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Theater und Kabarett im Oktober: Verführung zum Staunen

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Michael Altinger
Zum Happy End bereit: Michael Altinger © Altinger

So kann die kühlere Jahreszeit kommen: Diese neuen Stücke wärmen von innen – mit ganz viel Spielfreude und Leidenschaft

Mitmachen, sich einbringen, Teil eines größeren Ganzen sein: Das geht bei der „Global Warming Party“ natürlich gut. Leider. Seit knapp 200 Jahren leistet die Menschheit ihren verhängnisvollen Beitrag zum Klimawandel. Und noch immer düsen die Wandelleugner und Verschwörer mit Vollgas in den Sonnenuntergang. Es gibt aber auch kluge Stimmen, die Gehör finden. Die Science Busters aus Wien etwa. Sie nehmen sich zur Feier ihres 15-jährigen Bestehens beherzt der Frage an, warum der Klimawandel eine Partybremse ist. Außerdem werden noch Details geklärt. Etwa: Kann ich meine Katze als Geigerzähler verwenden? (Lustspielhaus, 1.10.)

Krisen mit Humor begegnen: Das ist natürlich auch das Überlebensprinzip des Pagen, der plötzlich wichtige Entscheidungen treffen möchte, als sein Direktor in den Urlaub aufbricht. Der Bär hat sich angekündigt. Er möchte seinen Winterschlaf mal im gediegenen Ambiente verbringen. Tiere im Hotel ist eine leichtfüßige Komödie über stressige Zeiten. (Schauburg, ab 1.10.)

Der Kommissar geht wieder um: Falco – Das Musical erzählt vom mindestens zweitweltberühmtesten Wiener Superstar nach Mozart. Geboten werden tiefe Einblicke in die Gefühlswelten von Hans Hölzel. Und natürlich gibt’s ein Wiederhören mit den Hits von „Jeanny“ über „Rock Me Amadeus“ bis zu „Out of the Dark“. (Deutsches Theater, 4. bis 9.10.)

Es sind bekanntlich Zeiten, in der alte Freunde plötzlich neue Meinungen haben. Und doch gibt es einen „Lichtblick“. So heißt der Abschluss der Weltrettungstrilogie von Michael Altinger. Er treibt seine Reihe auf einen Höhepunkt zu. Und in Strunzenöd kommt es zum Happy End. Bleibt nur die bange Frage: Für wen? (Lustspielhaus, 5.10.)

Das Vögel-Drama von Wajdi Mouawad, eine moderne Überarbeitung der „Romeo und Julia“-Story, kreist um die Identität und damit auch um die Frage, wer sie wirklich definiert – die Herkunft oder das eigene Erleben? Eitan, ein Biogenetiker jüdischer Herkunft aus Berlin, verliebt sich in die arabischstämmige Amerikanerin Wahida – in einer New Yorker Uni-Bibliothek. Können die beiden über ihre Familiengeschichten, die früher oder später beim Israel-Palästina-Konflikt landen, hinwegsehen? Wir hoffen doch sehr. (Metropoltheater, ab 6.10.)

Das Schillernde, nicht so leicht zu Fassende: Das machte den in Nantes geborene Surrealisten Cahun, ein in einem jüdischen Intellektuellenhaushalt aufgewachsenen Oscar-Wilde-Jünger, aus. Pinar Karabulut lässt die Spielzeit an den Kammerspielen mit der Uraufführung von La Mer Sombre beginnen. Wie sagte Cahun doch so treffend: „Männlich? Weiblich? Aber das hängt von der Situation ab. Neutral ist das einzige, das immer für mich passt.“ (Kammerspiele Werkraum, 6./17. und 18.10.)

Eine faszinierende, verführerische Theaterfigur zwischen Faust, Don Giovanni und Tannhäuser ist Tom Rakewell, der sich in der Kupferstichserie The Rake’s Progress des englischen Malers William Hogarth einst durch Londons Freudenhäuser vögelte und der im Irrenhaus endete. Igor Strawinsky hat daraus eine Oper gemacht, an die sich nun Regisseur Adam Cooper wagte. (Gärtnerplatztheater, ab 7.10.)

