Platten aus nah und fern

Platten aus nah und fern

… für den März, von und mit: Iron & Wine, Kapa Tult, Bonnie `Prince´ Billy, Puma Blue, Maxi Pongratz und V/A „HELP(2)“

PLATTE DES MONATS

Iron & Wine – Hen’s Teeth

Tut das gut, die wundervoll warme Baritonstimme von Sam Beam wieder mal zu hören. Obwohl, ich höre ihn ja eigentlich regelmäßig und viele seiner Songs, die er unter seinem Pseudonym Iron & Wine die letzten vierzehn Jahre veröffentlicht hat, sind mir gute Begleiter geworden, überwiegend auf Autofahrten oder auch mal abends in der Küche, wenn man sich hinhockt um dem Alltag mit ein bisschen schöner Musik – nun ja – zu entfliehen. Vor allem „Beat Epic“ aus dem Jahr 2017 ist ein ganz besonderes Album, welches im Februar 2018 in der Muffathalle bei einem fantastischen Konzert in München präsentiert wurde und, das es immerhin noch in die US- und UK-Albumcharts schaffte, wenngleich auch nur für den Moment einer Woche. Dem Nachfolger „Light Verse“ war dies 2024 schon nicht mehr vergönnt, obwohl nicht minder großartig. Und ja, dazwischen war nichts, womöglich ein wenn nicht der Grund dafür… In Zeiten wie diesen muss man ja immer am Ball bleiben, die Leute unentwegt bespaßen, den Algorithmus bedienen, all diese schrecklichen Sachen eben, mit denen sich Musikerinnen und Musiker mittlerweile so rumärgern müssen. Ja, mehr als das, was einige von ihnen in tiefe Krisen schickt oder sie gar krank macht. Sam Beam ficht das nicht an, der machte sieben Jahre einfach mal nichts und kehrte dann einfach so zurück, als wäre nichts gewesen. Auch das immerhin für einen Grammy nominierte „Light Verse“ ist ein herausragendes Folkalbum, gespickt mit hinreißenden Popmelodien und einem von Geigen umrandeten, unter die Haut gehenden Duett mit Fiona Apple. „Hen’s Teeth“ nun versteht sich gewissermaßen als „Schwesteralbum“, wie man es dem Info entnehmen kann. Der sonnig-flirrende, von der 60er-Jahre-Hippie-Ästhetik geküsste Midtempo-Stomper „Robin’s Egg“ entstand, wie auch das mystisch-verträumte „Wait Up“, in Zusammenarbeit mit dem Female-Americana-Trio I’m With Her. Kurt Wagner und seine Lambchop grüßen beim Country-Swing von „Defiance, Ohio“ herüber, während der Opener „Roses“ auch einem folkig aufgelegten Father John Misty gut zu Gesicht gestanden hätte. Besonders schön, ganz zum Schluss, auch noch die bedächtig sensible und ganz und gar nicht halbherzige Folk-Ballade „Half Measures“. Produzent Dave Way (Jakob Dylan, Sheryl Crow u.a.) sagt über das Gesamtkunstwerk Sam Beam: „Ich mag es, Iron & Wine-Alben aufzunehmen, aber noch mehr mag ich die Zusammenarbeit… mit den Menschen, die ich liebe…“ Und man glaubt es ihm sofort, denn aus jedem Song scheint die Güte, Liebe und Freundlichkeit eines Mannes zu den guten Menschen und zu einem guten Leben zu sprechen, in dem nichts als Empathie, Mitgefühl und das harmonische Miteinander zählen.

KURZ & GUT

Bonnie „Prince“ Billy – We Are Togeher Again

Zu eben jenen unverbesserlich gütigen, freundlichen und lieben Menschen gehört, zumindest in meiner Wahrnehmung, auch Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy. Dieser stellt in seinem neuen Album unumwunden fest, dass sich die Welt, in die wir hineingeboren wurden, zurückzieht: „ausgehöhlt und umgeformt durch menschliches Handeln“. Gleichzeitig stellt Oldham in seinen fragilen niemals aber verzagenden Songs die Frage, was wir davon geschehen lassen oder mitnehmen -und wo wir uns weigern sollten, uns selbst aufzugeben. Fast trotzig appelliert auch er an die oftmals stark vernachlässigte Fähigkeit des Menschen, einfach nur menschlich (sprich emphatisch) zu sein. Auch ihm geht es um Freundschaft, Gemeinschaft und „die eigensinnige Freude am gemeinsamen Musizieren als Praxis des Überlebens.“ Und diejenigen, die nicht selbst musizieren können? Die trösten sich derweil einfach mit diesem folkigen Singer/Songwriter-Kleinod, in der Gewissheit, dass sie nicht alleine sind mit all ihren Ängsten und Sorgen, und dass wir mit Selbstachtung und Verbundenheit untereinander denjenigen die Stirn bieten können, die seit jeher mit ihrem Handeln aus dem vermeintlichen Paradies auf rden die Hölle machen.

