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Weitere Theater-Highlights im Mai

Die Physiker ab 19. Mai im Münchner Volkstheater

Dramatische Empfehlungen, befeuert von Atomenergie, blanker Wut und schrankenloser Sexsucht

Hochnervöse Zeiten, fürwahr. Und doch gibt es Köpfe, die sich zumindest um Auswege aus dem allgemeinen Konsumterrorschlamassel bemühen. Allerdings: Victor, der extrem schnöselige, angemessen unsympathische Investmentbanker aus dem Hochdeutschland-Roman von Alexander Schimmelbusch, ist eigentlich so ziemlich der Letzte, dem man politische Aufbruchsgedanken und einen ziemlich radikalen, leicht misszuverstehende Reformansatz zutrauen würde. 

Vielleicht ist es aber auch der Weltekel, der Victor antreibt. Er hat zwar alles, glücklich ist er aber nicht. Er plant nicht nur politischen Protest, er will das kaputte System von innen heraus weiter zerstören (und vielleicht dann neu zusammenhämmern). Ein Stoff, der in Zeiten der #fridayforfuture-Demonstrationen natürlich unbedingt auf die Bühne muss. Und doch kann es sein, dass es auch am Theater mal wieder gekracht hat. Überraschenderweise, offiziell aus „persönlichen Gründen“, stand kurz vor der Premiere der Hausregisseur Christopher Rüping für die Fertigstellung der Arbeiten nicht mehr zur Verfügung. Zum Glück übernahm mit Kevin Barz kurzerhand ein junger Kollege, der hier schon an einem Projekt über die Nürnberger Prozesse gearbeitet hatte. (Kammerspiele, ab 24.5.)

Schon länger im Theaterfundus abgelegt und doch gerade dieser Tage von bedauerlich brisanter Neubedeutung ist dagegen Friedrich Dürrenmatts Atomwahnsinn-Komödie: Die Physiker – wer einst im Deutschunterricht gut aufgepasst hat, erinnert sich – bevölkern ein Schweizer Sanatorium und beobachten Ihresgleichen argwöhnisch. Immerhin hat Physikus Möbius eine Entdeckung gemacht, deren Tragweite er so sehr fürchtet, dass er sie vor der Welt verstecken möchte. So einfach gestaltet sich das nicht, als drei Krankenschwestern ermordet werden und die Polizei im Irrenhaus ihrer Ermittlungen aufnimmt. Regie führt hier (bis zum Abend der Premiere und darüber hinaus) Abdullah Kenan Karaca. (Münchner Volkstheater, ab 19.5.)

Was passiert nur, wenn am Flughafen plötzlich der Strom ausfällt? Es ist das übliche Wimmelbild von Durch-, Aus- und Heimreisenden, die einander nicht über die Maßen wohlwollend wahrnehmen. Menschen im Fluidum des Übergangs. Und plötzlich kommt alles zum jähen Stillstand. Gestrandet. Im Funzellicht der Handytaschenlampen versucht sich eine neue Art von Ordnung im Chaos durchzusetzen. (Pathos, 29. bis 31.5.)

Wenige Tage zuvor kann man im frisch renovierten Theaterraum sogar glücklich, wenn nicht sogar pathetisch werden: Utopias of Europe ist der Versuch, sich einmal von den üblichen Assoziationen von gerade gebogenen Gurken und banalen Bananen sowie den vielen grauen Paragraphen zu lösen. Passend zur Europawahl möchte Regisseur Philip Klose eine positive Gegenerzählung starten: Er bringt die EU zum Singen, Tanzen und Glänzen. Goldene Sterne auf dunklem Grund! (Pathos, ab 21.5.)

Europa ist wichtig und hilft, alte Wunden zu verarzten. David ist im Mischmasch-Stück ein junger Mann, dessen Familie bei einem Pogrom umgebracht wurde. Nun hat er sich in Vera verliebt. Und die hat ausgerechnet einen Vater, der Juden hasst. „Judenhass ist heilbar“, heißt es später dann eben doch hoffnungsfroh. Wie das gelingt, muss man sich im Gastspiel des Frankfurter Megalomania Theater ansehen. (Gasteig Black Box, 16./17.5.)

