Theater & Kabarett

Unsere Theater & Kabarett-Tipps für Januar 2022

Wenn ein Genie außer Kontrolle gerät: Mozart muss sterben Gärtnerplatztheater / Mathias Tretter im Lustspielhaus
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Wenn ein Genie außer Kontrolle gerät: Mozart muss sterben Gärtnerplatztheater / Mathias Tretter im Lustspielhaus

Durchstarten zum Durchknallen: Diese Stücke, Shows und Schweinereien geben dem Wahnsinn frischen Schwung im neuen Jahr

E s ist der Trend dieser Tage: Raus aufs Land. Weg vom Durcheinander. Und vielleicht sogar hin zu ungestörten Ausschweifungen. Natürlich sind die Zeiten ernst, viel zu ernst. Umso wichtiger ist es, die Dinge trotz allem leicht zu nehmen. So gut das eben geht. Viel lernen in Sachen Lässigkeit und Laster-Bejahung – wer braucht schon noch gute Vorsätze? – kann man bekanntlich bei Oscar Wilde. Seine noch immer genial freche, temporeiche Verwechslungskomödie Ernst ist das Leben (Bunbury) treibt den Exzess auf die Spitze und die Verwirrung rund um Doppelrollen, Dandy-Lifestyle und dusselige Verwicklungen auf die Spitze. Gut gelaunt in ein auch ohne allzu viele Böller sicher wieder durchgeknalltes neues Jahr! (Volkstheater, ab 13.1.)

Oder aber gleich: Aufbegehren! Oder zumindest so tun. Rainer Werner Fassbinder war immer ganz nah dran, wenn es beklemmend und bedrohlich wurde im Land. So auch im tristen deutschen Winter des Jahreswechsels 1978/79. Die dritte Generation taucht tief ein in den West-Berliner Untergrund und erzählt von einer neuen RAF-Generation, die als Gruppe zunehmend gelangweilter junger Menschen vorgestellt wird. Viele Gesten sind schrill geworden, die Sprüche werden immer platter. Oft ließ sich, so heißt es, Fassbinder von Klo-Kritzeleien mitinspirieren, die er sogar noch während der Gestaltung des Stoffs mit ins Drehbuch nahm. Regisseurin Charlotte Sprenger beleuchtet mit elf Mitwirkenden des dritten Jahrgangs der Otto-Falckenberg-Schule eine junge Generation zwischen Rebellion und Depression. (Kammerspiele, ab 28.11.)

Wie ein Krimi wirkt dagegen die ungemütlich stimmende Spurensuche Wo du mich findest, die ebenfalls ein Phänomen unruhiger Zeiten aufgreift. Plötzlich verschwinden Leute. Melden sich nicht ab, sind nicht mehr erreichbar, vielleicht abgekapselt oder doch schon ganz woanders. Ausgangspunkt des Stücks, das sein Publikum ganz eng mit hineinzieht ins Geschehen, ist eine reale Wohnung irgendwo in München. Natürlich ist sie leer. Aber es gibt Hinweise. Digitale Handy-Spuren, Social-Media-Rauschen, Browser-Verläufe, rätselhafte Sprachnachrichten. Was hat die verschwundene Person ausgemacht, wer war sie wirklich? (Kammerspiele, Spurensuche im Stadtraum, ab 22.1.)

Rekonstruktionsarbeit und das Bemühen, Sinn im Chaos zu entdecken, treibt auch das zweiteilige Stück Das Vermächtnis (The Inheritance) nach einem Text des international gefeierten nordamerikanischen Dramatikers Matthew Lopez an. Er blendet in die gar nicht so weit entfernte jüngere Vergangenheit zurück. Im New York der letzten Monate der Präsidentschaft von Barack Obama trifft der noch vergleichsweise junge Schwule Eric auf den 55-jährigen Walter. Es entspinnt sich ein Gespräch, das von Hoffnungen, aber auch von vielen bitteren Enttäuschungen erzählt, von den vielen Toten der ersten Aids-Welle, von Hass, Hetze und Ausgrenzung. Und dann bricht in der Gegenwart des Stücks neuer Horror herein: Eric und Walter erleben fassungslos, wie Hillary Clinton ihre Wahlniederlage gegen Trump eingestehen muss. Ist es nun endgültig vorbei mit hart erkämpften Freiheiten? (Residenztheater, ab 22.1.)

