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Theater und Kabarett im Dezember: Wenn sich ein Jahr in Magie auflöst

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Spielt mit den ganz großen Gefühlen: West Side Story im Deutschen Theater
Spielt mit den ganz großen Gefühlen: West Side Story im Deutschen Theater © Jeff Busby

Endspurt auf den großen und kleinen Bühnen: Mit so viel Energie kommt man gut durch den Winter – und sogar über stille Tage hinweg

Frieden in diesen Tagen. Was für ein Wunsch. Nazik Dogan und ihre drei Kinder trauern um den verstorbenen Vater. Dann platzt eine neue Schockbotschaft herein: Von den Brandanschlägen auf die Häuser in Mölln. Wo soll man weiterleben? Nuran David Calis wirft in Das Erbe bange Fragen zum schon wieder grausamen Umgang mit Schutzsuchenden auf. (Kammerspiele, 1./3./15.12.)

Die Hochleistungsgesellschaft hält sich nicht gerne mit ihren Opfern auf. Christiane Mudra dagegen nimmt sich Zeit. Sie führt für Selfie & ich das Publikum in mehrere Wohnungen in Haidhausen, wo man Stimmen und Gesichter erlebt, die sonst oft hinter verschlossenen Türen bleiben. (Infos zu den Treffpunkten unter www.investigativtheater.com, noch bis 4.12.)

Starke Frauen (mit oder ohne Helm), die sich freikämpfen: Ferdinand Schmalz hat für Hildensaga. Ein Königinnendrama den deftigen Nibelungenstoff neu aufgekocht und zeitgemäß nachgewürzt. (Volkstheater, ab 2.12.)

Gregor Samsa dagegen hat schon kapituliert, bevor es mit der weltberühmten Franz-Kafka-Erzählung Die Verwandlung überhaupt losgeht. Doch halt: Auch seine Schwester hat sich verändert. Pubertät, oh weh! (Schauburg, wieder ab 3.12.)

Schnell noch im Schlosspark eine Runde mit den Schwänen schwimmen und dann frisch geföhnt in die Lohengrin Premiere. Die Neuinszenierung der Wagner-Oper stellt sich den Debatten um unsichere Identitäten und möchte sich einmal nicht vereinnahmen lassen, sondern schön rätselhaft bleiben. (Nationaltheater, ab 3.12.)

In den 70er Jahren blühte sie auf, suchte den Kontakt zu Performance-Künstlern und zum Straßentheater: Der Salon der Munich Dance Histories möchte auf die Anfänge der Freien Tanzszene zurückblicken und hat dazu Wegbereiter wie Jessica Iwanson, Bonger Voges, Micha Purucker und Walter Heun eingeladen. (Gasteig HP8, Saal X, 3.12.)

Wieder zurück meldet sich auch eine der seinerzeit wichtigsten Kooperationen. Die nämlich, als sich Theaterzauberer Robert Wilson den Klassiker Alice (aus dem Wunderland) vornahm und für die Musik Tom Waits dazu gewann. Märchenhaft! (Metropoltheater, ab 3.12.)

Volkstheaterintendant Christian Stückl hat nach den Marathonleistungen im Passionsspiele-Jahr hoffentlich endlich mal wieder durchschlafen (und zum Rasierer greifen) können. Nun hievt er Weltliteratur auf die Bretter: Die Brüder Karamasow nach dem Roman von Fjodor Dostojewski. Schwere Kost! (Volkstheater, ab 4.12.)

Auf einen Roman von Roberto Arlt, der zumindest in dessen argentinischer Heimat weltberühmt ist, greift der Verschwörungsabend L7 – Die Sieben Irren zurück. Es geht um Erosionen im Untergrund, um faschistische Strukturen und die Gewaltbereitschaft in verwirrten Gesellschaften. (Kammerspiele, ab 8.12.)

Nicht verunsichern lässt sich Thomas Steierer. Er treibt sich selbst und seine Mitstreiter mit dem forschen „Immer weiter“-Motto an. So heißt auch der gemeinsame Hybrid-Mix aus Lesung, Musik, Live-Hörspiel und Spoken-WordPerformance vom Kabarettisten Steierer und vom Münchner Leroy-Musiker Leo Hopfinger. (Heppel & Ettlich, 6.12.)

Dann ist natürlich wieder die Zeit zum Innehalten, Derblecken, aber auch zum Schulterzucken gekommen: Django Asül schaut mit satirischem Scharfblick in den „Rückspiegel 2022“. (Lustspielhaus, ab 6.12.)