Eine Geschichte der Welt vom 16. bis 18. Mai im HochX

Als 2010 die Oper „Die Passagierin“ mit der Geschichte einer Holocaust-Überlebenden in der Fachwelt bekannt wurde, ging ein Raunen durch Kennerkreise. Wie konnte es sein, dass ein Werk, das der jüdisch-polnische Komponist Mieczyslaw Weinberg bereits 1968 vertont hatte, so lange überhört worden war? Nun könnte sich beim breiten Publikum ähnliches Ertapptsein einstellen: Als Gastspiel des Jewish Chamber Orchestras Munich kommt mit Lady Magnesia seine absurd-komische Kammeroper aus dem Jahr 1975 auf die Bühne. Adaptiert hatte Weinberg damals ein eher skurriles Stück des irischen Dramatikers George Bernard Shaw, in dem es um Ehebruch, Mord – und Gips – geht. (Kammerspiele, 23.5.)

Gips ist letztlich auch nur verdichteter Sternestaub. Oder etwa nicht? In der einfühlsamen Tanztheaterproduktion Eine Geschichte der Welt geht es drei neugierigen Forschenden genau darum – herauszufinden, wie das Universum entstanden ist. Fing alles mit Sternen-Funken an – oder doch mit einer Rippe? Mit einem Wort, einem Big Bang oder doch perfekter Stille? Es gibt viel zu klären an diesem hochpoetischen Abend. (HochX, 16. bis 18.5.)

Ebenfalls bereits für die etwas jüngeren Theatergänger geeignet ist die parabelhafte Geschichte über Großmannssucht und Kleinbürgerlichkeit in der Hans-Werner-Henze-Oper Der junge Lord. Erzählt wird von der deutschen Provinz, wo sich ein englischer Adeliger niedergelassen hat, der von den Bürgern dort wenig, von einem Wanderzirkus aber viel mehr wissen will. Keine Geringere als Ingeborg Bachmann hatte dafür die Erzählung „Der Scheik von Alessandria und sein Sklaven“ von Wilhelm Hauff zum Libretto umgeschrieben und allen Beteiligten, die sich verstellen, klar gemacht, dass man sich so nur zum Affen macht. (Gärtnerplatztheater, ab 23.5.)

Immer Gefahr, etwas konfus darzustehen, riskiert natürlich jeder, der sich frisch verknallt. Das wissen auch Anatol Regnier, Julia von Miller und Fredric Hollay, die sich für den musikalisch-lyrischen Theaterabend Die Liebe ist ein seltsames Spiel zusammengefunden haben. Ihre Hommage an das Gefühl der Gefühle bringt Texte von Brecht, Kästner, Goethe und Fontane mit Chansons, Volksliedern, Schlagern und viel Walzerseligkeit zusammen. Der Kopf hinter der Revue ist ein Kind berühmter Vorfahren: Anatol Regniers Großvater war der Dramatiker Frank Wedekind, sein Vater der Schauspieler Charles Regnier. (Fraunhofer, 23.5.)

Auf Zeitreise in die Nachkriegs- und Fünzigerjahre geht es einen Tag später in der Revue Stell dir vor, wir hätten was zu rauchen mit dem gleichen Erfolgstrio. Die Welt öffnete sich wieder, die Träume kehrten zurück. Und doch dominiert noch die Erinnerung an Leid, Verbrechen und Vertreibung. (Fraunhofer, 24.5.)

Bleibt zum Schluss noch ein echtes Schmankerl der Opern-Vorklassik: Der Regisseur und Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui, der sich am Nationaltheater bereits mit Rameaus „Les Indes galantes“ empfohlen hatte, bringt Christoph Willibald Glucks Alceste auf die Bühne. Die Titelpartie der aufopferungsvoll Liebenden singt Dorothea Röschmann, die man zuletzt an der Seite von Don Giovanni sah. (Staatsoper, ab 26.5.)

Autor: Rupert Sommer

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