Unter die Haut geht die Live-Performance Pari San – Anima/Psyche, die Risslandschaften erkunden möchte. Pari Eskandari sampelt Lyrics, auch auf Persisch, sowie futuristische Klänge und transformiert sie, während die Visuals interaktiv flackern, mit Ausdruckstanz in neue Bewegungsmuster. Darstellen soll das Bewusstseinszustände der eigenen Seele. Und solche der Gesellschaft. Muss man wohl einfach mal so auf sich wirken lassen. (Kammerspiele, 20.1.)

Handfester g’spinnert ist dagegen die (alp)traumhafte Handlung von Hoffmanns Erzählungen, in der ganz buchstäblich die Puppen tanzen. Kein Wunder, hatte der liebeskranke Dichter doch zuvor auch ziemlich tief in den Becher geschaut. Jacques Offenbach hat dazu Musik komponiert. Und er starb nur wenige Monate vor der Uraufführung der fantastischen Oper. Die Partitur gibt den Wissenschaftlern noch immer musikalische Rätsel auf. Das Publikum hat seinen Spaß auch so. (Gärtnerplatztheater, ab 27.1.)

Es war offenbar Alexander Puschkin, der aus einem Mund, dem viele zuhörten, einst erstmalig die kühne Behauptung in der Welt verbreitete, dass der missgünstige Hofkapellmeister Antonio Salieri am frühzeitigen Ableben des Wiener Weltstars alles andere als unschuldig gewesen sein soll. Peter Shaffer griff den Faden im „Amadeus“-Stück auf, das Milos Forman zu einem Oscargekrönten Kinoerfolg macht. Und das Gärtnerplatztheater? Dort behauptet man einfach mal: Mozart muss sterben. Und arbeitet sich an der Geschichte ab. (Gärtnerplatztheater, ab 14.1.)

Nicht nur musikhistorisch beachtlich ist dann auch noch die Ausgrabung der Musical-Comedy Non(n)sens, die 1985 am Broadway herauskam und dort neun Jahre mit Erfolg gespielt wurde. Das sympathisch wirre Stück ist nämlich gewissermaßen der Vorläufer des späteren Kino-Welthits „Sister Act“. Intendant Josef E. Köpplinger lässt die Ordenschwestern rotieren, die nach einem perfiden Fischvergiftungszwischenfall, der das halbe Kloster dahingerafft hat, dringend Geld für die vielen Beerdigungen benötigen. Also setzt man auf neue Einnahmequellen. Und nun ist Showtalent gefragt. (Gärtnerplatztheater, ab 16.1.)

Zwischen bitterem Ernst und wild entschlossenem Unernst hat auch Mathias Tretter sein neues Programm „Sittenstrolch“ aufgehängt. Es kreist um die Kohorten von neuen Tugendwächtern, Verpetzern, ehrenamtlichen Bedenkenträgern und Moralkeulen-Schwingern im Lande. Sie warten nur darauf, nachts an ihren Computern den Mitmenschen das Durchwursteln durch die PandemieÄrgernisse weiter zu verleiden. Tretter ist sichtlich stolz aufs neue Programm: „Mein siebtes Solo, das erste mit Humor“, sagt er selbst. Und auch die hysterische Zeitstimmung spielt ihm in die Karten. „Ich war immer neidisch auf Komiker in Diktaturen“, so Tretter. „Wenn jeder Witz dein letzter sein kann, fühlst du dich gebraucht.“ So schlimm steht es um Deutschland zum Glück noch nicht. Allerdings: „Selten war ein Strolch so notwendig wie heute.“ (Lustspielhaus, ab 30.1.)

Ähnlich zugewandt gibt sich Stefan Waghubinger im neuen Solo „Ich sag’s jetzt nur zu Ihnen“. Er suhlt sich in zartem Zynismus, lässt bei jeder aufgetischten Geschichte eine neue überraschende Schock-Wendung zu. Und dann verbindet er auch noch die (Nachbar-) Völker: Waghuber betreibt „österreichisches Jammern und Nörgeln, aber mit deutscher Gründlichkeit“. Vorbildlich! (Bürgersaal Beim Forstner, 12.1.)

