Albert Ostermeier

Ortsgespräch: Autor und Regisseur Albert Ostermaier

Steile Thesen, steile Pässe, mutig nach vorn: Albert Ostermaier EM-Euphorie beflügelt

Herr Ostermaier, Hand aufs Herz: Wie groß ist die Vorfreude, wie schlaflos die Nächte bis zum Anpfiff draußen in der großen Arena?
„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, hat Fassbinder gesagt, übrigens ein großer Fußballfanatiker. Der Tag des Eröffnungsspiels heißt für mich, dass wir mit unserem Festival auf der Zielgerade sind, schon allein deshalb ist die Vorfreude unglaublich, endlich mal wieder entspannt Fußball schauen zu können und nicht zu fürchten, dass die Deutschen verlieren und uns die Arbeit unnötig schwer machen.

Kostet ein spannendes, gelungen ablaufendes Fußball-Kulturfest Ihnen eigentlich noch mehr Nerven, als die Kraftanstrengung, jetzt endlich – und dann hoffentlich bei möglichst vielen – deutschen Spielen mitzufiebern?
Das ist nicht vergleichbar. Bei meinem Festival stehe ich ja im übertragenen Sinne auf dem Platz und bin verantwortlich und es gibt so viele Dinge, die einem den letzten Nerv kosten können, wenn ich den noch habe. Beim Fußballschauen ist es wesentlich entspannter, man kann sich fallen lassen und die Decke hochgehen, kann völlig abschalten.

Warm-Laufen und Trainingspflichten gehören ja zu jeder Turnier-Leistung: Wie groß war dennoch die Erleichterung, als das Stadion im und vor dem Fat Cat stand und der Traum endlich wahr wurde?
Es war ein unfassbares Gefühl von Euphorie, Demut und Dankbarkeit. Wir haben zwei Jahre gekämpft und für die Wahrwerdung dieses Traums, musste man ihn trotz wiederkehrender Albträume lebendig halten.

Fußball verbindet die Menschen. Eigentlich eine Binse, aber doch immer wieder großartig: Wie wichtig ist Ihnen die Chance, rund um ein Turnier wirklich mal möglichst viele, auch ganz unterschiedliche Menschen nicht nur zum Grölen und Feiern, sondern auch zum Nachdenken zu bringen?
Das ist unser Credo, der Mensch ist laut Schiller nur dort ganz Mensch, wo er spielt. Wir wollen miteinander ins Spiel, ins Gespräch, in den Doppelpass kommen. Wir wollen den Traum gemeinsam träumen und uns daran begeistern, wie vielfältig, bunt, unterschiedlich spannend dieses Land sein kann mit allen seinen Herkunftsgeschichten und Menschen. Aber zu all den Sonnenseiten des Fußball gehören auch die Schattenseiten. Damit dieser Traum möglich ist, müssen wir genau über das sprechen, was ihn gefährdet: Rassismus, Homophobie, Antisemitismus. Und wir müssen uns alle in dem üben, was das Notwendigste ist: Haltung zeigen!

Bis wirklich wieder Gänsehaut-Stimmung vor Anpfiff aufkam, hat ja ein wenig gedauert: Wie arg war zuletzt Ihre Sorge, dass die Fußball-EM kommt – und Deutschland bleibt (innerlich) auf Distanz?
Ganz ehrlich, das hat mich schlaflos gemacht. Mit jedem Spiel, dass sie verloren, sah ich unser Projekt gefährdet. Denn da darf man sich nichts vormachen, wenn die Mannschaft nicht begeistert, können wir Purzelbäume schlagen und es interessiert niemand, weil es dann nur Abwehrreflexe gibt.

Ab wann hat sich für Sie die Stimmung gedreht?
Mit den beiden Siegen der Mannschaft und der entschiedenen Restrukturierung des Kaders.

„Die Stadt ist erfüllt von Geschichten, die erzählt werden und die wir uns erzählen. Allein 100.000 Schottische Fans. Das wird nicht ohne Spuren bleiben…“

Albert Ostermeier

Die Zeiten sind ernst bis düster, der Druck steigt: Wie naiv ist es zu hoffen, dass wenigstens auf und rund um den Rasen die Menschen kurzzeitig wieder zueinander finden?
Das ist eine begründete Hoffnung, denn wir brauchen oft einen Anstoß, um uns in die richtige Richtung zu bewegen und die Lethargie in Empathie zu verwandeln.

Wie gut tut der strapazierten Fan-Seele gerade in München, dass hier hoffentlich auch mal wieder Fußball-Geschichte und –Geschichten geschrieben werden?
Warten wir mal ab, ob wir Geschichte schreiben. Auf jeden Fall aber, und das ist genau so schön, ist die Stadt erfüllt von Geschichten, die erzählt werden und die wir uns erzählen. Allein 100.000 Schottische Fans. Das wird nicht ohne Spuren bleiben…

Wenn Sie im Bekanntenkreis erzählen, dass Sie Fußball und Feuilleton zusammenbringen und selbst auch Gedichte und Stücke rund um Rasendramen schreiben: Wie viele Nachfragen löst das zunächst aus?
Die kennen das von mir, das ist ja eine Herzensangelegenheit von mir. Aber endlich kann ich ihnen zeigen, wie das aussieht und sie hoffentlich begeistern.

