…für den April von und mit: The Notwist, Kim Gordon, The New Pornographers, Foy Vance, The Delines u.a.
Platte des Monats:
The Notwist – News From Planet Zombie
„The return of indietronica legends The Notwist“ stand’s aktuell im altehrwürdigen The Guardian, womit dann auch schon vieles gesagt wäre. Aber nicht nur in UK, sondern weltweit genießen die Brüder Micha und Markus Acher einen herausragenden Ruf, vergleichbar vielleicht mit deutschen Krautrock-Legenden wie den ebenfalls aus München stammenden Amon Düül und Embryo, aber auch Can, Tangerine Dream, NEU! oder, warum nicht: Kraftwerk. Mit ihrem Durchbruchsalbum „Neon Golden“ („One of the best albums of the 2000s“, Pitchfork) schrieben The Notwist 2002 einst Musikgeschichte und etablierten zusammen mit Martin Gretschmann (Console, Acid Pauli) eine bis dato noch eher unbekannte Stilrichtung namens Indietronic.
Schnee von gestern… der von heute: Die Welt ist zu einem Zombie-Planeten wie aus einem Horror-B-Movie verkommen. Und Markus Acher schreibt darüber, etwas desillusioniert, nicht aber ohne Hoffnung. Etwa in „Teeth“, das mit einem vertrackten Schlagzeugrhythmus, sachtem Gesang, sanften Bläsern, einer anfangs fein arpeggierten, später gefühlvoll dengelnden E-Gitarre begeistert. Es folgt „X-Ray“, die verzerrt-scheppernde erste Single-Auskopplung fungiert als radikaler Bruch. Das Instrumental „Propeller“ hypnotisiert mit Stakkato-Piano und Rumpelbeat, während mich die Bearbeitung von Neil Youngs „Red Sun“ mit seinen wohl temperierten Blasinstrumenten und der wunderschön brüchigen Stimme von Markus Acher verzaubert. Und auch hier folgt ein erneuter brutaler Stimmungswechsel, denn auch das anschließende „The Turning“ kommt völlig gegensätzlich mit Uptempo-Groove und noisigen Fugazi-Gitarre daher. Der Slow-Core-Schleicher „Snow“ ist mit seiner schrabbeligen, etwas hohl und verloren klingenden Akustikgitarre wieder aufs Wesentliche reduziert und wirkt dabei erhaben und mystisch zugleich. Den punkigen Notwist aus den Anfangsjahren begegnet man bei „Silver Lines“ erfreulicherweise erneut. Unerwartet folkig, fast americana-mäßig zieht einen dann das wunderschöne „Who We Used To Be“ in seinen Bann. Gekonnt auch die drängend-klagende Lovers-Coverversion „How The Story Ends“ und das unkonventionelle „Projectors“, in dem The Notwist als das Undecet, das sie momentan darstellen, irgendwo zwischen verwegener Country-Combo und spielfreudiger italienischer Canzone-Banda changieren. Zum Ende noch der melancholische (Anti-)Folksong „Like This River“ (womit die Isar gemeint sein dürfte), der mit Akustikgitarre und seinen weihnachtlich anmutenden Bläsern dieses Schmuckstück ebenso unaufgeregt wie stilvoll beendet.
Die einzige Konstante in über 30 Jahren The Notwist ist der Mut oder auch das Verlangen sich ständig zu hinterfragen, zu verändern und sich schließlich immer wieder neu zu erfinden. In Zeiten des AI-Perfektionismus ist das Album sehr viel mehr als nur ein weiteres von The Notwist: Es ist Hoffnungsträger, Statement, Anker. Alle Songs wurden unter Mithilfe von Bandintimus Cico Beck (Joasinho) aber auch Mathias Götz (Le Millipede), Enid Valu, Theresa Loibl, Andi Haberl u.a. live im Import Export eingespielt. (9.6. Circus Krone)
Kurz & gut:
Kim Gordon – Play Me
Der Titeltrack ist gleich mal TripHop, was auch sonst? Und auch wenn Kim Gordon gesanglich freilich niemals an Beth Gibbons oder Róisín Murphy heranreichen wird, umweht „Play Me“ ein Hauch von Portishead oder eben Moloko. Starkes Bläser-Sample, urbaner Laidback-Beat und Gordons wie immer wacklig-gepresste, aber nicht minder entschlossene Stimme. Mal ganz abgesehen davon, dass die ehemalig Sonic Youth-Co-Frontfrau und langjährige Indie-Feministin am 28. diesen Monats auch schon 73 wird, nimmt „Girl With A Look“ Fahrt auf, wird flotter, post-punkiger, immer noch aber melodiös. Von elektronisch bis noisig und von krautig bis experimentell kommen dann die restlichen zehn Stücke daher, allesamt von Justin Raisen (Charli XCX u.a.) produziert. Die meisten davon sind deutlich kürzer als drei Minuten, was einer Gesamtspielzeit von knapp 28 Minuten entspricht, was Puristen wiederum für sich als Manko reklamieren dürften.