Warm wird’s auf dem „werktastischen Weihnachtskonzert“ im Boomviertel hinter dem Ostbahnhof. Merry Musical bringt Musical-Songs und Weihnachtslieder zusammen. (Werk 7 Theater, 8. bis 11.12.)

Wenn Lisa Fitz mal wieder auftritt, gehen ohnehin die Kerzen an. „Dauerbrenner“ nennt sie ganz bescheiden ihr Jubiläumsprogramm zu mittlerweile deutlich mehr als 40 Bühnenjahren. (Schlachthof, 8.12.)

Das würde der sinnenfrohen Kabarett Rocklady sicher auch gut gefallen: Der Choreograf Michiel Vandevelde setzt sich in seiner Bühnenforschungsarbeit Joy 2022 mit der Sex-Positivity-Szene, mit Wünschen und Fantasien auseinander. Knisternd! (Kammerspiele, ab 9.12.)

Vermutlich eher durch eine StahlrandBrille blickt Kevin Rittberger in seinem Auftragswerk Der Entrepreneur auf das Wirtschaftstreiben. Zugespitzt und trotz allem vergnüglich soll der Abend erläutern, warum in der bestehenden Wirtschaftsordnung die Klimaziele nicht erreicht werden können. Was für ein Theater. (Marstall, ab 9.12.)

Im Winterwald gelten andere Gesetz: Nur mit Mut und Frechheit schafft es die kleine Maus, sich gegen einen Fuchs, eine Eule und eine gefährliche Schlange durchzusetzen. Trotzdem: Ein Grüffelo als Freund schadet nie. (Gärtnerplatztheater, ab 11.12.)

Ebenfalls ein Musikfest mit Schmackes wird die Wiederkehr der West Side Story samt den mitreißenden Melodien von Leonard Bernstein. Immerhin erlebte hier 1961 das Stück seine Deutschlandpremiere. (Deutsches Theater, ab 14.12.)

Was bringt die Zukunft? Zum Visionen-Abend blicken drei junge Erwachsene in die Kristallkugel. Das Young Pathos Kollektiv zerlegt zusammen mit der Rockband Pure Dirt die Bühne. (Pathos Theater, 16./17.12.)

Ja, wohin geht sie nur die wilde Fahrt? Eva Karl Faltermeier bemüht sich ebenfalls um eine Standortbestimmung, auch wenn sie im Kabarett-Solo „Taxi. Uhr läuft“ sicher nicht stehenbleiben möchte. (Lustspielhaus, 17.12.)

Friedlicher dürfte es beim Glühglückabend Weihnachten mit Veronika Quast zugehen. Gemeinsam mit Susanne Brantl und Norbert Bürger leuchtet sie in die Dunkelheit. Gedichte müssen aufgesagt werden. Und dann feiert Veronika auch noch einen Geburtstag: „Ver wünscht, Ver tont, Ver se“, heißt das dann. (Hofspielhaus, 17.12.)

Da leuchten die Lüster im prachtvollen Festsaal: Der kleine Lord lässt sich von seinem anfänglich zumindest griesgrämigen Großvater nicht den Spaß verderben. Das Weihnachtsmusical feiert gute alte Zeiten – und die Unbekümmertheit. (Künstlerhaus, 20.12.)

Morgen, Klufti, wird’s was geben: Volker Klüpfel und Michael Kobr sind natürlich nicht nur unermüdliche Erfolgsschriftsteller, sondern auch (zart angegraute) Gaudiburschen. Zum genial komischen Weihnachtsprogramm kann man sagen: So viel Lametta war noch nie! (Schlachthof, 20.12.)

Einmal noch vor Weihnachten glänzt und funkelt auch der Silbersaal, die zum neuen Leben geküsste historische Nebenbühne. In der Salon-Reihe geht es saisonal angemessen nun auf Schuberts Winterreise. (Deutsches Theater, 22.12.)

Etwa derber die Festtagsdrohung der Herren Beier & Hang. Sie fordern in ihrem erfrischend respektlosen Jahresausklangsprogramm: „Geh mir nicht auf den Sack!“ (Hofspielhaus, 23.12.)

Und als stimmungsvolles Geschenk geht dann zum Schluss noch einmal der ganz große Festvorhand auf: Das Staatsballett beschließt das Jahr mit der Premiere der Tschaikowski-Ouvertüren, choreografiert von Alexei Ratmansky. (Nationaltheater, ab 23.12.)

Autor: Rupert Sommer

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