Theater & Kabarett

Unsere Theater & Kabarett-Tipps für April 2022

Will nicht nur von der Muse geküsst werden: Cyrano de Bergerac
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Will nicht nur von der Muse geküsst werden: Cyrano de Bergerac

Wer frische Gedanken tanken möchte, kann sich von diesen Bühnenkünstlern inspirieren lassen. Schadet nicht. Tut gut.

E s sind düstere Zeiten. Keine Frage. Und schon bohrt sich schlechtes Gewissen in den Vordergrund. Ist Ablenkung überhaupt akzeptabel? Vielleicht ist sie sogar unverzichtbar, zumindest fürs Seelenheil. Vom Balancieren auf des „Messers Schneide“ weiß kaum ein Stück so gut zu erzählen wie die Komödie Sein oder Nichtsein, die Ernst Lubitsch auf der Leinwand verewigte. Es geht buchstäblich ums Spielen und ums blanke Überleben. Regisseurin Lea Ralfs muss sich für die Aktualisierung gar nicht weit verrenken. Das noch immer gleichermaßen brisante wie leichtfüßige Treiben einer polnischen Widerstandsgruppe, die den Besatzungssoldaten flunkerndes Theater vorspielt, ist zeitlos sehenswert. (Zentraltheater, 1. sowie 25. bis 27.4.)

In einem Paralleluniversum kann man nicht viel falsch machen. Dort lassen sich Gedanken durchspielen, die sich in der Realität viel zu unheilvoll verfangen würden. So muss sich das auch Philipp Löhle bei seinem Stück Die Mitwisser gedacht haben. Er beobachtet, wie sich eine biedere Durchschnittsfamilie vom digitalen Hausdiktator „Kwant“ aushorchen, ausschnüffeln und letztlich ausbeuten lässt. Wer jetzt an digitale Großkonzerne denkt und sich von Siri sowie Alexa beim Fluchen unterstützen lässt, liegt nicht weit daneben. (Pasinger Fabrik, 1.4.)

Oder doch lieber gleich einfach nur wohltuenden Unsinn? Der Quatsch Comedy Club hat seine gesellschaftsstabilisierenden Dienste wieder aufgenommen. In den neuen Shows stellen sich wieder bis zu zehn Comedians dem johlenden Publikum. Jeder Quatschmacher hat jeweils nur sechs Minuten Zeiten, den Saal für sich zu gewinnen. Nicht nur Profis wissen: In der Kürze liegt die Wucht! (Quatsch Comedy Club, ab 1.4.)

Ziemlich viel Kunstvolles in einem Aufwasch bekommt man bei der Wir wollen nie nie nie-Premiere des Ensembles 305 geboten. Die junge Truppe rund um Regisseur Philipp Boë hat sich vorgenommen, Tanz, Physical Theatre, Luftakrobatik und Puppenspiel zu verschmelzen. Es geht um einen widerspenstigen Sonderling, der sich in die zuvor so harmonische Zweisamkeit eines Körperpaars drängt. Es wird hektisch ... (Hoch X, 1./2.4.)

Große leere Gedankenräume stößt die neue Produktion der Truppe an, die sich das Kollektiv der Verbliebenen nennt. Dort betritt ein junges Mädchen ein großes Haus und muss sich erst mal zurechtfinden. Es ist ein unheimlicher Ort, ein Raum, in dem auch mit Gewalt zu rechnen ist. Und mit vielen Fragen. Schon der Titel etwas buntes, abgefucktes, das glitzert, leuchtet und scheint knipst Assoziationsketten an. (Kammerspiele Werkraum, ab 2.4.)

Ein großartiges Ensemble, darunter unter anderem die „Franzi“-Serienschauspielerin Kathrin von Steinburg sowie Robert Giggenbach, einst bekannt geworden mit „Irgendwie und sowieso“, hat Jochen Schölch für das beklemmend intensive Familiendrama Dinge, die ich sicher weiß zusammengetrommelt. Es geht um die große, rasante Achterbahnfahrt von der Liebe, über Schmerz, Verlust, Streit, zurück zur Versöhnung. (Metropol-Theater, 2./3. sowie 8./9.4.)

Besonders schön: Wenn einfach nur Worte Welten erschaffen und Liebe stiften können. Cyrano de Bergerac ist immer noch der Hausheilige all derjenigen, die vielleicht nicht unbedingt im Rampenlicht stehen, aber eben doch dort unbedingt stehen müssten. Intelligenz ist sexy. Roxane weiß das noch nicht. Dichtkunst bahnt den Weg dorthin. Das Regie- und Dramaturgie-Gespann aus Antonio Latella und Federico Bellini hat schon die „Drei Musketiere“ (weiter auf dem Spielplan und ein verlässlicher Ausgehtipp!) auf Trab gebracht. Nun klirren auch hier die Degen. (Marstall, 5.4.)