Zwischen den Kulturen klemmt Sonja Pikart. Sie kam einst aus Deutschland nach Österreich. Und blieb dann einfach in Wien. Kein Wunder, dass sie von dort schon bald beim Kabarett landete. In ihrem neuen Solo „Metamorphosen“ berichtet sie von einer Frau, die sich auf der Suche befindet. Sie sucht ihr ganz persönliches Identitätsklischee. Ihr Umfeld ist dabei keine große Hilfe. Pikart hat nur Freunde, die früher mal cool waren und jetzt auf den Moment warten, an dem sie es vielleicht wieder werden. Wenn nur endlich die Kinder dann mal aus dem Haus sind ... (Schlachthof, 21.1.)

Bayerische Satirekunst hievt Stefan Kröll auf die Bühnenbretter. Und das Gute beim „Goldrausch 2.0“: Man kann im Kabarett noch viel dazulernen, immer wieder knallt Kröll historische Vergleiche in den Raum. So erfährt man unter anderem endlich, was der Opferkult der Azteken mit dem Schröpfen der Privatpatienten heute zu tun hat. (Schlachthof, 12.1.)

Nur zwei Tage später am gleichen Ort lassen sie Max Giermann aus der Künstlergarderobe frei. Und was macht er? Geplündert wird natürlich sofort der Kostümfundus – und das Knautschgesicht terrorisiert in immer neuen Verwandlungen den Saal. Giermann hat sie alle drauf. Und dann schnarrt auch schon wieder Klaus Kinskis beleidigende Stimme. (Schlachthof, 14.1.)

Zu den Zauberern: Die Magier 3.0 stehen für ein Gesamtkunsterlebnis, bei dem Zauberkunst, Comedy und Improvisation aufeinandertreffen – und das Publikum wird direkt eingebunden. (Kultur & Kongress Zentrum Taufkirchen, 16.1.)

Und für die Ehrlich Brothers, die beiden Weltstars aus Herford, die nicht zuletzt über die ganz großen Fernsehshows zum Markenunternehmen wurden, darf man jetzt schon mal das Sparschwein schlachten. „Dream & Fly“ heißt die neue Stadiontour, für deren München-Zwischenstopps man ab sofort Tickets bekommt. (Olympiahalle, 7., 19./20.2. und 7.7.)

Mit musikalischem Lausbubencharme und wirklich witzigen Zwischeneinlagen sowie durchaus kabarettistischem Scharfblick füllt Martin Schmitt die großen Häuser. Allerdings die eher eleganten. „Jetzt ist Blues mit lustig“ lautet seine Kampfansage in Richtung Lachmuskeln. (Prinzregententheater, 15.1.)

Rober Griess, Sebastian Rüger, Henning Schmidtke und Dagmar Schönleber richten als Schlachtplatte-Ensemble ebenfalls den Blick noch einmal zurück – und zwar zur „Jahres-Endabrechnung 2021“. Soll heißen: Sie lassen im Schnelldurchlauf ein Jahr Revue passieren, in dem Trump plötzlich weg war. Merkel dann aber auch. (Lustspielhaus, 14.1.)

Zwölf Monate in zwei Stunden verarbeitet Florian Schroeder. „Schluss jetzt“ heißt sein satirischer Jahrsrückblick. Schonungslos legt er den unhygienischen Finger in die Wunden einer gespaltenen Gesellschaft. Dafür verspricht er aber: Es wird nicht gesungen, nicht geschunkelt, und Heizdecken gibt es auch keine. (Schlachthof, 16.1.)

Und dass die allerbesten, weil rasantesten Jahresrückblicke von Ecco Meineke stammen, weil er immer schon als Allererster dran ist, wissen alle aufmerksamen Leser unseres „Ortsgesprächs“. In diesem Sinne: Viel schlimmer kann’s auch dieses Jahr kaum werden, gehen wir’s mit Humor an. (Schlachthof, 26.1., Hinterhalt, 29.1. und Stadtbibliothek Germering, 30.1.)

Autor: Rupert Sommer

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