Gastro-Buchtipp

Stefan Grosse: Hunger oder Lust auf mehr

Blauer Bock-Wirt Stefan Grosse
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Niemals satt: Blauer Bock-Wirt Stefan Grosse

Stefan Grosse ist Hotelier und Wirt vom Blauen Bock am Viktualienmarkt – nun hat er ein sehr unterhaltsames Memoir veröffentlicht

Es dauert nicht lange wenn man sich mit Stefan Grosse unterhält, bis man feststellt, dass der Mann für den absoluten Genuss lebt. Und das seinen Gästen auch vermitteln kann, wie er immer wieder mit kulinarischen Aktionen in seinem Restaurant beweist. Seien es ein unglaublich günstiges Sommermenü oder ein eher kostspieliger Wiesnauftakt – mal steht ein 1936er Rolls Royce vor der Tür, in dem sich Gäste zur begleitenden Verkostung ablichten lassen können, bevor ein König Ludwig-Double zur Stadtrundfahrt einsteigt, oder ein italienischer Alleinunterhalter schmettert sein „Azzurro“ über den Sebastiansplatz zu köstlichen Tagliatelle mit frischen Pfifferlingen. Von Kaviar und Steinbutt bis Schaschlik und Russische Eier – Grosses Auffassung von gelungener Küche zeugt von einem Spektrum, dass sich der Mann akribisch erarbeitet und angegessen hat. Woher sein Lebensmotto „Ich bin nie satt. Entweder habe ich Hunger oder ich habe Lust auf mehr“ kommt, kann man nun in einem Memoir mit dem schönen Titel Fürs Verlangen ist noch niemand bestraft worden (Edition Blauer Bock) nachlesen.

Edles Buch-Design

Wilde Jahre im Bermudadreieck

Kurzweilig erzählt Stefan Grosse in dem ansprechend gestalteten Band auf 150 Seiten von interessanten Stationen und Episoden seines Lebens, die von Matthias Kessler zu Papier gebracht wurden. Nach seinen Koch-Lehrjahren im Ulmer Ratskeller und einer Lehre als Hotelkaufmann im Bayerischen Hof kommen wilde Jahre in der Münchner Gastronomie. Grosse arbeitete 13 Jahre lang bei einem Münchner „Feinkost-König“ – der als ehemaliger Hoflieferant unschwer als das Haus Dallmayr zu erkennen ist, wenn auch nicht namentlich im Buch erwähnt. Mehr oder weniger diskret, aber immer höchst unterhaltsam, taucht der Leser in das „Münchner Bermudadreieck“ ein – das lag in den frühen Neunzigern rund um den Dom zwischen Michi Becks Bratwurst-Glöckl, dem Andechser von Sepp Krätz und Sigi Brantls Vinothek, die Grosse schnell als Wohnzimmer bezog, um sich zwischendurch erlesene italienische Tropfen zu gönnen: „Barolo oder Brunello, das Glas kostete 18 Mark“.

Das große Fressen

Waren es im Bayerischen Hof Promis wie Michael Jackson und Luciano Pavarotti die seinen Weg kreuzten, schwammen im Bermuda-Dreieck und in Grosses Refugium, der Austernbar im Dallmayr, nun große und kleine Fische zwischen Geldadel, „Aktienheinzl“ und Halbwelt um die Wette. Damals wie heute entflieht der Lukullit Grosse seiner Wahlheimat immer wieder mal nach Paris, wo das „große Fressen“ wartet - das gleichnamige Kapitel huldigt mit einem kleinen „Pariser Tagebuch“ nicht nur dem Kultfilm sondern auch der Hauptstadt des Genusses.
Apropos Film: Spätestens bei seinem Intermezzo mit dem Nymphenburger Palais Schlossrondell Nr.6, wo ein Menü gut den Monatslohn der Angestellten kostete, fühlt man sich in einer nicht gedrehten Folge von Helmut Dietls „Kir Royal“ angekommen. Für die Leser: einfach köstlich.

Rainer Germann

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