Fußball lebt vom störrischen Zufall und der Einmaligkeit von Erlebnissen: Inwieweit kann man dem mit Literatur, die sich auf Papier verfestigt oder auf der Bühne wiederholt wird, eigentlich gerecht werden?
Nahezu alles, was für den Fußball gilt, gilt für die Literatur, insbesondere das Theater. Fußball ist Drama, hat Fallhöhe, Theater funktioniert nur als Team und jeden Moment kann alles passieren.

War es schwer, die Kollegen fürs Fußball-Schreiben zu begeistern?
Nein, sie ließen sich alle begeistern, weil es für viele auch spannend war, etwas zu machen, was sie bislang noch nie versucht hatten.

Es kommen ja nicht nur Stücke zur Aufführung, prominente Stimmen lesen auch Texte rund um den Fußball – und es wird auf vielen Bühnen diskutiert. Wie knifflig war es denn, Schauspiel-Kollegen wie etwa Brigitte Hobmeier, Dennenesch Zoudé oder Katja Bürkle dafür zu gewinnen – und bei wem rannten Sie besonders weit offene Tore ein?
Mit den meisten Schauspieler:innen verbindet mich eine lange Freundschaft, mit vielen hatte ich schon das unglaubliche Glück zu arbeiten! Manche wie Nina Kunzendorf sind fußballfanatisch. Es gibt nur einen Gegner, der unüberwindbar scheint: Drehtage und Verschiebung von Drehs. Das kann einen zur Verzweiflung bringen.

Langer Atem: Albert Ostermaier ist mit bislang 14 Gedichtbänden, 40 Theaterstücken, acht Libretti und vier Romanen nicht nur einer der produktivsten, sondern auch einer der sportlichsten deutschsprachigen Schriftsteller. Der gebürtige Münchner und treue FC Bayern-Fan engagiert sich nicht nur in der DFB-Kulturstiftung, er ist auch Torwart der deutschen Autoren-Nationalmannschaft. Aktuell kuratiert er das Festival „Stadion der Träume“ und steuert dazu auch eigene Fußball-Stücke wie „Erster sein“ (5.6.) über Jenö Konrad oder „The Fifth Beatle“ (13.7.) über George Best bei. www.stadiondertraueme.de

Welcher Text hat Sie selbst am meisten tanzen lassen oder am stärksten von den Beinen gegrätscht?
Ich würde sagen, sie haben mich in die Zange genommen und danach war ich eingekreist: Wirklich alle Texte, ob von Olga Bach, Natalia Blok, Friedrich Ani, Nuran David Calis oder Olivier Guez, sind Traumpässe. Hätte ich gehofft, aber nie gedacht, dass sich das so einstellt. Und ich freue mich sehr, dass wir mit Hans Steinbichler einen wunderbaren Regisseur und mit Veronika Ferres, Rufus Beck, Clemens Schick, Jens Harzer und anderen einige der besten Schauspieler:innen gefunden habe, die sie mit uns auf die Bühne bringen.

Sie sind ja selbst ein Fußball-Grenzgänger mit fast schon Libero-Freiheiten: Wie wichtig ist für sie die Autoren-Nationalmannschaft als Kraft- und Inspirationsquelle?
Die Autonama war eine beglückende Erfahrung, wir waren alle Einzelgänger und wurde zu einem Team, waren auf einmal auch befeuert, bessere Bücher zu schreiben, haben uns die Köpfe heißgeredet über Taktik genauso wie Literatur. Haben Demut gelernt, denn die Wahrheit liegt auf dem Platz, das kannst du nicht wegreden.

Als erfahrener Sportsmann, Fußball-Durchdenker und Fan: Was ist Ihr Geheimrezept, um aufwühlende Spielabende unbeschadet zu durchzustehen und welche Rituale sind Ihnen bei Stadionbesuchen selbst am wichtigsten?
Das ist ja das Schöne, ich bin immer wieder wie als Kind, nervös, versuche in allem Zeichen zu sehen, bin abergläubisch, zerbreche mir den Kopf. Alles völlig irrational. Aber jeder denkt, er könnte das Schicksal beeinflussen, wenn er die nächste Zigarette nicht raucht.

Und dann noch der unvermeidliche Tipp: Wen sehen wir im Endspiel?
Ich habe es noch nicht durchgespielt, was da denkbar ist, wenn man die Wege durchs Turnier sieht. Ich würde mir Deutschland gegen England wünschen. Und da Harry Kane keine Titel gewinnt, wären wir dann Europameister…!