20:00 Uhr – 21:15 Uhr
Münchner Kammerspiele / Münchner Kammerspiele – Schauspielhaus, Maximilianstr. 26-28, 80539
München
Theater
Mein kleines Prachttier
Nach dem Roman von Lucas Rijneveld
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
In the name of Love
Wie kann Scham die Seite wechseln? Nach „Fräulein Else” setzt Leonie Böhm die Arbeit daran fort, in einen Dialog und ein anderes Miteinander abseits patriarchaler Gewaltstrukturen zu kommen. Ausgangspunkt ist der Roman von Lucas Rijneveld in dem der Tierarzt Kurt rückblickend schonungslos und selbstreflektiert an ein Mädchen schreibt, mit dem er Jahre zuvor eine missbräuchliche Beziehung eingegangen war. Diese Geschichte wandelt an den Grenzen des Sagbaren. Kurt, damals 49 Jahre alt, versteht es als Liebe, sie ist an der Grenze zum Erwachsenwerden. Der Text ist eine hoch ambivalente Innenschau in eine klaustrophobische Welt und er gibt gleichzeitig der Sehnsucht nach Worten in einer Welt der Sprachlosigkeit und Stille einen Raum.
Die imaginierte Perspektive eines Mannes, der sich gnadenlos mit der eigenen Gewalt auseinandersetzt, wird zum Ausgangspunkt für eine spielerische Untersuchung von zwei Frauen: Sie versetzen sich in die Perspektive des Gewalttäters und versuchen so das unvorstellbare zu verstehen und sich somit auch davon zu befreien. Dabei geht es auch immer darum die Gewalt vor einer Öffentlichkeit besprechbar und sichtbar zu machen. Die Inszenierung geht den Fragen nach, wo Gewalt in einer vollkommen ungleichen und heimlichen Beziehung entsteht und wie wir den Diskurs um Gewalt an weiblichen Körpern mitgestalten und gemeinsam füreinander Verantwortung tragen können.
Regisseurin Leonie Böhm, bekannt für ihre radikale Entkernung klassischer Werke, kehrt an die Münchner Kammerspiele zurück und nimmt diesmal einen zeitgenössischen Text als Ausgangspunkt. In ihrer Arbeit konzentriert sie sich darauf, mit ihren Darsteller* innen einen intimen Raum auf der Bühne zu schaffen, um verschiedene Formen des Zusammenlebens auszuprobieren – radikal offen und verletzlich.
„Das Spektakuläre an „Mein kleines Prachttier“ ist für mich, dass eine Autor*innenperson sich eine Täterperspektive imaginiert, die etwas leistet, was dazu beiträgt, dass die Themen die darin verhandelt werden, den Diskurs und das Nachdenken darüber verändern. Diese Täterperspektive zeigt sich aufs Äußerste, erklärt sich, stellt sich zur Disposition, versucht sich zu versprachlichen, versucht sich zu erkennen, versucht sich verletzlich zu machen. Sich zur Disposition stellen, sich in die Sichtbarkeit zerren mit allem Denken, Fühlen und Handeln – das ist der politische Akt, der in diesem Buch versucht wird und der einerseits fiktional ist und andererseits mein Denken real verändert.“
– Leonie Böhm
Besetzung
Mit Annette Paulmann, Maren Solty
Regie: Leonie Böhm
Bühne: Zahava Rodrigo
Kostüm: Belle Santos
Lichtdesign: Jürgen Tulzer
Dramaturgie: Theresa Schlesinger
u.v.m.
Die Besprechung unseres Theaterexperten Peter Eidenberger:
Der Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ – von Gisèle Pelicot, der Französin, die von ihrem Mann jahrelang betäubt und vergewaltigt wurde, und mit ihrem Prozess dafür gesorgt hat, dass Taten und Täter sich nicht in einem nicht-öffentlichen Verfahren verstecken können – ist inzwischen schon globale Parole: nicht das Opfer, der Täter muss sich schämen. Der Satz steht auch im Programmblatt zu Leonie Böhms neuer Inszenierung an den Kammerspielen, der ersten Theaterbearbeitung eines herausfordernden Romans.
Schon sein Debüt 2018 machte Lucas Rijneveld (auf den Vornamen Marieke verzichtet der non-binäre Schriftsteller inzwischen) zum Shootingstar der niederländischen Literaturszene, drei Jahre später veröffentlicht er „Mein kleines Prachttier“, motiviert von eigenem Erleiden, ohne autobiografisch sein zu wollen. Ein Missbrauchstäter spricht, in Form eines Briefes aus dem Gefängnis ist der Roman Selbstbezichtigung und Erklärversuch von Kurt, 49, Tierarzt, der im ländlichen Umfeld sein jugendliches Opfer, 14 Jahre – er nennt es „erwachsen“ – gefunden hat. Ein Mädchen ohne Namen, wir werden es nur durch die Schilderung des Täters kennenlernen.
Dem Täter zuhören müssen: die 364 Seiten im Buch sind in Böhms Bühnenversion eine 60 Minuten kurze, aber intensive Annäherung ohne große theatrale Mittel. Auf der sonst leeren Bühne ein Riesengeweih – das Mädchen wünscht sich einmal ein Geweih, als Symbol ersehnter Männlichkeit –, zwei Schauspielerinnen, Sommerdress, rotes T-Shirt, kurze Jeans. Die junge, kindlichere Maren Solty und die ältere Annette Paulmann wirken wie große und kleine Schwester. Aber nein, sie beide behaupten, Kurt zu sein, sie spielen ihn aber nicht, sondern teilen sich Kurts Erzählen. Frontal zum Publikum, klar, nachdrücklich, mitunter irritierend leicht: von Bewunderung, Geilheit (er, der Tierarzt, nennt sein Opfer Prachttier), Prägung durch eigenes Missbrauchserleben, die Verteidigung vor Gericht. Das Unsagbare aussprechen: das führt an die Grenzen des Erträglichen, die Popkultur schafft Durchatmen, Freiraum: toben und brüllen zu Bonnie Tyler und Kate Bush. Eine bewegende Aufführung, aufrüttelnd, schmerzhaft – die atemlose, fast satzzeichenlose Wucht des Romans aber fehlt.
Termine & Tickets
Veranstaltungsort / Karte
Münchner Kammerspiele / Münchner Kammerspiele – Schauspielhaus
Adresse: Maximilianstr. 26-28,
80539 München
