Highlights

Die ersten Theater-Highlights im September

Das Totale Tanz Theater von 4. bis 8. September im Muffatwerk

Wer alle seine Sinne einsetzt, kann mit Hunden sprechen. Aktuelle Anregungen zur Bewusstseinserweiterung

Dass sich im Muffatwerk, wo einst die königlich-bayerischen Stromgeneratoren röhrten, ständig etwas bewegt, weiß man natürlich in der Stadt. Jetzt wird’s allerdings noch einmal überdeutlich und augenscheinlich – sogar „pneumatisch“. 

Für das Gesamtkunstwerk-Spektakel  Sensefactory verwandelt sich das Innere der großen ehemaligen Industriehalle in eine kolossale Architekturlandschaft, die fortwährend ihre Form – und, wie es von den umtriebigen Machern heißt, auch ihr Verhalten – ändert. Immerhin geht es um die vielbeschworene MenschMaschine-Schnittstelle, um KI-Technologie, aber auch das Zusammenwirken von Bildkunst, Sound, Licht und Bühnenbau – als umfassendes „Theater für die Sinne“. So hatte sich das jedenfalls ursprünglich László Moholy-Nagy in den 20er Jahren am Bauhaus ausgedacht. Zum 100-Jahre-Bauhaus-Jubiläum führen Künstler, Designer und Wissenschaftler wie FM Einheit, Erik Adigard, Sofian Audry, Chis Salter, Sissel Tolass, Alex Schweder und Muffatwerk-Co-Geschäftsführer Dietmar Lupfer den multisensorischen Ursprungsgedanken fort und holen ihn in die digitale Jetztzeit. Eingebunden ist das Spektakel, das als eines der zentralen Bauhaus-Erinnerungsevents von der Kulturstiftung der Länder gefördert wird, in ein Theater- und TanzProgramm. Außerdem wird es von einem Symposium flankiert. (Muffathalle, 4. bis 8.9.)

Star-Choreograf Richard Siegal hat für Das Totale Tanz Theater einen Bewegungsablauf konzipiert, der an Oskar Schlemmers einstige Bühnenexperimente und die von Walter Gropius ausgearbeiteten Ideen erinnert. Die Truppe Interactive Media Foundation hat dafür eine virtuelle Welt erschaffen, die sich mit dem MenschMaschine-Miteinander in der Moderne befasst. Wer das alles hautnah miterleben möchte, stülpt sich – bei freiem Eintritt, wohlgemerkt – die VR-Brille auf und taucht in Welten ein, die man sonst nicht so einfach erleben und für sich entdecken kann. (Muffatwerk, 4. bis 8.9.)

Extrem aufrüttelnd übrigens auch die Perspektivverschiebung, die das Bodytalk-Tanztheater seinen Zuschauern und Bestaunern abverlangt: Die deutsch-israelische Tanztheaterproduktion Bombe spricht erzählt vom einem geplanten Selbstmord-Anschlag – und das aus der Sicht des Explosivkörpers. Es geht um die quälende Sekunde, die vom Ziehen des Abzugs bis zur Detonation andauert. In diesem Augenblick, in dem alles möglich erscheint, entscheidet sich die Bombe zum gänzlich Unerwarteten: nämlich dazu, nicht zu explodieren. Vorbildliches Verhalten, möchte man meinen. Und Stoff für hitzige Diskussionen im Theaterfoyer. (Schwere Reiter, 12./14.9.)

Am selben Ort steigt einige Tage zuvor mit Antigone, ein spartenübergreifendes Opern-Projekt, das ebenfalls gewohnte Sehweisen kritisch hinterfragt. Der antike Mythos ist dabei der Anstoß für drei Netzwerkabende, an denen sich insgesamt 17 Künstler an der Ödipus-Tochter, deren Tragödie zu den meist-analysierten und –interpretierten Figuren der Theatergeschichte zählt, modellhaft abarbeiten. Und so treffen die Sparten Animation, Video, Choreografie, Bildhauerei und Musik aufeinander, um gemeinsam die Leerstellen zu füllen, die sich zwischen den berühmten Textpassagen ergeben. Es geht darum, das les- und hörbar zu machen, was sonst im wortlos Unsagbaren bleibt. (Schwere Reiter, 6. bis 8.9.)