Puma Blue – Croak Dream

Ich war ehrlich gesagt schon ziemlich geflashed, damals vom Auftritt von Jacob Allen aka Puma Blue in der Milla. Klar, der Surprise Special Guest (Jesper Munk!), die Band, er selbst, alles super. Was mich vor knapp zwei Jahren aber am allermeisten begeisterte, war der Sound. Ich hab da ja nun auch schon ein paar Shows gesehen, drunten im ehemaligen Kanalableger des Westermühlbachs, aber was der bandeigene Tonmann hier anbot, war mindestens Weltklasse. So gehört ist das neue Album „Croak Dream“ – nun ja, eher so Mittelfeld 2. Liga-Homerecording. ABER: Puma Blue ist wohl einer der spannendsten Künstler die es derzeit überhaupt gibt und in Sachen Kreativität, Intensität und Experimentierfreude ist er wiederum, genau: Weltklasse.  Nach dem eher jazzigen, tendenziell eher bandmäßigen Vorgänger „Holy Waters“ erforscht Allen hier nun in eigensinniger DIY-Manier die Weiten und Tiefen des TripHop, des Dub-Techno und des Jungle, weswegen sich einige schon an Thom York und seine Radiohead in ihrer Kid-A-eets-Hail-To-The-Thief-Ära erinnert fühlen. Muss man hören!  (14.5. Live Evil)

Various Artists – HELP(2)

Was: “HELP(2)” – Neuauflage einer der beeindruckendsten Charity-Aktionen der jüngeren Musikgeschichte: 1995 taten sich Bands wie Radiohead, Oasis, Portishead, The Chemical Brothers, Massive Attack und Blur zusammen um mit den Erlösen durch den Verkauf der gemeinsamen HELP-Compilation Kindern in Kriegsgebieten zu helfen. Wer: Anna Calvi, Arctic Monkeys, Arlo Parks, Bat For Lashes, Beck, Beth Gibbons, Big Thief, Damon Albarn, Depeche Mode, Foals, Fontaines D.C., Graham Coxon, Kae Tempest, King Krule, Olivia Rodrigo, Pulp, The Last Dinner Party, Wet Leg, Young Fathers u.a. haben hier exklusiv neue Songs aufgenommen. Warum: Es hat sich nicht viel getan in der Entwicklung der Menschheit. Nach wie vor herrschen an allen Ecken und Enden Krisen und Kriege – unter denen Kinder naturgemäß am meisten leiden – und so ist auch 2026 die globale Lage weiterhin verheerend. Grund genug jetzt mal wieder in den Plattenladen eures Vertrauens (als Tipp: Optimal, Beck) zu gehen oder beim fairen Mailorder (jpc, Glitterhouse) bestellen – folglich also nicht bei amazon – und sich dieses großartige, nicht nur geopolitisch meinungsstarke Charity-Album auf CD oder LP zu holen. Denn eines ist klar: Mit Streaming helfen wir den Millionen leidtragenden Kindern bei den oft mickrigen Ausschüttungen nicht weiter. Dennoch hier ein Link zum Reinhören:

Kapa Tult – Immer alles gleichzeitig

2026 in Deutschland: Scheißwetter! Ok, schon klar. Aber eben auch: Leistungsdruck, Einsamkeit, Überforderung, Unsicherheiten und Ängste… Hinzu kommen – nicht nur aber eben auch – für junge Menschen unerfüllte Crushs und peinlichste Datingsituationen, die von kaum einer anderen deutschsprachigen Indie-Kapelle treffender beschrieben werden als von den Leipzigern Kapa Tult. Minimal-Rock und Easy-Pop, mal an die Münchner Urgesteine des Genres Die Moulinettes, mal an die Hamburger Schülerinnen Band Die Braut haut ins Auge erinnernd, schafft das Quartett den Spagat zwischen locker und flockige, gleichzeitig aber eben auch staubtrocken und roh, intim und grungy. In nur fünf Tagen live eingespielt – aufgenommen von Moses Schneider (u.a. Tocotronic, Beatsteaks etc.) – ist diese Platte gleichermaßen Wohltat wie Glücksfall für die deutsche Indiekultur mit befindlich-gewitzten Alltagsgeschichten und Kapitalismus-Kritik, die hier auf „epische“ Keyboardsolos, mehrstimmige Gesänge, rumpelnde Beats und verzerrte Gitarren treffen. (8.4. Strom)

Maxi Pongratz – rum & num

Für den Fall, dass nicht alle dem Bayerischen so mächtig sind: „rum und num“ bedeutet in etwa so viel wie „hin und her“. Hin und her geht’s auch in Maxi Pongratz’ Kopf und so knüpft er sich dieses Jahr die etwas größeren Fragen vor: Wie wird man, wer man sein will? Wie viel Ordnung braucht das Leben und wie behält man den Sinn fürs Wesentliche? Dass das gar nicht mal so leicht zu beantworten ist, liegt in der Natur der philosophischen Basis. Zuletzt stand er noch im November mit seiner Formation Kofelgschroa im Vorprogramm seiner Spezln dicht & ergreifend auf der Bühne der Olympiahalle, jetzt – wo er wieder mehr solo unterwegs ist – wird’s wieder etwas gemütlicher. Maxi Pongratz ist ein Grenzgänger, einer, der viel rumkommt und dabei stets gerne um die Ecken denkt und über die Tellerränder hinaus späht. Mit offenen Augen und Ohren, mit neugierigem Blick auf Obskures und Alltägliches gleichermaßen, bewegt er sich zwischen Urbanität und Provinz, ländlicher Folklore und städtischem Dadaismus. Der „David Bowie auf dem Akkordeon“, wie ihn Die Zeit letzthin adelte, hat es mit Tradition genauso wie mit Rebellion und mäandert dabei ebenso charmant wie lausbübisch zwischen poetischem Witz und klanglicher Melancholie. („Zusatzkonzert zum Zusatzkonzert“ am 17.3. Münchner Volkstheater)