Münchner Bühnenwunder: SOPHIE VON KESSEL erweckt am 23. Oktober im Künstlerhaus die Schauerromantik zu neuem Leben
Frau von Kessel, man kann sich gut vorstellen, wie eng Ihr Terminkalender getaktet ist. Aktuell drehen Sie wieder. Welchen Stellenwert hat da ein eigener Literaturabend wie „Olympias Augen“?
Der Abend liegt mir sehr am Herzen, weil Tristan Berger, der die Texte ausgesucht und zusammengestellt hat, versucht hat, sie speziell auf mich passend zu gestalten. Das ist ja schon mal eine Besonderheit! Und die beiden Musikerinnen schätze ich sehr und finde die auch ganz großartig. Sie haben die Musikauswahl dementsprechend getroffen. Deswegen bedeutet mir der Abend sehr viel. Ich habe bis vor anderthalb Jahren sehr viel Theater gespielt. So eine Lesung ist für mich das Live-Event neben dem Drehen. Das macht es noch besonderer. Ich denke also nicht: Heute Abend wieder vor Publikum. Sondern umgekehrt: Endlich live vor Publikum!
Bei den oft romantisch-schaurigen Texten dürfte auch die Spielfreude nicht zu kurz kommen.
Da kann man schauspielerisch enorm viel machen. Ich hoffe generell, dass ich niemals bei einer Lesung „nur“ runterlese. Und natürlich gibt es Unterschiede, wenn man einen Sachtext liest oder aus einem Roman vorträgt. Aber in diesem Fall bin ich ziemlich davon überzeugt, dass man den Abend gestalten sollte – schauspielerisch. Das ist wie eine Rolle, die ich
spiele. Die Tatsache, dass ich an einem Tisch sitze, heißt nicht, dass ich nicht emotional tief einsteige.
Auch wenn einige der Romantiker- und Klassikertexte wenigstens von fern ja noch bekannt sein könnten. Da bleibt schon Raum für eine eigene Note, oder?
Und wie!!! Wenn ich an den „Erlkönig“ denke, ist die Gefahr, dass jeder sagt: Den habe ich schon tausendmal gehört. Dann ist die eigene Gestaltung gefragt. So, wie ich es mache, haben Sie es vielleicht noch nicht gehört. Dadurch steckt für mich viel schauspielerische Freiheit und Herausforderung drin.
Sie erschaffen den Schrecken der Gruselwelten allerdings nur mit Ihrer Stimme. Erhöht diese Reduktion für Sie die Freude am Kopfkino?
Absolut. Wir können es ja nicht konkret bebildern, z. B. durch ein Bühnenbild. Also habe ich nur die Möglichkeit, die Fantasie anzuregen – und zwar die Fantasie jedes Einzelnen durch die Sprache und durch die Musik. Wenn ich es schaffe, die Fantasie des Zuschauers oder Zuhörers so zu motivieren, dass der wirklich kurzzeitig ein wenig Angst bekommt, dann wäre das doch schon eine beachtliche Leistung.
Muss man denn vor diesem Abend Angst haben?
Wir haben den Abend erst wenige Male im kleineren Rahmen aufgeführt. Es gab schon den einen oder anderen Gast, der gesagt hat: Mein kleines Kind hätte ich jetzt vielleicht nicht mitgebracht. Das ist ja eigentlich eher ein Kompliment. Aber es geht ja nicht wirklich ums Gruseln: Wenn man heutzutage den Fernseher anstellt, was sieht man denn da alles? Gerade
diese Splatter-Horrorfilme – dagegen sind wir doch mit „Olympias Augen“ harmlos.
Was fasziniert Sie an der Schauerromantik?
Die Texte haben auch eine Art subversiven Humor. Es sind Werke, die mit Augenzwinkern arbeiten, weil wir diese Horrorszenarien nicht haben. Es sind recht unterschiedliche Texte: Gedichte, Romanauszüge, verschiedene Materialien. Deswegen ist es vielseitig. Es ist nicht nur eine einzige Horrorgeschichte, die ich vorlese, sondern viel mehr. Und dann ist da natürlich die Musik, die das noch sehr unterstützt. Musik macht sofort etwas mit jemandem, der zuhört. Das löst bestimmte Emotionen aus. Die Idee ist, dass ich das mit einem lächelnden Auge präsentiere, die viel Humor hat und gleichzeitig Spaß machen soll.
Also eher psychologischer Grusel als Schockeffekte?
Genau. Ich löse, hoffe ich, psychologische Vorgänge im Zuhörer aus und stelle nicht so sehr ein Bild in den Raum, das schreckenerregend ist.
Die Musik spielt dabei eine große Rolle. Sind Sie selbst für solche Wirkungen empfänglich?
Sehr. Gefühle werden doch in erster Linie durch Musik ausgelöst. Damit arbeitet ja auch die Filmmusik stark. Ich habe das Gefühl, dass Musik ganz viel mit mir macht. Da kann ich mich gar nicht verwehren. Musik versetzt mich oft von einem Moment auf den anderen in einen ganz bestimmten Zustand.