Mit einer atemberaubenden Doppelpremiere der Regisseurin Felicitas Brucker geht es an den Kammerspielen weiter. Dort kreist der Thriller Nora um die von Henrik Ibsen her bekannte, um Selbstbestimmung ringende Titelheldin. Mit Sivan Ben Yishai, Gerhild Steinbuch und Ivna Zic befragen drei wichtige Dramatikerinnen der Gegenwart die tragische Figur neu. (Kammerspiele, 7.10.)

Felicitas Brucker setzt mit Die Freiheit einer Frau aber auch die Romanvorlage von Éduouard Louis, des neuen Shootingstars der französischen Literaturszene, auf der Bühne um. Erzählt wird von der Mutter des Autors, von den toxischen Lebensumständen im Arbeitermilieu einer gottverlassenen Provinz und von der Gewalt der Rollenbilder. (Kammerspiele, 7.10.)

Thom Luz ist Hausregisseur am Staatsschauspiel wenige Häuser weiter. Und er pinselt in Warten auf Platonow Theaterbilder nach den Texten von Anton Tschechow. Es sind Skizzen, die märchenhafte Klänge beschwören und Lieder aus längst vergangenen Zeiten noch einmal anstimmen. „Für ihn waren die Dinge lustig und traurig zugleich“, sagte einst Vladimir Nabokov über Tschechow. „Aber das Traurige sah man nur, wenn man auch das Lustige sah, weil beide miteinander verbunden waren.“ (Cuvilliéstheater, ab 8.10.)

Komplexität auf Leichtigkeit lässt das Fastfood-Theater treffen. Die Impro-Truppe, die stolz ihr mittlerweile 30-jähriges Bestehen feiert, steigt in eine Reihe von sogenannten „Relevanz“-Abenden ein, für die sie sich Expertenwissen ausWissenschaft und Sport eingeladen hat. Los geht’s mit Gerd Schönfelder, dem 16-fachen Paralympics-Sieger. (Eine-Welt-Haus, 9.10.)

Tanz-Impresario Walter Heun lässt die Wechselbeziehungen von Publikum und Künstlern sowie das Bedürfnis nach Nähe und Distanz in der Herbstreihe „Access to Dance – Encounters“ erkunden. Los geht’s mit der Hamburger Choreografin Antje Pfundtner. Für ihr Solo Platz nehmen findet sie sich tatsächlich mitten im Auditorium ein. Und es geht auch um die Frage, wofür sich lohnt, engagiert aufzustehen. (Gasteig HP8, 11./12.10.)

I Don’t Care sagte die queere australische Singer-Songwriterin Sia einmal in einem Interview. „Es ist mir egal, ob jemand ein Ding oder ein Dong hat.“ Sympathischer Zug. Jürgen Berger hat in seinem thailändisch-deutschen Theaterprojekt eine Untersuchung über die Lebensumstände von Trans-Personen aus München und Bangkok gemacht. Was beide Städte gemeinsam haben (trotz der enormen Unterschiede): Sowohl in Bangkok als auch in München findet man besonders viele Spezialisten für geschlechtsangleichende Operationen. (Residenztheater, ab 14. Oktober)

Die tollen Hallen von Einstein Kultur feiern dieser Tage ihr 10-jähriges Bestehen (unter diesem Namen). Ein Höhepunkt im breit angelegten Festprogramm ist auch der Auftritt des beliebten Impro-Duos Linner & Trescher. „The Brain“ und „The Face“ spielen sich im „Noch ein Jubiläum“-Programm gegenseitig die Bälle zu. (Einstein Kultur, 14.10.)

Ebenfalls ein tolles Fest feiert Münchens vermutlich engagierteste Intendantin Christiane Brammer unter dem selbsterklärenden Motto Das Hofspielhaus wird 7. Dafür legen sich unter anderem André Hartmann, Annette Lubosch, Fritz Tiller sowie Vincent Tandler, Rouven Blessing und Veronika von Quast ins Zeug. Verliehen wird außerdem der „Preis der Leidenschaft“. (Hofspielhaus, 14.10.)