Kann sich noch jemand an die wirklich schwitzigen Tanzexzesse erinnern? An das zuckende Körperknäuel, die böse peitschenden Beats, die Verwirrung aller Sinne? Nightcore ist ein Versuch, sich wieder tief auf die Verführungskraft der Nächte einzulassen. Drei Darsteller und ein Videokünstler spielen Archäologen, die Erinnerungen an Clubs freilegen wollen – in einem Setting, das ein wenig an eine sündige Sauna erinnert. (Kammerspiele, ab 6.4.)

Der beliebten „Was wäre gewesen, wenn“-Frage folgte schon der Roman-Bestseller von Donna W. Cross. Sönke Wortmann machte einen Film aus dem deftig menschelnden Stoff. Und nun kommt Die Päpstin auf die Musical-Bühne. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Dorfpfarrerstochter, die sich als Mann ausgibt, um vom einfachen Mönch zum Kirchenfürsten aufzusteigen. Doch ihr Geheimnis macht sie natürlich angreif- und erpressbar. (Deutsches Theater, 6. bis 10.4.

Auch so eine Art Lebensbilanz, wenn auch eine weitaus profanere, zieht Johann König im neuen Bühnenprogramm „Jubel, Trubel, Heiserkeit“. Der gute Mann wähnt sich auf dem Höhepunkt seiner Existenz. Er hat drei Kinder gezeugt, zwei Bäume gepflanzt und ein Haus gekauft. Was soll da nun noch kommen? Na klar: König muss das Haus verputzen, den Auszug der Kinder vorbereiten und die Bäume fällen. (Alte Kongresshalle, 6.4.)

In der „Normalität“ müsste eigentlich Johanna von Orleans Unterrichtsstoff sein. Regisseur Nikolas Darnstädt hat aus dem Schiller-Stück eine Fantasy-Schwarte gemacht, in der zwei rivalisierende Großkonzerne gegeneinander in die Produktschlacht ziehen. Es ist eine turbokapitalisierte Gesellschaft, in der eine selbstbewusste junge Frau eine ganz eigene Werbebotschaft vor sich her trägt. (Volkstheater, ab 7.4.)

In der modernen Welt angekommen ist Herr Schröder, der „Korrekturensohn“. Er unterrichtet an der Helene-Fischer-Gesamtschule, die mit der Zeit geht. Netflix ist Schulfach, Schulbücher gibt’s als Podcast. Und bettlägerige Schüler werden per Livestream zugeschaltet. Auf dem Lehrplan steht: „Instagrammatik“. (Schlachthof, 7.4.)

In Champagnerlaune einfach mal eine Art vorgezogenes Silvester feiern ruft Gärtnerplatz-Intendant Josef E. Köpplinger mit seiner Die Fledermaus-Inszenierung aus. Er hat die spritzige, doppelbödige, natürlich auch frivole Operette kräftig entstaubt und lässt die Korken knallen. Und doch zeigen sich schnell Risse: Was wie ein selbstverliebtes Tändeln wirken könnte, überdeckt kaum gesellschaftliche Abgründe. Ein Tusch! (Gärtnerplatztheater, ab 7.4.)

Starken Tobak stopft Regisseur Stephan Kimmig mit der Spiel des Lebens-Premiere in die Pfeife. Er hat sich die sogenannte „Kareno-Trilogie“ des norwegischen Nobelpreisträgers Knut Hamsun vorgenommen. Darin lernt man den Intellektuellen Ivar Kareno kennen, der so gerne ein visionärer Philosoph wäre, sich aber auf einer Hauslehrerstelle durchfüttern lassen muss. Seine zunehmend kruden Gedankenkaskaden nehmen Hamsuns eigene spätere Hinwendung zum Antidemokratischen voraus. (Residenztheater, ab 8.4.)

Auf dem Weg alles Irdischen schlurft Oliver Pötsch in der Das Mädchen und der Totengräber-Produktion. Dahinter verbirgt sich ein morbider, witziger Lese-Abend mit Blues und Chansons von Wolfgang Ambros bis Georg Kreisler. Es lebe der Zentralfriedhof! (Hofspielhaus, ab 9.4.)

Österreichs größter Showbusiness-Export: So vollmündig lassen sich Thommy Ten & Amélie van Tass ankündigen. Aber vielleicht stimmt das sogar: In Las Vegas füllen die „Weltmeister der Mentalmagie“ die ganz großen Hallen. Wer mentalmagisch veranlagt ist, kann sich vermutlich ganz gut vorstellen, was sich hinter dem Bühnenprogramm „Zweifach zauberhaft“ verbirgt. Alle Normalsterblichen sollten einfach hingehen. Und staunen! (Zenith, 10.4.)

