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Die ersten Theater-Highlights im Juni

Tagebuch einer Liebe im Hofspielhaus

In diesen Stücken könnte man vielleicht lernen, wie man sich doch noch vor fieser Computer-Intelligenz schützt

Was sich derzeit wissenschaftsgeschichtlich abspielt, wirkt nicht nur auf Kenner der Materie längst wie eine stille, feige, unnötige und fast nicht mehr einholbare Kapitulation der Menschheit vor den ursprünglich ja mal von ihnen geschaffenen Maschinen. 

Künstliche Computer-Intelligenz, die jetzt nur noch Strom (und ab und an ein bisschen Anschauungsmaterial) braucht, kennt ihre Nutzer längst besser als die sich selbst. Die Erfindung des Buchdrucks war tatsächlich der zuletzt leider wieder so unpassend beschworene Vogelschiss im Vergleich zum Siegeszug der Algorithmen. Gut, dass man den Ernst der Lage an den Kammerspielen im Blick hat. Dort steigt mit „Politik der Algorithmen – Kunst, Leben, künstliche Intelligenz“ derzeit ein kleines Mini-Festival.

Was auf dem Spiel steht, erfährt man etwa im sinnfällig betitelten Algorithmen-Stück, das die Gruppe Turbo Pascal als „biografische Formelsammlung“ verstanden wissen will. Dabei geht es um den Wahn, alle Lebensbereiche permanent zu bewerten und zu überwachen. Und deswegen kommen die peinlichen Fragen auf den Tisch: Wer im Saal verdient am besten? Wer ist intelligenter als sein Sitznachbar? Wer hebt, wer senkt den Altersdurchschnitt und die Lebenserwartung aller Anwesenden? (Kammerspiele, 13. und 14.6.)

An die Eingeweide – so auch gleich der deftige Titel der Tanzperformance – gehen Marco Donnarumma und Margherita Pevere, die auf der Bühne ein beklemmendes Vereinigungsritual durchspielen. Es geht darum, zwei Menschen mit einer künstlich intelligenten Prothese zu verschmelzen. Einmal angeflanscht, liegen die menschlichen Organe plötzlich außerhalb des Körpers. Und über Wohl und Wehe wacht eine Server-Farm. Ein schmieriges Unterfangen, weil die Maschine leckt. Alle Muskelbewegen der KI-kolonalisierten Tänzer werden nun in Klänge überführt. Und die schnappen sich Algorithmen, um sie sinnfällig durch Verstärkeranlagen zu jagen. (Kammerspiele, 11.6.)

Ein verstörendes Bild dafür, dass sich ehemals mündige Bürger immer öfter selbst zu Versuchskaninchen für IT-Konzerne selbstversklaven, haben schließlich die österreichische Choreographin Doris Uhlich und das Berliner Kollektiv Proper Space gefunden. Zentraler Hingucker ihrer Tank-Produktion ist ein gigantischer Glasbehälter mit einem menschlichen Körper, der darin zu begaffen ist wie in einem Reagenzglas – und trotzdem bedrohlich wirkt wie das Monster aus „Alien: Resurrection“. (Kammerspiele, 12./13.6.)

Weiter geht's mit der neuen Hausproduktion Tagebuch einer Liebe im Hofspielhaus. Regisseurin und Intendantin Christiane Brammer hat sich das Werk von Leos Janácek vorgenommen, der darin auf die sogenannten Brautbriefe, das heißt den liebevollen Schriftwechsel des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer und seiner 18 Jahre jüngeren Verlobten Maria von Wedemeyer zurückgreift. Der Theologe aus der „Bekennenden Kirche“ schrieb aus der Haft – und im Angesicht der bevorstehenden Hinrichtung durch die Nazis – bewegende Zeilen, die an der Zensur vorbei räumliche Trennung und den großen Altersunterschied der beiden überspielten. Zu bestaunen sind der bayerische Tenor Markus Herzog und die im Allgäu geborene, in einer höchst musikalischen Familie aufgewachsene Schauspielerin Fatima Dramé. (Hofspielhaus, 6., 7. und 13.6.)

Atlantis im Gärtnerplatztheater

Was beschäftigt Deutschland heute? Was wird gesagt, wenn sich die Befragten unüberwacht fühlen? Der britische Künstler Ant Hampton und die argentinische Schauspielerin Rita Pauls wollten das herausfinden. Deswegen reisten sie gemeinsam per Anhalter kreuz und quer durch die aufgeregte Republik. Mit dem wenigen Deutsch, das sie bislang gelernt hatten, interviewten sie alle Fahrer, die sie mitnahmen. Heraus kommt im Mund-Stück all das, was endlich mal gesagt werden sollte. (Pathos, 7. und 8.6.)

Ein wenig ins Surreale verrückt ist dagegen das Setting der neuen Ballett-Produktion im Gärtnerplatztheater. Auf einer Arktisexpedition ist eine Gruppe Wissenschaftler vom Weg abgekommen und im Nichts gelandet: Dort treffen sie auf eine ihnen völlig unbekannte Kultur von Lebewesen, die von ihre sozialen und organisatorischen Umgangsformen so gar nichts mit der kalten Welt der Forscher zu tun hat. Vielleicht sind die Atlantis-Bewohner wirklich die besseren Menschen: Immerhin sind sie liebenswert friedfertig, wenn auch hochgradig undurchsichtig. (Gärtnerplatztheater, ab 7.6.)

Ziemlich gefährliche Rollenspiele, Hassliebe und die Freude an prickelnden Machtexperimente ketten die Schwestern Claire und Solange aneinander. Und dann gibt es ja auch noch einen gemeinsamen Plan – den Mord an der „Gnädigen Frau“. Jean Genets Die Zofen ist immer wieder ein Knaller für ein Publikum aus eiskalten Engeln. (Heppel & Ettlich, 7., 8., 28. und 29.6.)

Noch einmal zurück kehrt die gefeierte Toller-Produktion von und nach Tankred Dorst. Darin mischen sich die Zeitebenen – zum einen der Rückschwenk auf die Revolutionszeiten und das Wirken von Ernst Toller im Jahre 1918. Und dann zum anderen der Zeitsprung in die Entstehungsphase des Stücks im bewegten 68er-Jahr. Sehenswert! (Giesinger Bahnhof, 13./14./16.6.)

Mit der bangen Frage, was Funktionieren in einer auf Perfektion getrimmten Gesellschaft bedeutet, beschäftigt sich der Aufgedreht-Abend, den kein Geringerer als der Ober-Clown David Shiner einstudiert hat. Es geht um das Zusammentreffen einer Familie, die wie üblich natürlich Leichen im Keller hat. Wie ausbrechen aus dem Rattenrennen? Das Stück sagt: Ein Clown darf alles. Sogar scheitern. (Akademietheater 4./5.6.)

In eine Art Zirkuswelt, die sich vorübergehend im eleganten Foyer eines altehrwürdigen Fünf-Sterne-Hauses niedergelassen hat, reißt schließlich das erste von zwei Cirque Éloize-Gastspielen ihre Fans mit. Die weltberühmte Truppe aus Montreal erzählt im Hotel-Stück irrwitzige, artistisch ausgestaltete Geschichten von den sprichwörtlichen Menschen im Hotel und dem zugewandten Personal. Bühne frei für den ganz großen Trubel! (Deutsches Theater, ab 4.6.)

Autor: Rupert Sommer

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