Sie sind seit vielen Jahren eng mit der Münchner Theaterszene verbunden. Ist ein Auftritt im Künstlerhaus deshalb eine Art Wiedersehen mit Ihrem Fan-Publikum?
Es ist für mich etwas sehr Besonderes, wenn ich im Münchner Künstlerhaus auftreten darf. Es ist etwas ganz anderes als ein Auftritt in einer fremden Stadt. Ganz abgesehen davon, dass natürlich auch Freunde kommen können. Und das Künstlerhaus ist von der Räumlichkeit einfach ein Schmuckstück.
Ein Ort, den viele erst nach und nach für sich entdeckten.
Absolut. Und das, obwohl es ihn schon so lange gibt. Es war vielleicht manchmal ein bisschen ein übersehenes Schmuckstück. Seit einigen Jahren hat sich das Künstlerhaus stark geöffnet für spannende Veranstaltungen. Das tut der Stadt gut, weil selbst eingefleischte Münchner es noch gar nicht so gut kennen.
Sie leben in München, viele Kollegen ebenfalls. Ist das eher angenehm oder manchmal auch zu viel Künstlernetzwerk?
Ich finde das eigentlich sehr beflügelnd. In München ist es für mich noch mal etwas anderes: Erstens ist es mein Zuhause, zweitens sind da Leute, die man kennt, Freunde, die kommen. Und ich empfinde das als sehr positiv. Auch Kollegen, mit denen man schon gearbeitet hat, sind ja sehr unterstützend. Das ist motivierend.
Könnten Sie sich vorstellen, sich wieder fest einem Ensemble anzuschließen?
Im Moment passt es für mich gut, so wie es ist. Aber ein Ensemble-Engagement würde ich nie ausschließen. Es ist immer ein bisschen auch die Frage von Angebot und Nachfrage. Wenn jemand auf mich zukommen würde und sagt: Wir würden dich wahnsinnig gerne bei uns im Haus haben und wir haben so viel mit dir vor, dann ist das natürlich etwas ganz anderes, als wenn ich jetzt krampfhaft versuchen würde, irgendwo noch in einem Haus unterzukommen. Ich war in meinem Leben wahnsinnig lange fest engagiert und bin jetzt erst seit zwei Jahren zum ersten Mal seit langer Zeit frei. Und ich fange an, das sehr zu genießen.
Auch wenn die Freiheit ihren Preis hat?
Natürlich. Es hat alles seine zwei Seiten. Auf der einen Seite ist es eine gewisse Unsicherheit, wenn man nicht weiß: Kommt noch was, was kommt? Und man ist davon abhängig, weil die monatlichen Kosten irgendwie gedeckt werden müssen, auch ohne dieses regelmäßige Einkommen. Auf der anderen Seite gibt es einem eine enorme Freiheit. Man hat die Möglichkeit zu sagen: Das möchte ich gerne machen, das andere möchte ich nicht machen. In einem Festengagement ist man natürlich sehr gebunden. Wenn du einen Tag frei haben willst, musst du das beantragen. Feiertage, Geburtstage – alles musst du dir extra freistellen lassen. Und es kann sein, dass du das nicht frei bekommst.
Bei Ihrer Vita und Ihrer Theater- und Filmliste mit so ganz unterschiedlichen Projekten könnte man sich fast fragen: Gibt es beim Schauspielern überhaupt noch etwas, das Sie nicht können?
Man will alles machen. Das ist immer das, was ich sage: Wenn Schauspieler eingeschränkt werden, hört der Spaß auf. Wenn man nur auf eine Rolle festgelegt wird, wenn man nur in eine Richtung gehen darf, dann ist es total langweilig. Die große Herausforderung ist, so unterschiedlich wie möglich arbeiten zu dürfen. Und das ist schon schwer genug, dass man das darf. Ich möchte nicht nur eine Sache machen.
Zum Schluss noch ein München-Tipp: Wenn Sie einem Menschen, der die Stadt kaum kennt, einen Abend schenken dürften – wohin würden Sie ihn schicken?
Allianz Arena. Aber das würde nicht ich sagen, sondern mein Sohn. Bei Theater ist es immer schwierig, weil es sehr unterschiedlich sein kann, vielleicht nicht alles meinem Geschmack entspricht. Das kann ja auch gar nicht sein. Ich würde tatsächlich einen Kinobesuch in einem der schönen stimmungsvollen Kinos empfehlen.
Wirklich?
Ich finde, das Kino als Gemeinschaftserlebnis kommt jetzt so langsam wieder. Wir saßen jetzt lange genug beim Streaming auf dem Sofa allein.
Ausnahmedarstellerin: SOPHIE VON KESSEL, als Diplomatenkind einst in Mexiko-Stadt geboren, ist München eng verbunden – nicht zuletzt dank ihrer über 20-jährigen Zugehörigkeit zu den Ensembles der Münchner Kammerspiele und des Residenztheaters. Bei den Salzburger Festspielen als Buhlschaft sowie am Wiener Burgtheater beeindruckte sie in zahlreichen Titelrollen. Seit Mitte der 1990er-Jahre kann man sie auch in Kino und Fernsehen bewundern, wo sie mittlerweile in fast 100 Filmen mitgewirkt
hat.
