Neue Musik von und mit Agnes Obel, The Jayhawks, Teenage Fanclub, g.rag/zelig implosion, Interpol, The Grexits, Dexys Midnight Runners und Personal Trainer
Platte des Monats:
Agnes Obel – The Meaning Of Flowers
Das 2016er Album „Citizen Of Glass“ fasziniert mich bis heute und nun – zehn Jahre später – legt Agnes Obel mit „The Meaning Of Flowers“ ein weiteres Meisterwerk vor. Es gibt wirklich nur wenige Künstlerinnen, die eine ähnliche atmosphärische Dichte innerhalb eines Album erschaffen wie die in Berlin wahlbeheimatete Dänin. Kate Bush fällt mir ein. Vielleicht auch die im September an selber Stelle gewürdigte Phoebe Bridgers. Was ich meine: Man will das Album hören. Nochmal. Und nochmal. Und man möchte, dass man keinesfalls von irgendetwas gestört wird. Kein Telefon, kein Handy-Ping, kein Nix. Agnes Obel erzeugt eine Nähe, nennen wir sie ruhig Intimität, die sich so wunderschön anfühlt, dass man sein Glück kaum in Worte fassen kann. Im Kern geht es auf „The Meaning Of Flowers“ um die intensive Gefühlswelt einer schwangeren Frau (Obel) und ihre tief empfundene Verbundenheit mit allem Lebendigen. Ihre Inspirationsquellen reichen dabei von der Dichterin Enheduanna sowie den philosophischen Ansätzen von Hannah Arendt und Emanuele Coccia bis hin zur dänischen Popmusik der 80er- und 90er-Jahren. Sie selbst nutzt dabei sanfte Elektronik genauso wie analoges Instrumentarium: Klavier, Streicher, Bass, Lap-Steel, Harmonium, Flöte u.a. München steht leider nicht auf dem Tourplan, was freilich ärgerlich ist. Aber gut, fahren wir halt nach Nürnberg, allerdings erst am 10.11.2027, in die Meistersingerhalle.
Zugabe:
Teenage Fanclub – Do Not Dare To Dream
Ehrlich gesagt mir fehlt er schon, der Gerard, genannt Gerry Love. Nicht nur, weil wir uns den selben Spitzname teilen, wobei er definitiv den attraktiveren Nachnamen hat. Love war Gründungsmitglied, Bassist und (Backing-)Sänger beim Teenage FC und als Komponist immerhin verantwortlich für unvergessliche Songs wie „Ain’t That Enough“ (aus „Songs From Northern Britain“) oder halt des TFC-Streaminghit „Sparkey’s Dreams“ sowie meinem absoluten Favoriten „Don’t Look Back“ (beide aus dem Meisterwerk „Grand Prix“), bei dem TFC andeuten konnten die besseren Oasis zu sein. Aber gut, egal – seit 2018 ist Love raus, das Touren wurde ihm wohl zu viel, munkelt man. Beim Hören von „Do Not Dare To Dream“ kann man erkennen was Norman Blake und das weitere verbliebene Gründungsmitglied Raymond McGinley ohne ihn Zustande bringen: Stimmungsvoll verwobene Gitarren, starke Popmelodien, harmonischer Chorgesang. Das ist traditionell gut und macht Laune beim Zuhören. Die genialen Momente allerdings fehlen, für die war eben dann doch Gerry Love zuständig. (27.10. Strom)
Interpol – This Mirror Weighs A Ton
Irgendwie wirken Paul Banks und seine Interpol, nun ja, wie soll ich mich ausdrücken: gesittet(?). Die Songs ruhen nach fast 30 Jahren Bandgeschichte unüberhörbar in sich, argumentieren mit klaren Melodien und überschaubar überraschenden Arrangements. Das schlägt aber keinesfalls negativ zu Buche, vor allem nicht für all jene (wie mich), denen das früher – bei aller Liebe – gelegentlich auch mal zu impulsiv und womöglich auch unruhig war. Unter dem Mitwirken von Streichinstrumenten, Klavier, Holzbläsern und akustischen Gitarren scheinen Interpol dem Post-Punk weitgehend abgeschworen zu haben. Klar, hier und da züngelt einem dann doch noch ein scharfkantiges Gitarrenriff entgegen, bestenfalls aber ist das dann alles in allem doch (nur) noch New-Old-Indie-Wave-Rock. Extra Pluspunkte gibt’s neben der sehr gelungenen Produktion von Andrew Wyatt (ROSALÍA, Charli XCX) noch fürs Cover: Große Kunst der Künstlerin Addie Wagenknecht.