Wäre die Welt nicht viel schöner, wenn wir alle stets ehrlich wären? Um Gottes willen! Meint zumindest Michael Eller. Im Solo „Gefährlich Ehrlich“ verrät er, warum ein gutes Maß an Unehrlichkeit unser aller soziales Überleben sichert. Ungelogen! (Schlachthof, 14.10.)

Von der Fragilität des Daseins, aber zum Glück auch vom Wunder erzählt das internationale Figurentheaterfestival. Tote Materie wird lebendig und zieht ein staunendes Publikum in den Bann. (Schauburg, ab 14.10.)

Es ist eines der zeitlosesten Stücke der Weltliteratur. Und immer wieder lohnt es sich, über die dramatischen Verstrickungen und die Radikalität der Liebe bei Romeo + Julia nachzudenken. Nach dem großen Erfolg mit „Peer Gynt“ im Vorjahr legt das inklusive Ensemble der Freien Bühne München nun kraftvoll nach. (Pasinger Fabrik, ab 15.10.)

Ein Hauch von „Eine Nacht im Museum“: Im Stück Les statues rêvent aussi. Vision einer Rückkehr erwacht doch tatsächlich die Statue der westafrikanischen Prinzessin Yennenga aus dem 12. Jahrhundert zum Leben – im Keller eines ethnologischen Museums. Gespielt wird simultan – an den Kammerspielen und im Musée Paul Ahyi im westafrikanischen Lomé. (Therese-Giehse-Halle, 15.10.)

Luise Kinseher wurmt, dass die gesamte Erde erforscht, vermessen und durchnummeriert ist. Und dann wurde eben doch etwas vergessen: die menschliche Seele. Höchste Zeit, das im neuen Programm „Wände streichen. Segel setzen“ nachzuholen. (Lustspielhaus, 19.10.)

Auch Micha Marx nimmt seine Fans mit auf eine Expedition – einen Lichtbildervortrag. Und der führt an so exotische Orte wie Bonn Ringsdorf. „Vom Leben gezeichnet“ ist eine Show, die so süß und aufregend wirkt, wie ein Bad im Bio-Orangensaft. Das berichten jedenfalls Begeisterte, die sie bereits erleben durften. (Fraunhofer, 20.10.)

Zwischen Umsturz und Lebersturz ist Andrea Limmer unterwegs. Ohne Haus, ohne Kinder, ohne Büroausweise und ohne ring am Finger. Auf einem Klassentreffen hätte sie damit schlechte Karten. Doch genau darum geht es: Sich über „Das Streben der Anderen“ lustig zu machen. (Fraunhofer, 21.10.)

Il Giasone ist ein Fundstück aus dem Barock, das zurück in die wilden Kindertage der Oper im 17. Jahrhundert führt. Mit ganz vielen amourösen Verwicklungen. (Reaktorhalle, 24.10.)

Ähnlich verspielt, heiter und frivol ist natürlich auch der Handlungs- und Verwechselungsreigen von Mozarts Così fan tutte angelegt. Benedict Andrews gönnt dem Opernklassiker eine lange erwartete Neuinszenierung. (Staatsoper, ab 26.10.)

Schwer an die Nieren geht der Kriminalfall, den Burchard Dabinus im Stück Weil du mir gehörst – Die Gesichter des Winfried B. aufrollt. Es geht um den brutalen Tod von Saskia, einer Cousine des Autors und Regisseurs. (TamS Theater, ab 26.10.)

Bleibt zum Abschluss die Knallerpremiere Feeling Faust. Claudia Bossard und ihr Team blicken auf die oft unheilvolle Wirkgeschichte von Goethes Welterfolg. Vor allem das Fortschrittstreben hat den Globus kurz vor den Kollaps gebracht. Doch auch das Frauenbild muss scharf neu ausgeleuchtet werden. So viel sei verraten: Es wird eine feministische Sicht auf den Stoff. (Volkstheater, ab 26.10.)

Rupert Sommer

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