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Die ersten Theater-Highlights im Januar

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Corpus Delicti in der Schauburg

Kräftig durchschütteln lassen: Das neue Bühnenjahr nimmt bedrohlich rasant wieder Fahrt auf

Nach der klanglichen Reise quer durch die Stadt und in den Olympiapark setzt das „Resi“-Team unter Intendant Andreas Beck seine Verneigung vor der neuen Heimat fort. Und mit Der starke Stamm kommt ein Stück der Volksdramatikerin Marieluise Fleißer auf den Spielplan.

Ausgangspunkt ist ein bizarrer Leichenschmaus im Hause des verwitweten Sattlermeisters mit dem sprechenden Namen Bitterwolf. Die ganze schäbige Sippe, der titelgebende Stamm eben, beginnt sich pietätslos um die wenigen kümmerlichen Habseligkeiten der Verflossenen in die Haare zu kriegen. Es geht um den verzweifelten Kampf um Aufstiegshoffnung und so etwas Prekäres wie Lebensglück. Fleißer hat sich in dem starken Stück viel eigenen Frust vom Leib geschrieben. Bewundert von Zeitgenossen wie Bert Brecht war ihr der Durchbruch in der sozialen Kälte der Nachkriegszeit doch verwehrt worden. Notgedrungen musste sie in ihre provinzielle niederbayerische Heimat zurückkehren – und dort hinter die Theke eines Tabakwarengeschäfts. (Residenztheater, ab 23.1.)

Als ein beklemmend brutales Gegenstück könnte man die Recherchesammlung 10 Vaterunser von Regisseurin Christiane Huber ansehen, die in Zusammenarbeit mit dem NS-Dokumentationszentrum München entstand. In ihrer Heimat Altötting hatte Huber dazu viele Bauern-Gespräche geführt. Sie wollte das Schicksal der vielen verschleppten und versklavten Zwangsarbeitern beleuchten, die während der Nazi-Zeit auch auf bayerischen Höfen zum Einsatz kamen. „Denen ist es doch gut gegangen“, bekam Huber immer wieder zu hören. Dabei gab es viele grausame Morde – vor allem an Zwangsarbeiterinnen und ihren neugeborenen Kindern. „10 Vaterunser“ soll das Grauen aufarbeiten, aber auch den Grundton der Verlogenheit in der Gegenwart einfangen. (Kammerspiele, 11./12.1.)

Wie sich also verhalten im Angesicht absoluter Verrohung? Schon Fjodor M. Dostojewski beschäftigte sich intensiv mit Schuld- und Sühnefragen sowie mit der Möglichkeit, utopisches Denken überhaut jemals zum Durchbruch zu verhelfen. In seiner fantastischen Erzählung Traum eines lächerlichen Menschen beobachtet man einen namenlosen Endzwanziger, der der Welt um sich herum absolute Gleichgültigkeit entgegenbringt und sich umbringen will. Doch vorher schläft er ein – und findet sich in einer paradiesischen Parallelwelt wieder. Alles paletti? Eher nicht! (Marstall Café, 15.1.)

Doch auch im vermeintlich rundum sozial abgefederten Wohlstandsglück der Gegenwart ist das Streben nach Sinnhaftem weiter ein verzweifeltes Unterfangen. Immerhin ist die Welt immer noch bloß eine öde Kugel irgendwo zwischen der Größe eines durchschnittlichen Hirns und der Sonne. Das behauptet zumindest die neue Klanginstallation Sonnige Grüße (aus da wo ich nie gewesen sein werde). Das vielbeschworene „Unbekannte“, wo es plötzlich alle hinzieht, ist ein von Touristenfüßen in Turnschuhen plattgetrampeltes Etwas. Doch zum Glück gibt es gerissene Reiseführer – und Kopfhörer. Die bekommen nämlich alle jeweils 20 Zuschauer der Aufführungen übergestülpt. Vorgespielt werden ihnen Textfragmente und elektronische Kompositionen, die einen Trip durch imaginäre Welten ermöglichen. Vielleicht findet man so doch noch zu so etwas wie Ruhe. (Akademietheater, ab 21.1.)