The New Pornographers – The Former Site Of
Als damals 2007 das Album „Challangers“ – bis heute mein persönlicher Favorit der New Pornographers – veröffentlicht wurde, waren wir gerade in Vancouver. Und klar, natürlich habe ich deshalb ein besonderes Verhältnis zu dieser Band, denn ihre Heimatstadt, hatte sich schick gemacht und ihre local heroes gebührend gefeiert, etwa in den hiesigen Plattenläden. Nun also „The Former Site Of“, ein gutes Album, stilvoll und zeitgemäß produziert, irgendwo zwischen powerpoppig und indierockig, aber eben auch – womöglich altersbedingt – würdevoll getragen, vielleicht, irgendwie … Bandleader A.C. Newman gehört zu den anerkanntesten Songwritern Kanadas und zusammen mit seinen unvergleichlichen Mitmusikerinnen Neko Case und Kathryn Calder, läuft er auch diesmal wieder zu Höchstform auf. Getrommelt hat übrigens ein gewißer Charley Drayton, der schon für die Rolling Stones, Fiona Apple, Neil Young oder auch Bob Dylan am Schlagzeug saß.
Foy Vance – The Wake
„Gib mir den Jungen, bis er sieben ist, und ich zeige dir den Mann“ sagte einst Vances Vater, ein Prediger, und verstarb recht früh im Jahr 1999. Dazu Foy, damals gerade mal um die 15: „Nach dem Tod meines Vaters fügte sich alles zusammen und ich wusste, dass ich sieben Alben aufnehmen sollte, die diesen sieben Jahren entsprechen, und dass jedes Album eine Phase meines Wachstums als Künstler und Songwriter repräsentieren würde.“ Jetzt ist es also so weit, „The Wake“ schließt nun eine 26 Jahre und sieben Alben dauernde künstlerische Selbstfindung ab und beinhaltet sinnigerweise auch den ziemlich zu Beginn platzierten Begrüßungssong „Hi, I’m The Preacher’s Son“. Davor spricht einem das wild wuchernde, soulig wütende und mit Gospel-Intension vorgetragene „a.i.“ aus Herz, Hirn und Seele, verhandelt der neunminütige Jam doch das Thema KI vs. unersetzliche Menschlichkeit. Der Rest ist ein mal rauer, mal feinsinniger, immer aber zärtlicher Mix aus Americana, UK-Folk und Soul. (4.9. Technikum)
The Delines – The Start Up
Immer dann, wenn Amy Boone singt, hat man sie vor Augen: die Obdachlosen, die Gescheiterten, die Underdogs, die Drogen-, Alkohol- und Medikamentenabhängigen, die Alleinerziehenden, die Zerrütteten, die Hoffnungslosen, die Enttäuschten, die Zurückgelassenen… „World-weary“ sei ihre Stimme, heißt es dann auch von Seiten der Band, also: weltmüde. Schuld daran trägt aber hauptsächlich Bandleader und Hauptkomponist Willy Vlautin, der sich in seinen Texten (und Romanen) Zeit seines Lebens immer um jene kümmert, die mehr als nur Scheiße am Schuh haben. Musikalisch verpackt – ist das inhaltlich nur schwer zu Ertragende – in eine grandiose Mischung aus wehmütigem Folk, melancholischem Country und deprimierendem Soul. Sehr, sehr traurig! Sehr, sehr groß!
HEIMSPIEL
V/A – grantsalat 3
Nehmen wir exemplarisch mal die Berliner Band Painting und ihren Song „Momento“. Hä, Berlin, Heimspiel, halloooo, geht’s noch? Jajaja… Aber apropos: Moment – Aufklärung folgt. Und zwar: A cappella geht dieser los, nur von einer sanften Basssequenz untermalt, es folgt ein fiebriger Groove, zitternde Synthies, Hard-Core-Breaks a la NoMeansNo, flankiert von Free-Jazz Saxophon und lautmalerischen Vocals. Durch und durch Berlin halt. Nicht ganz unanstrengend, aber eben auch: Aller erste Sahne, was uns Theresa Stroetges, Christian Hohenbild und Sophia Trollmann hier auf „grantsalat 3“ auftischen. Zur Erklärung: „grantsalat“ ist eine auf 40 Stück streng limitierte Kassettenreihe (die Teile 1 + 2 sind bereits erschienen) auf der die in München beheimateten Damen- und Herrschaften – allen voran Dési und Thomas, gleichermaßen verantwortlich für das Tun von „Grantler Gigs“, „Grantler Records“ und „Grantler Soundsystem“ – mit befreundeten Bands, viele davon freilich aus München, regelmäßig Songs releasen. Und klar, wird natürlich auch der 3. Teil der Compilation-Kassette gebührend getauft. Hier gesellen sich dann zu Painting noch die beiden Münchner Acts Samt Martin und gesso, die ebenfalls mit einem Track vertreten sind. Das „Grantiversum“ veranstaltet nebenher also auch noch Konzerte, meistens eher klein, DIY und fernab des Mainstreams: „Da fliesst viel Zeit und Leidenschaft hinein, und zurück kommen unglaublich schöne Abende an besonderen Orten“ schwärmt demzufolge auch Impresario Thomas. Also, nicht verpassen: „grantsalat 3“ am 10.4. live im MUCCA.
