Mit Jürgen Franke verliert München einen über Jahrzehnte aktiven Player in der Subkultur
Der Gründer und langjährige Wirt des „Substanz“ ist in dieser Woche im Alter von 65 Jahren gestorben. Über Jahrzehnte hinweg war er weit mehr als nur Gastronom oder Veranstalter – er war Gastgeber, Netzwerker, Ideengeber und vor allem jemand, der Menschen zusammengebracht hat.
Als Franke 1990 gemeinsam mit Studienfreund Frank Bergmeyer (Propeller Konzerte) das „Substanz“ in der Poccistraße eröffnete, entstand ein Ort, der schnell zu einer Institution des alternativen Münchner Nachtlebens wurde. Schon zur Eröffnung am 10. März 1990 sorgte das Lokal für Schlagzeilen: Die SZ schrieb damals von einer „illegalen Punkkneipe gegenüber dem KVR“. Was zunächst nach Provokation klang, entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der prägendsten Kulturorte der Stadt.
Das „Substanz“ war Konzertclub, Szenekneipe, Wohnzimmer und Zufluchtsort zugleich. Internationale Bands wie Grant Lee Buffalo, Kings Of Convenience, Stereolab, The Verve, Screaming Trees, Wilco, Monster Magnet, Urge Overkill oder The Charlatans spielten hier in frühen Karrieretagen, ebenso erfolgreiche Münchner Bands wie zum Beispiel die Sportfreunde Stiller. Als Anwohnerbeschwerden Livekonzerte zunehmend erschwerten, erfand sich das Lokal neu – und wurde zu einer wichtigen Bühne für Poetry Slams, Lesungen, Quiznächte, DJ-Events und legendäre Abende wie das „Porno Karaoke“. Auch als markanter Drehort für Tatort und Polizeiruf konnte das Substanz punkten, legendär waren die Faschings- und After-Wiesn-Partys, wo Space Cowboys und Lederhosen auf Punk und Indierock trafen.
Viele verbinden mit Jürgen Franke jedoch vor allem persönliche Erinnerungen. Auch hier: Neben unzähligen, auch den bereits erwähnten Konzerten, die der Autor dieser Zeilen hier gesehen hat, trat er auch als Bassist der Münchner Indiepopband Cat Sun Flower wohl ein Dutzend Mal über zwei Jahrzehnte auf und stand auch das ein oder andere Mal hinterm DJ-Pult. Jürgen Franke war ein stets korrekter und kollegialer Veranstalter, der mit viel Herzblut bei der Sache war, egal, ob mit internationalen oder lokalen Acts. Praktisch jede Münchner Band, die zwischen Indierock und -pop, Punk, Ska oder Hardcore angesiedelt war, hat hier schon mal gespielt – vor allem in den 90er-, 00er- und 10er-Jahren.
Mit Jürgen Franke geht eine prägende Figur der Münchner Kulturszene. Was bleibt, sind unvergessliche Nächte, Begegnungen am Tresen und wilde Geschichten – und die Gewissheit, dass die oft belächelte Münchner Subkultur ohne ihn ein deutlich ärmerer Ort gewesen wäre.
