Highlights

Die Theater-Highlights im Mai

Minutemade for Dance am 16. und 17. Mai in der Muffathalle

Geschlechterkampf ist etwas Körperbetontes, eh klar. Diese Frauen zeigen mehr als nur Zähne

Eigentlich ist es eine der ältesten Theater- und Kino-Versprechungen: Boy meets Girl. Alles weitere ergibt sich. Doch was passiert, wenn sie sich gegen die platte Girl-Rolle sträubt? Bei Alice Birch lassen sich junge Frauen nicht benutzen, schon gar nicht besitzen und keinesfalls „domestizieren“. 

Sie will sich nicht fortpflanzen, sie will nicht heiraten. Ihr Sex ist Privatangelegenheit. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber in Zeiten des präsidialen Pussy Grabbings dann eben doch leider nicht. Revolt. She said. Revolt again ist ein turbulenter Theaterabend im Rahmen des noch weiterlaufenden spannenden „Radikal jung“-Schaufensterbummels. Und die österreichisch-bulgarische Regisseurin Christina Tscharyiski muss man sich merken. Sie hat auch den zweiten Teil des Doppelabends nach einem Text der Wienerin Marlene Streeruwitz auf die Bühne gehievt. Mar-a-Lago (klingelt’s?) verhandelt ebenfalls Bilder heutiger Weiblichkeit und Emanzipation, spielt aber auch ein perfides Spiel durch: Fünf Frauen unterschiedlichen Alters werden auf einen weißen Mann losgelassen und setzen sich in einer gnadenlosen, auch gnadenlos komischen Versuchsanordnung mit den Klischees patriarchaler Traditionen auseinander. (Volkstheater, 3.5.)

Ein bisschen klassischer begründet, aber mit Sicherheit nicht weniger schräg durchexerziert ist das Liebeswerben im Stück Cindy + Me, das die Kammerspiele explizit als „Sweaty Performance“ verstanden wissen wollen. Hier wird ein Prinz umworben. Oder ein Prince. Im Märchen hacken sich die Verehrerinnen einen Zeh für ihn ab. In der Dating-Show öffnen sie das Bikini-Oberteil. Der Hai steckt in der Hose. Alles ist hier erlaubt. Niemand wird gebissen. Dafür wird der „Bachelor“ auf „Cinderella“ gehetzt. Achtung: nur wenige Vorstellungen! (Kammerspiele, 9./10./11.5.)

Ebenfalls unbedingt noch mitnehmen sollte man das gleichermaßen berührend wie beklemmend wirkende Ein-Personen-Stück White (Ariane) aus der „Radikal jung“-Reihe. Darin lernt man eine Südafrikanerin kennen, die hochschwanger für ihr noch ungeborenes Kind ein intimes Tagebuch verfasst. Sie schrieb darin an eine Tochter, die sie sich erwünscht hatte. Doch das Kind kommt als Junge auf die Welt – und erfährt erst mit 28 Jahre Verspätung von den Einlassungen seiner Mutter. (Volkstheater, 4./5.5.)

Mit der Frage, wie man miteinander reden sollte und wie man den richtigen Moment nicht verpasst, beschäftigt sich übrigens auch das diesjährige elftätige Dance 2019-Festival, zu dem Nina Hümpel, die künstlerische Leiterin, wieder Choreografen aus dem Inund Ausland – von Jasmine Ellis, William Forsythe, Lia Rodrigues und Richard Siegal – eingeladen hat. Ein Schwerpunkt ist dabei auch die Urbanität im 21. Jahrhundert und damit die Herausforderung, wie wir nicht nur miteinander kommunizieren, sondern wie wir miteinander leben wollen. Dafür zieht das Fest dann für drei Tage ins Kreativquartier.