Brücken schlagen möchte auch die moderne Anverwandlung der Aida-Oper nach Giuseppe Verdi. Die Aufführung des Kollektivs Opera Incognita verschränkt das Memphis zur Zeit der Pharaonen, die Entstehungszeit der Oper und die europäische Gegenwart in einander und macht sich auf eine archäologische Spurensuche. Allein die Wahl des Schauplatzes – nachts im Museum – ist kongenial gelungen. (Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, 31.8. und 4./6./7./11./13. und 14.9.)

Um Machtwillen und Manipulation geht es natürlich auch in Yasmina Rezas Erfolgsstück Der Gott des Gemetzels, in dem sich zwei Elternpaare zunächst um die einigermaßen zivilisierte Klärung eines Kinder-RaufenSachverhalts (inklusive zweier ausgeschlagener Vorderzähne) bemühen, sich dann aber hemmungslos gegenseitig an die Gurgeln gehen. Das Besondere an der Produktion der Theatergruppe Wirtshausmannschaft: Sie rattert auf Bairisch über die Bühne. Sauber! (Heppel & Ettlich, 6. bis 8.9.)

Vielleicht passt zu Erholung ganz gut der moderne Boulevardklassiker Monsieur Claude und seine Töchter nach dem gleichnamigen französischen Erfolgsfilm dazu. Erzählt wird von dem stockkonservativen, erzkatholischen Gaullisten aus der Provinz, der seine vier erwachsenen Töchter unter die Haube bringen muss. Was ihn aus der verfressenen Seelenruhe bringt: Alle entscheiden sich für die multikulturelle Variante. Leichtfüßig arbeitet sich das Stück am Ernsten, dem leider auch in unserem Nachbarland alltäglichen, dumpfen Manwird-ja-noch-mal-sagen-Rassismus ab. (Komödie im Bayerischen Hof, ab 11.9.

Oder dann doch lieber gleich Komödienstadel? Zum 60-Jahre-Jubiläum des Fernsehbühnenklassikers legen sich beliebte „Dahoam is dahoam“-Darsteller ins Zeug. Thomas Stammberger hat mit Ein Bayer in der Unterwelt dafür ein höllisch unterhaltsames Volksgaudeum gezimmert, das vom Ludwig „Wiggerl“ Gramschatzer (Bernhard Ulrich) erzählt, der sich zu Unrecht verteufelt fühlt. Auch hier passt der Aufführungsort. (Paulaner am Nockherberg, 31.8.)

Gegengift einwerfen kann man dann beim (Alb)-Traumtheater Tagebuch eins Wahnsinnigen nach der Novelle von Nikolaj Gogol. Im Zentrum steht mit Popristschin ein kleiner Beamter im Staatsdienst, der in seinem Beruf tief unglücklich ist und sich auch noch hoffnungslos in die Tochter seines Direktors verliebt hat. Popristschin fühlt sich zu Höherem berufen, seine Existenz bleibt dennoch jämmerlich. Nach und nach steigert er sich in einen Wahn herein, der die extreme Einsamkeit erträglich macht. Und so lebt er plötzlich seinen Traum, kann mit Hunden sprechen und lässt sich zum König krönen. Schön, wenn man so lebhafter Phantasie hat. (Teamtheater, ab 11.9.)

Wie das mit dem Hundeflüstern funktioniert, könnte man dann allerdings auch noch im Freilufttheater Cosmic Dogs der rührigen Truppe Theater des hölzernen Gelächters ausprobieren, das von zwei ganz armen Hunden berichtet. In den Weiten einer verlassenen amerikanischen Landschaft warten zwei ehemalige Fortschrittsoptimisten, ein heruntergekommener Buchhalter und ein ebenso abgehalfterter Zirkusclown, darauf, dass endlich Aliens landen. Einfach nur, um mal ein bisschen Leben ins allgemeine Durcheinander zu bringen. In der ernsten Welt um sie herum tobt nämlich der Kalte Krieg. Und dessen Strategen verstehen keinen Spaß. Aber hoffen wird man doch noch dürfen? (Amphitheater im nördlichen Englischen Garten, ab 3.9.)

Autor: Rupert Sommer

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