Laurie Anderson kommt am 13. Juli in den Gasteig HP8. Sie steckt voller Geschichten – und ganz spezielle München-Erinnerungen mit Lou Reed.
Frau Anderson, wie schwierig ist es momentan überhaupt, Amerika zu beschreiben?
Sehr schwierig, weil sich alles permanent verändert. Die Situation in den USA ist unglaublich volatil. Du denkst einen Moment lang, du verstehst, was gerade passiert, und am nächsten Tag ist schon wieder alles anders. Deshalb fühlt sich jede Beschreibung fast sofort veraltet an. Gleichzeitig beschäftigt mich genau das in „Republic of Love“: die Frage, welche Geschichten ein Land über sich selbst erzählt und wie sehr Politik inzwischen über Narrative funktioniert.
Das Projekt, das sie zusammen mit der Band Sexmob in München vorstellen, entstand ursprünglich für ein Festival in Wien.
Dort ging es um den Aufstieg des Faschismus in Europa. Die Veranstalter baten mich, ein Stück über die Beziehung zwischen Regierung und Liebe zu entwickeln. Das fand ich zunächst fast einschüchternd. Aber gerade deshalb wurde es interessant. Ich wollte keine theoretische Abhandlung machen, sondern eher eine musikalische Meditation aus Geschichten, Songs und Gedanken verschiedener Menschen.
Gleichzeitig holen Sie auch ältere Songs wie „Big Science“ oder „Language Is A Virus“ zurück auf die Bühne.
Und das Erstaunliche ist, wie aktuell sie heute wirken. Ehrlich gesagt ist das manchmal fast unheimlich. Viele dieser Songs beschäftigen sich mit Sprache und der Macht von Geschichten. Länder bestehen aus Geschichten. Politiker wissen das sehr genau. Wer die überzeugendsten Geschichten erzählt, beeinflusst, wie Menschen sich selbst sehen. Deshalb bekommen diese Stücke heute eine völlig neue Resonanz.
Also war Storytelling für Sie immer auch politisch?
Absolut. Ich erinnere mich an Aussagen aus der Bush-Ära, in denen sinngemäß gesagt wurde: Wir erschaffen die Realität. Das fand ich damals sehr aufschlussreich. Politik bedeutet eben auch, zu kontrollieren, welche Geschichte erzählt wird. Als Künstlerin beschäftigt mich genau das: Wer erzählt die Geschichte? Wer bestimmt, wie ein Land sich selbst wahrnimmt?
In „Republic of Love“ spielen auch Texte von Lou Reed eine Rolle.
Klar, zum Beispiel „Dirty Boulevard“. Viele dieser Songs haben heute plötzlich eine neue Bedeutung. Wenn du auf die USA schaust, auf Grenzen, Überwachung oder die Art, wie Menschen behandelt werden, wirken manche Zeilen fast erschreckend konkret.
Trotzdem klingt das Projekt nicht hoffnungslos.
Nein, überhaupt nicht. Humor ist unglaublich wichtig. Vielleicht wichtiger denn je. Natürlich sehe ich viele Dinge kritisch und denke oft: Das ist furchtbar. Aber reine Verzweiflung bringt niemanden weiter. Ich entscheide mich bewusst dafür, auch die absurde und komische Seite der Welt wahrzunehmen.
München spielt für Sie eine besondere Rolle, oder?
München war unsere Romantik-Stadt. Lou Reed und ich haben uns hier bei einem John-Zorn-Event kennengelernt.
Kannten Sie ihn damals schon?
Nicht wirklich. Das klingt heute absurd, aber ich dachte damals tatsächlich, Velvet Underground sei eine britische Band. Die Musikszene in New York bestand aus vielen getrennten Welten – Jazz, Oper, Experimental Music, Rock. Lou kannte meine Welt besser als ich seine.
Was war an Lou Reed, den Sie 2008 heirateten, so faszinierend?
Er war ein großartiger Erzähler. Viele seiner Songs waren eigentlich Porträts realer Menschen. Candy, Little Joe, all diese Figuren. Und seine Beschreibungen von Andy Warhol waren unglaublich komisch und präzise. Lou konnte Menschen mit wenigen Sätzen lebendig machen.
Lou Reed sagte einmal, man müsse die Erwartungen des Publikums zerstören.
Das klingt definitiv nach ihm. Und ich glaube, junge Menschen suchen immer noch genau danach: nach Dingen, die sie überraschen. Natürlich ist heute vieles stärker kommerzialisiert als früher. Musik, Kunst, sogar Geschmack wird viel stärker kontrolliert. Aber gerade deshalb bleibt diese Sehnsucht nach echten Überraschungen bestehen.
War Ihre Generation freier?
Vielleicht in manchen Bereichen. Wir hatten das Gefühl, eine eigene Gegenkultur aufzubauen. Unsere eigene Musik, unsere eigenen Ideen, unsere eigene Ästhetik. Heute ist es für junge Künstler wahrscheinlich schwieriger, unabhängig zu arbeiten. Aber ich glaube trotzdem, dass Menschen immer Wege finden werden.
Ihre eigene Energie wirkt immer noch enorm.
Ich liebe es einfach, Dinge zu machen. Und ich sehe mich gar nicht als Künstlerin, die sich selbst ausdrücken möchte. Ich schaue mich eher um und frage: Was ist das? Wie funktioniert das? Warum passiert das gerade? Das ist meine Arbeit.
Was bedeutet „Republic of Love“ letztlich für Sie?
Freiheit. Und die Erkenntnis, dass Freiheit niemals selbstverständlich ist. Vielleicht ist das der eigentliche Kern des Projekts.
Avantgarde-Ikone: Die New Yorkerin LAURIE ANDERSON wurde mit „O Superman“ zum Star und verbindet seit den 1970er-Jahren Musik, Performance, Literatur und Technologie zu etwas völlig Eigenem. Als Weggefährtin von Lou Reed, Filmkomponistin und Multimedia-Künstlerin hat sie Generationen von Kreativen beeinflusst. Am 13. Juli bringt sie mit der Jazz-Formation Sexmob ihr Projekt „The Republic of Love“ in den Gasteig HP8. Ein Gastspiel einer der prägendsten Stimmen der Gegenwartskunst. https://laurieanderson.com/
