-Touch „Nobre Vagabundo“, der genauso begeistert gefeiert wird wie die Hits „Ilê Pérola Negra“ und „Samba Presidente“. Am Schluss des regulären Sets jagen die zwölf von der Bühne dann noch „Maimbê Dandá“ hinaus (das Stück spielt der Anheizer-DJ Carlos schon vor dem Konzert aus der Konserve), die beiden frühen Knaller „O Canto da Cidade“ (1992) und „Música de Rua“ (1994) folgen stehenden Fußes.
Zwischendurch darf auch Sohnemann Gabriel ran, während sich Mama umzieht. Er covert gekonnt den Brasil-Klassiker „País Tropical“ (der in einen anderen Klassiker, „Taj Mahal“, übergeht) von Jorge Ben Jor, ehe er mit dem netten „Jujuba“ auch noch ein eigenes Stück von seinem aktuellen Album spielen darf. Frisch umgezogen geht es dann mit „Nobre Vagabundo“ in den Endspurt. Als Zugabe gibt es mit dem Cover „Toda Menina Baiana“ noch ein Stück des großen Gilberto Gil. Schon vorher covert Senhora Mercury „They Don’t Care About Us“ von Michael Jackson.
Ein wunderschönes Konzert, dem man eigentlich ein ausverkauftes Haus gewünscht hätte. So oft verirren sich brasilianische Acts schließlich nicht nach München. Am Montag sind mit den Gilsons übrigens ein Sohn und zwei Enkel von Gilberto Gil mit ihrem vor acht Jahren gegründeten Projekt in der Muffathalle zu sehen.