Mit einem Popsong, der vieles vorwegnimmt, aber auch in die Irre führen kann, beginnt auch die deutsche Erstaufführung des Stücks Bovary, ein Fall von Schwärmerei der Kroatin Ivana Sajko. Der Inhalt dürfte dabei bekannt sein. Natürlich geht es um eine Sie, die einen Anderen liebt. Der Ort könnte Paris sein im Jahr 1857, vielleicht aber auch eine deutsche Großstadt im Jahr 2026. Oder doch wieder nur die Provinz. Wer spricht hier zu wem? Und warum? All das sind Rätsel, die es in der selbstmörderischen Biografie der Bovary zu klären gilt. Und es geht eben um den Pop. Der in die Welt des Imaginären einlädt, der träumt, singt, verprasst und anbetet. Eine Reise nach Augsburg lohnt sich dafür allemal. (Brechtbühne im Gaswerk, Augsburg, ab 11.1.)

Wie kann Kommunikation überhaupt funktionieren? Wie gelingt der Spagat raus aus der selbstverliebten Isolation hinüber zum Fremden? Die Performance Everything Blue spielt das durch. Es geht um die beiden getrennten, dann sich immer stärker überlappenden Welten der Münchner Choreografin Jasmine Ellis mit ihren kanadischen Wurzen und ihres in Wien lebenden Kollegen Evandro Pedroni aus Brasilien. (HochX, 15./17./18.1.)

Verstörend geht es am selben Ort wenige Tage später weiter. Schauplatz ist hier ein Westerndorf, das der Klimawandel in eine Einöde ohne Pflanzen und ohne Tiere verwandelt hat. Lebensmittel sind rar, das Flussbett ist ausgetrocknet. Und plötzlich scheint zu allem Unglück auch noch ein Virus umzugehen. Er verursacht Ängste und Wahnvorstellungen. Werden jetzt alle zu Zombies? Oder ist das Dahinsiechen in der High Noon-Mittagshitze nur ein Übergangszustand, eine kathartische Reinigung? Doch wohin und wozu? (HochX, 23./24./25.1.)

Apokalyptisch, allerdings in einer klargespülten, keimfreien Variante, ist auch die Welt im Corpus Delicti-Drama von Juli Zeh. Im Jahr 2057 soll in Deutschland der vielbeschworene gesunde Menschenverstand gesiegt haben. Niemand wird mehr krank, weil Genforschung und Früherkennung perfektioniert wurden und strenge Hygienegesetze gelten. Noch bis vor kurzen hatte die Biologin Mia das System befürwortet. Doch dann wirft sie der Selbstmord ihres Bruders aus der Bahn. Sie greift zur Zigarettenschachtel und zieht in den Kampf gegen einen kalten Staat. (Schauburg, ab 10.1.)

Momo hört wenigstens zu. Und sie schenkt ihren Mitmenschen Zeit. Doch dann tauchen die gefürchteten grauen Männer auf – und drehen an den Lebensuhren. Michael Endes Familientheaterstück kehrt endlich mal wieder zurück. (Hofspielhaus, ab 23.1.)

Und dann wäre noch der fromme Wunsch nach der Wiedervereinigung der beiden Koreas. Dahinter verbergen sich 20 von Jochen Schölch meisterlich inszenierte Szenen, in denen geschenkte Herzen zurückverlangt, Prostituierte enttäuscht und Hochzeiten abgeblasen werden. Menschen beteuern sich gegenseitig ihre Liebe, verlieren dann wieder den Boden, trennen und trösten sich. Ein wilder, sehenswerter Ritt. (Metropoltheater, ab 16.1.)

Autor: Rupert Sommer

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