Ebenfalls ein massentaugliches Großveranstaltungsortspektakel ist das zuletzt mehrfach verschobene Blockbuster-Musical We Will Rock You, das 24 der größten Queen-Hits neues Leben einhaucht. Mitbeteiligt am großen Londoner West-End-Erfolg war der Bestseller-Autor und Comedian Ben Elton. (Olympiahalle, ab 13.4.)

Superlative braucht man natürlich auch, um die Magie zu beschreiben, die nicht nur vom Garmischer Gaudiburschen Georg Ringsgwandl, sondern von Lola Montez, der sinnlichen Königskopfverdreherin aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, ausgeht. Der Schauspieler, Theaterautor und natürlich Musiker hat den Aufregerstoff über den biedermeierlichen Blick unter die Reifröcke mit dem Titel Lola M. neu belebt. Revolutionär gut! (Cuvilliéstheater, ab 14.4.)

Max Giermann hat ebenfalls gleich mehrere Berufe. Zu den bekannten – Schauspieler, Komiker, Parodist und Gummigesicht – ist in letzter Zeit auch sein neuester hinzugekommen: Giermann ist jetzt auch Cartoonist. Im neuen Solo „Ich bin was, was du nicht siehst“ zeichnet er live Antworten auf Fragen des Publikums. (Schlachthof, 15.4.)

Rosenkranz und Güldenstern, die eher bedauernswerten Nebenfiguren aus Shakespeares „Hamlet“, tingeln bereits durch diverse Bühnenproduktion. Nun hat sie auch André Hartmann für die Theater-Eigenproduktion Ei, Ei, wir hör’n von uns eingefangen. Er schickt sie auf einen Spaziergang – vom Himmel durch die Hölle und zurück. Anlass ist natürlich Ostern, das Fest zum Ende der Fastenzeit. (Hofspielhaus, 16.4.)

In einer wirren Welt der literarischen Anspielungen muss sich Young Frankenstein zurechtfinden. Gemeint ist in
der augenzwinkernden Musical-Komödie der Enkel und Alleinerbe des durchgeknallten Wissenschaftlers. Victor
Frankenstein möchte seine finanziellen Angelegenheiten regeln, reist dafür auf das Familienschloss in Transsilvanien – und gerät prompt hinein in die diabolischen Experimente, die munter weiterspuken. Ausgearbeitet hat den Stoff übrigens einst Mel Brooks für den gleichnamigen „Young Frankenstein“-Film mit Gene Wilder als Hauptdarsteller. (Deutsches Theater, ab 19.4.)

Eine spannende Aufgabe haben sich Petra Wintersteller und Heiko Dietz für ihre Übersee-Darsteller – und für das Publikum – ausgedacht. Zur Aufführung kommen vier Szenen, die in einer beklemmend engen Schiffskabine spielen und die alle von einer Art Flucht berichten – vor dem Leben, vor der Verantwortung, vor dem Glück und vor der Abhängigkeit. Der Clou dabei: Erst vor Ort legen die Zuschauer fest, in welcher Reihenfolge die austauschbaren Szenen des Abends gespielt werden. (Theater Und so fort, ab 24.4.)

Ebenfalls ans, aufs und sehr oft eben auch ins Wasser geht es im Eisbachwelle-Stück von Florian Wacker. Der Autor geht in dem Auftragswerk der Schauburg-Intendantin auf eine Suche nach dem jugendlichen Lebensgefühl der Stadt. Wer ist mehr Münchnerin oder Münchner: der zufällig hier Geborene oder der bewusst hierher Geflüchtete? (Schauburg, ab 24.4.)

Den Irrsinn der Welt fasst Patrick Salmen ganz gut zusammen. Der Bühnenpoet und Autor hat ein feines Schlusswort für diese leider völlig überdrehten Zeiten: „Im Regenbogen der guten Laune bin ich das Beige.“ (Lustspielhaus, 27.4.)

Oder doch noch das? München, Stadt der Grantler? Meistens ja leider doch. Umso wichtiger ist es, sich auf den bitteren Ernst der Molière-Komödie Der Menschenfeind einzulassen. Allerdings: Alceste ist vermutlich nicht aus Prinzip übellaunig, sondern wohl doch aus einem schönen Frühlingsmotiv heraus. Er ist unsterblich in die junge Witwe Celimène verliebt. Wie schön! (Volkstheater, ab 28.4.)