Highlights

Die Theater-Highlights zum Monatswechsel

Mare Nostrum in den Kammerspielen

Poetisches im Privaten, Politisches auf der Bühne: Selten war Ausgehen so wichtig. Unsere Empfehlungen für die kommenden Tage und Wochen.

Politische Brisanz auch auf den Bühnen ist ein Gebot der Stunde. Und nicht nur Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, und Sophie Becker vom Spielmotor haben ihre wahre Freude daran. Vor allem die Kammerspiele unter dem scheidenden Intendanten Matthias Lilienthal  und sein Dramaturg Christoph Gurk könne mit dem großen Festival „Politik im Freien Theater“, das mit 14 Gastspielen über Münchner Bühnen tobt, noch einmal zeigen, wofür das zuletzt in alle Richtungen geöffnete Haus eigentlich stehen möchte.

So geht es auch gleich fulminant mit der Paradise Now-Produktion von Michiel Vandevelde los. Der Choreograf und sein Team aus Brüssel haben sich 50 Jahre nach der 68er Revolution mit der Frage auseinandergesetzt, was von dem ursprünglichen Aufbruchsgeist überhaupt noch erhalten ist. Dafür inszeniert er zusammen mit 13 Jugendlichen der belgischen Truppe Fa buleus noch einmal das berühmte Living-Theatre-Stück zeitgemäß neu. Ist politisches Handeln überhaupt noch möglich? Aber ja! (Kammerspiele, 1./2.11.)

Die Wirtschafskrise des Jahres 1997 in Südkorea bietet dagegen die historische Folie für das Cuckoo-Stück, das der Gesellschaft ebenfalls den Puls fühlt. Massenarbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit und drängende Finanzsorgen führen zu steigenden Selbstmordraten, sozialer Vereinsamung so wie einer einseitigen Fixierung auf Äußerlichkeiten und Technologie-Schnickschnack. Theatermacher Jaha Koo und drei „smarte Reiskocher“ nehmen ihr Publikum an die Hand und führen sie durch 20 Jahre in dem überhitzten Olympialand. (HochX, 4./5.11.)

Von Flüchtlingsströmen, allerdings jenen, die nach Jahren des nicht so richtig beendeten Bürgerkriegs immer noch nicht befriedeten Kolumbien über Mexiko ins vermeintlich gelobte Land USA drängen, erzählt Laura Uribes Mare Nostrum-Produktion. Sie setzt ein bildgewaltiges Multimedia- und Performance-Dokumentartheater in Gang, das sich sehr eindringlich mit den Bildern von der alltäglichen Tragödie auf unserem Mittelmeer verbinden lässt. Abertausende Menschen verschwinden spurlos und hinterlassen nicht mal mehr Nachrichtenaufregung im Fernsehen. (Kammerspiele, 4.11.)

Auf Literarisches greift dagegen das deutsch-britische Gob Squad-Kollektiv zurück. Für Creation (Pictures for Dorian) schnappt sich die Truppe Motive aus dem berühmten Oscar-Wilde-Roman, um den peinlichen Alltagsnarzissmus anzuprangern. (Kammerspiele, 5./6.11.)

In ein Casino verwandelt sich der Theatersaal in der £¥€$-Spielanordnung, die nicht ohne Hintersinn mit den Symbolen der großen Weltwährungen arbeitet. Alle Besucher werden dabei am grünen Filz der Spieltische platziert, die einen fiktiven Finanzmarkt darstellen sollen. Die Croupiers laden alle Teilnehmer dreist zum wüsten Spekulieren ein. Nur wer wagt, gewinnt. Und doch verlieren alle. Immer komplexer wird das Treiben, bis niemand mehr die Geldmechanismen durchschaut, wie man das an den Börsen täglich ebenfalls beobachten kann. (Muffatwerk, 8./9.11.)

