Highlights

Die Theater-Highlights im Oktober

Lulu am 11. und 12. Oktober in der Gasteig Black Box

Diese Inszenierungen dürften für Diskussionsstoff und Verunsicherung sorgen

Ein grausames Stück. Und eine schwer zu bändigende junge Frau. Lulu, die Titelheldin aus dem beklemmenden Drama von Frank Wedekind, wird von der sie umgebenden (Männer-)Welt behandelt wie ein wildes Tier. 

Das macht der Tierbändiger im Prolog zum Stück gleich mit eiskalter Brutalität klar. Lulu geht ihren eigenen Weg, setzt ihren gefährlich unberechenbaren Charme ein, manipuliert ihre Umgebung – und versucht trotz allem, ihr Leben zu genießen. Dass auf ihrem Weg ein Mann nach dem anderen stirbt, und sie zuletzt selbst zur Mörderin wird, nimmt sie einfach hin. Aufgezäumt ist das irritierende Geschehen aus dem Jenseitsblick: In einer geschlossenen Parallelwelt, in der es Lulus Opfer mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nehmen, blicken die Männer auf Lulus Leben zurück. Luisa Wöllisch, bekannt aus der Kinoproduktion „Die Goldfische“, brilliert in der Freien-BühneMünchen-Inszenierung in einer äußerst anspruchsvollen Rolle. (Gasteig Black Box, 11./12.10.)

Auf ein sehr fragiles Spiel, das vermeintliche Gewissheiten stets überfallartig erschüttert, muss man sich auch in der deutschen Erstaufführung von Rafael Spregelburds Luzid-Psychostück einstellen. Für das lohnt sich allerdings ein Zugticket in die Nachbarmetropole. Erzählt wird vom 25-Jahre-Geburtstagsfest von Lucas, für das er sich mit seiner Mutter Teté und seiner Schwester Lucrecia in einem exklusiven Restaurant trifft. Es ist eine perfekt arrangierte Harmonie, die ihm und den Zuschauern vorgegaukelt wird – und eine klaustrophobe Falle. Tatsächlich zerfällt rasch die Illusion und Lucas steht vor dem Scherbenhaufen einer Familie, deren Narben von den vielen Lügen und Geheimnissen blutig aufplatzen. (brechtbühne am Staatstheater Augsburg, 19.10.)

Von der brutalen Erosion einer Inszenierung, die nicht mehr lange zu halten war, berichtet auch Nirvanas Last, das seinen Ausgang nimmt auf dem legendären Konzert im März 1994 auf dem ehemaligen Flughafen Riem. Nur Band-Bassist Kris Novoselić ahnte damals schon: Grunge is dead. Nach dem Gig werden alle weiteren Nirvana-Auftritte in Europa abgesagt. Und einen Monat später liegt Kurt Cobain tot in der Garage seines Hauses in Seattle. Es ist ein Requiem an einen rebellischen Antihelden, der eines Tages einfach nicht mehr weitermachen konnte. (Kammerspiele, 24./26./30.10.)

Einen ganzen Zacken überdrehter dürfe die „Träumerei“ Tanz werden, die trotz des harmlos anmutenden Titels Albträume auslösen dürfte. Florentina Holzinger spielt in ihrem neuen Solostück ihr Faible für den Trash, schwindelerregende Akrobatik, aber auch für brutale Körper-Domestizierungen voll aus. Inhaltlich dreht sich alles um den strengen Ausbildungsweg einer Ballerina in den sogenannten „Sylphic Studios“. Dort lernt man nicht nur, wie man Körper und Geist beherrscht, sondern versucht sich auch an übernatürlichen Fähigkeiten wie dem Fliegen. Derbes soll sich in Erhabenes verwandeln. Heraus kommt allerdings oft eine grelle Parodie auf Bilder, wie man sie aus dem Ballett, den Komödien und dem Porno kennt. (Kammerspiele, 19./20.10.)

Deutlich weniger drastisch, im Kern allerdings ebenfalls irritierend wirkt sich die Staatsballett-Premiere von Coppélia aus, für die das 72-köpfige Ensemble erstmalig ein Werk des legendären französischen Choreografen Roland Petit aufgreift. Angelegt an E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“-Erzählung geht es auch darin um die Suche nacheinem vermeintlich perfekten Menschen, die ein bizarrer Professor aus einer Holzpuppe erschaffen möchte. (Nationaltheater, 20./22.10.

Nebenan startet das Resi unter der Leitung des neuen Intendanten Andreas Beck voll durch mit der Ewald-Palmetshofer-Verunsicherung Die Verlorenen. Im Zentrum des Stücks, das für Jugendliche ab 14 Jahren empfohlen wird, steht eine Frau, die sich auf das Wagnis eingelassen hat, an den Ort ihrer Kindheit zurückzukehren. Sie trifft auf alte Männer, die niemand mehr anruft und die sich zunehmend verzweifelt in den Schlaf wiegen. Ein Teenager wendet sich von seiner Mutter ab, und geht Stück für Stück der Welt verloren. Und es herrscht eine Verrohung der Sprache und des politischen Anstands. Ein starkes Stück mit einer starken Sibylle Canoncia. (Residenztheater, 19./20.10.)

Vorsichtshalber im Halbdunkel nach einem Sicherheitsgurt fummeln sollte man auch beim (In)Security-Abend von und mit Stephanie Felber. Sie kreist um den Zentralbegriff Sicherheit, der unsere Stressgesellschaft zusammenhalten soll. Angelegt ist ihre Versuchsreihe interaktiv. Soll heißen: Entscheidungen und Verhalten des Publikums prägen ungebremst das Bühnengeschehen mit. (Schwere Reiter, 11. bis 13.10.)

Wie man die Welt vielleicht doch noch vor den ganz großen Deppen retten kann, erfährt man im charmanten neuen Kinderstück Einar, der auszog, die Welt zu retten der Compagnie Nik, die dafür Schauspiel, Schattenspiel und animierte Figuren zusammenbringt. (HochX, ab 18.10.) Am selben Ort steigt übrigens auch gleich noch das HochX Hoch3-Theaterfest, mit der sich die Bühne für die frei Szene zum Drei-Jahre-Jubiläum selbst feiert. (HochX, 19.10.)

Autor: Rupert Sommer

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