The Jayhawks – Sanctuary Park
Es war 2016 und anläßlich des Erscheinens von „Paging Mr. Proust“, dem für mich nach wie vor besten Album von The Jayhawks – führte ich ein Interview mit Bandleader Gary Louris. Der roch den Braten bereits und ahnte, was passieren sollte, nämlich die Wahl eines Unmenschen ins Weiße Haus. Ich konnte seinen Unmut zwar verstehen, dachte aber niemals, dass er Recht behalten wird. Was das zehn Jahre nachher für eine Bewandtnis hat? Nun, Louris hat sich mittlerweile eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Kanada erheiratet und wie zum Trotz scheint er seiner zutiefst gespaltenen Heimat, ein unglaublich tief gehendes, zutiefst harmonisches und überaus gut gelauntes Album geschrieben zu haben, das zur Versöhnung mahnt und zur Einigung aufruft. Musikalisch nutzt er dabei alle Stilmittel des Americana, jenes Genre also das er ja maßgeblich mitbegründete, von Steel-Gitarre und Saloon-Piano über ausgiebige Country-Momente mit Mundharmonika bis hin zu mehrstimmigen Chörgesänge.
g.rag/zelig implosion deluxxe – gerade tage + The Grexits – ΚΑΛΗΝΥΧΤΑ
Zwei Bands. Zwei Platten. Eine Release-Show: The Grexits aus Albert Pöschls Echokammer und g.rag/zelig implosion deluxxe, seit jeher Ernie Kapplas gutfeeling-Stall zugehörig, sind seit vielen Jahren bestens befreundet und bringen ihre jeweils neuen Alben nun zur selben Zeit raus, was konsequenter Weise gleich in einem Aufzug gefeiert wird. Andreas Staebler alias G.Rag, auch bekannt mit den Landlergschwistern und den Hermanos Patchekos, begibt sich mit seinen musikalischen Mitstreitern Mikel „Mr. Zelig“ Jack am Schlagzeug und Soundtüftler Fritz „Prof. Deluxxe“ Fritzmann erneut auf eine ebenso abstrakte wie minimalistisch, gleichermaßen aber auch nostalgische wie zeitlos schöne Krach-Reise irgendwo zwischen No Wave und Krautrock…
…The Grexits wiederum, einst aus den Resten von Münchens Rembetiko-Institution Ta Mourmourakia hervorgegangen, allen voran aber freilich Bandleader, Sänger und Gitarrist Nikos Papadopoulos, lieben die griechischen Folklore-Traditionen mindestens genauso wie den 80er-Post Punk und den psychedelischen Surf-Sound der 60s, was auf ihrem neuen Album zu manch hörenswertem Klangkunststück führt. (10.10. Import Export)
Kurz & gut:
Dexys Midnight Runners – LOVE
Wer bei Kevin Rowlands letztem, überwiegend beeindruckendem Gastspiel in der Muffathalle dabei war, konnte sich vom Stilbewusstsein des großartigen Sängers überzeugen: Klasse Outfit, grandiose Stimme, tolle Band, großer Northern Soul. Auf „LOVE“ nun vervollkommnet er musikalisch sein Lebenswerk und scheint das Kapitel gleichzeitig auch irgendwie abzuschließen. Mal sehen, ob da noch was kommt…
Personal Trainer – Human Assholes
Der Albumtitel ist schon mal genial! Aber damit nicht genug: Für ihn, so Willem Smit, seines Zeichens der Personal Trainer höchstpersönlich, sei „Human Assholes“ ein „sicherer Hafen, in den ich mich tagelang vertiefen konnte, während alles andere nicht so gut lief.“ Nachvollziehbar! Grandios verquerer Indie-Rock aus Amsterdam. Und schon wieder geht’s ab nach Franken: Live am 9.10. beim hiermit wärmstens empfohlenen „Nürnberg Pop“-Festival.
