Neon green skeleton climbing a green guitar against a black background with 'EELS COOKIE HAPPENED' text in the corner; bold, eerie poster style.

Platten aus nah und fern für den November

Neue Musik von und mit Eels, Danger Dan, Fontaines D.C., Fenne Lily, Johnny Marr, Nichtseattle und Schandmaul

Platte des Monats:

Eels – Cookie Happened

Schon klar, im Vergleich mit einem – sagen wir mal – GRAMMY®-Award nimmt sich unsere „Platte des Monats“ freilich relativ bescheiden aus. Dennoch Mark Oliver Everett hat was in der Art verdient, deswegen möchte ich hier (u.a. auch) sein Lebenswerk wertschätzen. Wer jetzt genau wissen will, was diesem genialen Denker, Poeten, Komponisten und Musiker alles schon so Wiederfahren ist in seinen bisher durchlebten 63,5 Jahren, der lese bitte die herausragende bereits 2008 erschienene Autobiografie „Things The Grandchildren Should Know“, zu deutsch „Glückstage in der Hölle. Wie die Musik mein Leben rettete“ – was gar keine so schlechte Adaption scheint, in Anbetracht des Erlebten. Zuletzt im Frühjahr 2024 hätte ihn dann fast noch ein Aortenaneurysma das Leben gekostet, glücklicherweise konnte dies bei einer Vorsorgeuntersuchung entdeckt und anschließend operiert werden. „Cookie Happened“ nun ist das erste Album seit dem Schock und so klingt es auch: Positiv, ja, fast zuversichtlich, und: irgendwie dankbar (noch am Leben zu sein). Dazu Everett: „Jede Freude, jede Errungenschaft und jede Not wird eines Tages so unbedeutend sein, als wäre nichts davon jemals geschehen. Doch wie der große Philosoph unserer Zeit, das Krümelmonster, einmal sagte: `Ich weine nicht, weil der Keks weg ist. Ich lächle, weil es den Keks gab.´ Und zur ersten Single „Cap In Hand“, merkte E unumwunden an: „Ich wollte auch bei diesem Song irgendwie erschöpft klingen, wie jemand, der sein Leben vermasselt hat, aber nun seine Fehler einsieht und mit eingezogenem Schwanz versucht, Wiedergutmachung zu leisten.“ Doch es kam ein klein wenig anders: „I really upended … You do what you gotta.“ Musikalisch ist erfreulicher Weise alles beim Alten, selbst wenn „Cookie Happened“ nicht ganz an Meisterwerk wie „Beautiful Freak“ oder „Electro-Shock Blues“, „Daisies Of The Galaxy“, „Blinking Lights And Other Revelations“ und „The Deconstruction“ heranreicht: Die schrägen Streichersamples, allesamt genial, sind ebenso zu hören, wie generell durchwegs unterhaltsame, zuweilen auch folk-poppige bis indie-rockige Midtemposongs. Auch die üblichen herzergreifenden Balladen, fehlen nicht, allen voran: „Taking Pictures“, „One Razzle, One Dazzle“, „Dum Dums“, „The Way I Was Made“. Danke E.

Zugabe:

Danger Dan – Keine Angst

Daniel Pongratz, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Danger Dan, mit dem er sowohl als Rapper der Antilopen Gang sowie zuletzt vermehrt auch als solo agierender Piano-Chansonnier von sich reden machte, hatte schon mit der ersten Single, dem Titelsong des Albums, eine riesige Welle losgetreten. Eigentlich war es ja die ZDF-Intendanz, die ihn aus der Sendung „Die Anstalt“ auslud, weil sie sich besorgt zeigte, dass der Text womöglich als „Aufruf zu Gewalt und Selbstjustiz verstanden werden kann.“ Während also von Rechtsradikalen – u.a. auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten so auch im ZDF – weiter gegen Migration, Ausländerinnen und Ausländer, (politisch) Andersdenkende, LGBTQI+ und überhaupt alle (die von einer geplanten „Remigration“ betroffen wären) in unserem Land unverhohlen gehetzt werden darf, durfte Danger Dan seinen antifaschistischen Mutmacher nicht zur Aufführung bringen. Der Applaus von rechts war unüberhörbar, die Empörung von links ebenso. Dabei sollte es selbstverständlich sein, dass neben dem Wahlrecht vor allem der Antifaschismus der/des Demokratinnen/Demokraten erste Pflicht ist. Keine Note, keine Melodie von Danger Dan, die einen nicht zutiefst berührt, allen voran natürlich „Dass es hier so schön ist“ indem er seine Augenerkrankung besingt, die (offensichtlich) medizinisch irreparable ist und ihm irgendwann das Augenlicht nehmen wird. So gesehen ist „Keine Angst“ nicht nur ein Mutmacher für all jene, die ihr Leben in einem demokratischen Deutschland – bei allen Unzulänglichkeiten von Gesellschaft und Politik – in aller Besonnenheit zu schätzen wissen und dieses auch verteidigen wollen, sondern ein kleinwenig auch für ihn selbst – die zur bitteren Gewissheit gewordene Dunkelheit vor Augen. Aber keine Angst Dan, einer wie du kann sich 1000%ig darauf verlassen, dass er nie alleine sein wird! (1.7. Tollwood)