Die berühmte Rimini Protokoll-Truppe kommt mit einer ähnlich sogartigen Abrechnung mit Data-Mining und Big Data, mit digitalen Echokammern und den Gefahren ungehemmten Machine Learnings daher. Träumende Kollektive. Tastendende Schafe ist die dritte Reflexion über den Staat – nach „Top Secret International“ über global rücksichtslose Geheimdienste und „Gesellschaftsmodell Großbaustelle“. Diesmal fragen die Riminis nach dem Wert der Daten und bringen sie sogar zum Klingen. Denn auch das Publikum ist gefordert: Über eine Smartphone-App nehmen sie an einem permanenten Abstimmungsprozess teil. Und der fiept und pingelt eben ungebremst. (Marstall, 2./3.11.)

Doch „Politik im Freien Theater“ ist derzeit nicht der einzige frische Festivalwind, der durch München weht. Spannend ist auch das IETM MunichWirken des Internationalen Netzwerks für Darstellende Kunst. Vom Kultroman „Fight Club“ inspiriert kreist die Fight! Palast#membersonly-Produktion aus Bern rund um die Frage, wo sich eine vermeintlich selbstbestimmt junge Generation heute überhaupt noch selbst finden kann. Sie landet im düstern Kampfkeller – bei hartem Körpertraining und präzise platzierten Punches. (Reaktorhalle, 1./2.11.)

Mit den Bildern von Weiblichkeit – und das schamlos und selbstironisch – spielt die IETM-Aufführung Du (aber eigentlich geht es um mich). Drei Schauspielerinnen arbeiten sich darin an den Anforderungen der Leistungsgesellschaft und den starren Vorstellungen von Schönheit und Hässlichkeit ab. (Reaktorhalle, 3.11.)

Wie gut, dass es just zu diesem Thema allerdings auch noch deutlich versöhnlichere Ansätze gibt, die dem Publikum nicht gleich den Magen umdrehen. Als einer der vielen Höhepunkt zur Feier des 25-jährigen Bestehens der Theaterakademie August Everding holt Regisseur Andras Gergen für Cinderella die Musical-Fassung mit Musik von Richard Rodgers und Texten von Oscar Hammerstein auf die große Märchenbühne. Natürlich muss sich auch das Mädel im rußigen Rock fragen, wie sie jemals zu ihrem Traumprinz kommt. Und dann bleibt auch noch ihr Stöckelschuh stecken ... (Prinzregententheater, ab 31.10.)

Ganz großes Musik-Kino verspricht natürlich auch das Der Medicus-Musical, das an den Erfolg des Leinwandschmachtfetzens mit seinen über drei Millionen Zuschauern in Deutschland anknüpfen möchte. Der junge Engländer Rob Cole wächst eigentlich im mittelalterlichen London auf. Er möchte sich jedoch in die arabisch gehüteten Geheimnisse der Medizin einweihen lassen und bricht in den Orient auf. Ein bewusstseinserweiternder Trip, auch fürs Publikum. (Deutsches Theater, ab 8.11.)

Gar nicht erst weg aus London kommt man dagegen mit dem Original-Beatles-Tribute Let it be, das direkt aus dem West End stammt. So swingen die Sixties. Und auf der Bühne werden alle Fan-Träume Wirklichkeit: die Reunion der Fab Four. (Deutsches Theater, 30.10. bis 4.11.)

Himmlische Klänge der Beatles? Oder doch lieber gleich Gott selbst als den ersten Regisseur? Als selbigen sieht Yael Ronen den Schöpfer, Ordner und Paradiestürsteher der ersten Bibel seiten. #Genesisist für sie der sprichwörtliche „Starting Point“ von allem. Untersuchen lässt sie von ihrem Bühnenensemble die archaischen Bilder und ihre erdbebengleiche Wirkung – Naturbeherrschung, Frauenfreundlichkeit und bald leider auch Brudermord und Totschlag. (Kammerspiele, 28./29.10.)

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