Eskapismus für Alle. Franz Furtner über „Wildwood“ von Travis Knight. Ab 5.11. im Kino
What a time to be alive! Krieg und Krisen allenthalben und der Herbst mit all den Grautönen, die er uns schamlos aufzwingt, unternimmt schließlich den Rest, um die allgemeine Stimmung merklich zu drücken. Kein Wunder, dass sich viele in die Nostalgie flüchten und daher im Mainstream-Kino seit langem die Remake-/Prequel-Welle um sich spült. Für zwei Stunden im dunklen Mutterbauchsurrogat des Kinosaals sitzen und wieder Kind sein dürfen, bevor es wieder da raus geht, in die teilweise seltsam feindliche Welt des Jahres 2026. Und all jenen, die so fühlen und an dieser Stelle gedrückt seien, bringe ich frohe Kunde: Diesen besonders finsteren November gibt es einen Film, der dieses wohlige Gefühl erzeugt, ohne dabei schaler Franchise-Aufguss zu sein und vor Liebe zu seinem Stoff nur so strotzt. Worum geht’s?
Prue McKeel ist eine Teenagerin, die mit ihrem kleinen Bruder und ihren esoterisch veranlagten, übervorsichtigen Öko-Eltern in Portland, Oregon lebt. Eine Eisenbahnbrücke verbindet die Stadt mit einem schier unüberblickbar wirkenden Wald, den niemand betreten soll. Eines Tages nimmt sie in einem Akt der Rebellion, ihren kleinen Bruder mit auf eine Radlspritztour durch die Stadt. Und dann passiert es: Ein Schwarm Krähen packt den kleinen Bruder und verschleppt ihn weit hinein ins Dickicht des verbotenen Waldes. Prue und ihr Klassenkamerad Curtis beschließen den Jungen zu retten, fahren über die Brücke und ein fantastisches Abenteuer beginnt, wie man es bisher selten auf der Leinwand sehen durfte. Wie Alice ins Wunderland schlittert, zieht es Prue in die Welt „Wildwood“, mit all ihren Kreaturen, verwunschenen Orten, Konflikten und Schlachten. Und wir dürfen mitkommen.
9.000 Federn
In eine Welt für die eigens 136 Schauplätze und 231 Puppen gebaut wurden. Ein unglaublicher Fakt: Für die nicht wenigen Adler im Film wurden an jeder Figur in Handarbeit 9.000 Federn angebracht. So viel Mühe muss nicht automatisch einen guten Film ergeben, erzeugt aber schon mal ein hohes Maß an visuellen Reizen fernab aller Kindchenschema-Animationsfilme. Der Film ist gerade in Zeiten von künstlicher Intelligenz sowohl in seiner Herstellung als auch in seiner Handlung ein Plädoyer gegen die Entzauberung der Welt. Denn: Auch wenn die KI im ersten Moment magisch wirkt, raubt sie uns gerade im Anwendungsfall bei Video-, Bild- und Texterstellung zu „Kunstzwecken“ nach kurzer Zeit das Staunen. Im Angesicht dieser riesigen Umwälzung, die gerade geschieht, ist Wildwood – mit seinen ausladenden 132 Minuten der längste Stop-Motion-Animationsfilm aller Zeiten – nicht zuletzt auch ein gigantisch großer und doch eleganter Mittelfinger ins Gesicht aller Prompt-Künstler*innen und ihrer Werke. Man muss diesen Film wirklich selbst sehen, um die Wucht zu fühlen, die ein FSK-12-Fantasy-Animationsfilm ausüben kann, aber das sei Ihnen an dieser Stelle dringlichst ans Herz gelegt.
Mit KI geschrieben… Spaß!