Los geht’s allerdings erst mal mit spannenden Premieren an den teilnehmenden Veranstaltungsorten, von denen besonders viele gleich bei der Auftaktpremiere Who is Frau Troffea eingebunden werden. In Erinnerung an die spätmittelalterliche Straßburger „Tanzwut“, die von einer einzelnen Tänzerin ausgelöst wurde und zu einem Massenphänomen führte, an dessen Ende Menschen an Erschöpfung starben, soll es nun einen neuen (sicheren) Tanztaumel in unsicheren Zeit geben. Ceren Oran bringt dafür München auf die Beine – zu einem 70- Stunden-Marathon-Tanz. (Diverse Orte, ab 16.5.)

Eine spannende Aufgabe, die jeden kreativen Kopf herausfordern muss, hatte sich einst auch der Ballettdirektor Karl Alfred Schreiner vom Gärtnerplatztheater ausgedacht. In der „Minutemade“-Reihe geht es darum, mit bis zu 20 Tänzern in nur fünf Tagen ein komplettes Stück zu entwickeln. Einzige Vorgabe an die Choreografie: Jede neue Produktion – so auch Minutemade for Dance – soll genau an den Moment anknüpfen, mit dem das Vorgängerprojekt endete. Wohin die Reise letztlich gehen wird? Noch offen! (Muffathalle, 16./17.5.)

Während es die Tänzer somit ständig weiterdrängt, hat es sich der feine Herr Herumtreiber faul bequem gemacht. Eigentlich ist Odysseus, der maßgeblich am Sieg über Troja beteiligt war, ja bekanntlich nur auf der Heimreise. Doch dann gefällt es ihm auf der Insel der liebreizenden Nymphe so gut, dass er sogar seine treue Penelope zuhause vergisst. Hotel Calypso erzählt von einem Mann, der eigentlich längst aufbrechen sollte, der aber plötzlich Sitzfleisch hat. (Akademietheater, 8./9./11.5.)

Die finstere Variante dazu spielt Regisseur André Bücker durch: Es sind sechs erklärtermaßen Unschuldige, die im ungemütlichen Stück Die nötige Folter zu etwas angetrieben werden sollen, von dem sie eigentlich selbst nicht recht wissen, was es ist. Die grausame Tortur dient nicht der Bestrafung, sondern der Befragung. Das Dumme dabei: Die Gefolterten wissen gar nicht, was man von ihnen wissen möchte. Dietmar Dath, Spezialist für eigenwillige Romane wie „Der Schnitt durch die Sonne“, hat sich das einfallen lassen. Starker Tobak, aber ein sehenswertes Bühnenexperiment, für das sich ein abendlicher Ausflug lohnt. (Brechtbühne im Gaswerk, Augsburg, ab 11.5.)

Bisschen gruselig darf es auch im Debüt-Stück der beiden neuen Schwere-Reiter-Intendantinnen Judith Huber und Lea Ralfs zugehen, die eben erst in der „Ortsgespräch“-Reihe vorgestellt wurden. Nun stehen sie in ihrem natürlich von Theoder Storm, aber auch von den Gothic Novels inspirierten Bühnenprojekt Der Schimmelreiter*in auf der Bühne. Der Sturm tost. Hauke Haien kämpft gegen Bigotterie und Ignoranz an. Und in den Deich sollte dann aber doch „was Lebiges hinein“. Wird das eine Geisterbeschwörung oder eine nächtliche Reitstunde? (Pathos, 16.bis 18.5.)

Unbedingt mitnehmen muss man zu guter Letzt die Giacomo-Puccini-Trilogie Divas! Manon, Tosca, Minnie von und mit der durch und durch bezaubernden Münchnerin Lulu Obermayer. Die am Lee Strasberg Institute und im Stella Adler Studio in New York ausgebildete Schauspielerin und Performerin gilt als eine der mitreißendsten jungen Tänzerinnen der freien Szene. Ihre Arbeiten wurden bereits in den Kammerspielen, am HAU in Berlin, aber auch im Highways Performance Space in Los Angeles gezeigt. Aus den Puccini-Opern hat sie kess die zentralen Frauenfiguren herausgeschnitten – um ihnen, furios neu montiert, ein Ziel, selbstbestimmtes Sein und Eigensinn zu gewähren. (HochX, 3./4.5.

Autor: Rupert Sommer

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