Kurz & gut:

Fenny Lily – Win Win

Wie und wann genau ich auf Fenne Lily aufmerksam geworden bin, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall war es ihr 2023er Album „Big Picture“ in das ich mich sofort verliebt habe. Danach habe ich sie in der Milla live gesehen und gehört, von da an war klar: Megafan. So gelesen bin ich nicht sehr objektiv, ist aber auch wurscht, weil „Win Win“ auf alle Fälle ein Gewinn für all jene ist, die sich das Album (gerne auf Vinyl) holen. „Ich wollte Musik machen, die klingt, als würde die Sonne scheinen“ gibt Fenne Lily zu Protokoll. Und was könnte man im tristen Herbstalltag mehr brauchen und wollen als das.

Fontaines D.C. – Dopamin Chamber

Dieses Album, so Grian Chatten, „sollte sich wie eine Warnung vor einer drohenden Katastrophe anfühlen“. Dabei tritt die Gitarrenarbeit von Conor Curley etwas in den Hintergrund und macht Platz für eine ebenso orchestrale wie gleichermaßen defätistische und dystopische, dennoch aber überraschend melodiöse Klangwelt aus Synthies, Electro und Samples. Bei „Where Is Gone“ singt dann auch noch eine gewisse Rosalia im Duett. Mehr stadiontauglicher Post-Pop als -Punk und so gehört unbedingt euphorisierend ! (17.8. Olympiahalle)

Nichtseattle – Große Liebe

… und zwar die ganz große, also ehrlich: Was für ein zauberhaftes, charmantes zugleich aber unaufgeregt-minimalistisches und wie selbstverständlich klingendes Stück deutschen Indie-Pops. Katharina Kollmann – eine der derzeit wichtigsten hiesigen Bandleaderinnen und Komponistinnen – und ihre Band spielen Bass, Gitarre und Schlagzeug, mehr nicht. Sie singt dazu ihre Texte, die mal politisch, mal persönlich, immer aber sehr gut sind. (9.11. Feierwerk Kranhalle)

Johnny Marr – The Age Of Everything

Schön mal wieder was vom altgedienten The Smith-Gitarristen zu hören. Dass der Marr Musikgeschichte geschrieben hat ist ja hoffentlich allen klar. Dass er aber auch 2026 noch etwas mitzuteilen hat und sei es nur folgendes: „Ich möchte über einige weltliche Probleme singen, aber gleichzeitig im Idealismus einen Weg des Widerstands finden… Ich will Texte, die … sich gegen Zynismus und Korruption zur Wehr setzt“ – war so nicht erwartbar. Grund genug, wie ich finde, um mal in dieses ur-britische, poppige Gitarrenalbum reinzuhören.

Heimspiel:

Schandmaul – Sternensegler

RUMMS. Platz 2 in den deutschen Albumcharts! Das hat gesessen, wahrlich, ach ja und  herzlichen Glückwunsch noch, nachträglich gewissermaßen. Auf „Sternensegler“ präsentiert Bandleader Thomas Lindner auch gleich seinen Nachfolger am Mikrofon: Till Herence, der seine Sache ausgezeichnet macht. Für alle, die es bisher nicht mitbekommen haben: Lindner ist an Krebs erkrankt, gilt mittlerweile als geheilt, kann seitdem aber leider nicht mehr singen, sich dafür aber umso besser auf seine Instrumente wie Klavier, Keyboard, Akustikgitarre und Akkordeon konzentrieren. Dass der rockige Folk-Metal von Schandmaul auch weiterhin partytauglich ist, dafür sorgen Songs wie „Flagge“, „Nimm alles mit“, „In der Hand“ und freilich auch der „Sternensegler“ höchstpersönlich. Doch auch für mystisch-romantische Balladen ist gesorgt, „Zwei Raben“ feat. Laura Fella sei ebenso genannt wie „Trag dich“. Als besonderes Zuckerl haben sich Schandmaul erlaubt, viele der Songs auch in Akustik-Versionen anzubieten. Besonders erwähnenswert hierbei „Räuber und Narren“, bei dem Subway To Sally als Gäste zur Verfügung standen. (20.3. Muffathalle)