Highlights

Die Theater-Highlights im Februar

Kanon-Produktion in den Kammerspielen

Mit diesen Produktionen im Februar rückt man das innere schiefe Weltbild wieder zurecht

Er ist nicht nur eine der großen tragischen Figuren der Weltliteratur, sondern immer auch Projektionsfläche: Othello, dem stolzen Seeadmiral von Venedig, entgleitet sein Social-Fame. Eben war er noch der strahlende Held, schon wird er selbst zum Opfer. Und zum Mörder. Wie leicht ist es, über ihn zu tuscheln, ihn anzufeinden und schrittweise seinen Ruf zu zerstören. Regisseurin und Choreografin Katja Wachter hat für ihre Produktion Othello Remix die Schauspielschüler der August Everding-Theaterakademie dazu gebracht, sich mit Alltagsrassismus, mit dogmatischer Hetze und mit Feindbildern auseinanderzusetzen. Sehr heutig das Ganze, und natürlich auch sehr shakespearisch. Es geht um die allgemeine Erstarrung, um verhärtete Fronten und die Komplettverweigerung von Kompromissen. Dafür hat der Abend nicht nur eine eigene Bild- und Text-, sondern vor allem eine Bewegungssprache gefunden. Und die klassische Handlung des Stücks prallt auf eingestreute zeitgenössische Texte. (Prinzregententheater, ab 15.2.)

Von Anpassungszwängen, vom Gruppendruck und von der latenten Gefahr, dass sich zwischenmenschlich eigentlich Banales gefährlich hochschaukelt, erzählt dann auch Ceren Orans Tanzstück Schön anders. Dafür fanden die Proben nicht nur in München, sondern auch in einem israelischen Kibbutz statt, in dem alle Mitwirkenden längere Zeit lebten und sich ins fremde Miteinander dort einfügten. (HochX, 6. bis 8.2.)

Eine sehr radikale Form von Gemeinschaftssinn macht seit jeher die Spezialität der Truppe She She Pop aus, die alle Werke gleichberechtigt im Kollektiv erarbeitet – und alle Kosten und Einnahmen teilt. Die Vorzeige-Performer kehren mit ihrer Kanon-Produktion nach München zurück. Und das Wiedersehen ist auch Thema des Abends. Immerhin geht es darum, in Form von Ritualen oder Revuen frühere Bühnenmomente noch einmal wiederzubeleben. Die Klammer dabei ist jeweils das Spannungsfeld von kollektiver Geschichtsschreibung und dem berechtigten Zweifel an der eigenen Erinnerungsleistung. Es bleibt die Unschärfe. (Kammerspiele, 7. bis 9.2.)

Mit Stereotypen und normativen Setzungen in einer Gesellschaft, die meistens alles besser wissen möchte, beschäftigt sich das Projekt Scores That Shaped Our Friendship, das Verschiedenartigkeit und Abweichung feiert. Lucy Wilke und Pawel Dudus erforschen darin die Bandbreite ihrer Freundschaft – ihre poetischen Tendenzen, den Drang nach Sinnlichkeit und die Herausforderungen, die sich aus einem Miteinander ergeben, das nicht lange Spiel bleiben darf. (Schwere Reiter, 13./15./16.2.)

Vom Einbruch des bitteren Ernst in eine ohnehin hochkomplizierte Gegenwart, berichtet Peter Kastenmüller in der Mehrfachbelichtung Kassandra/ Prometheus. Recht auf Welt. Darin arbeitet er mit klassischen Mythen, etwa jenem vom aufmüpfigen Menschen, der den Göttern das Feuer stahl. Oder von der Seherin, die das Unheil früh erkannte – und trotzdem nicht verhindern kann. Überblendet wird das mit einem sehr zeitgenössischen dokumentarischen Theater, das von aktuellem Flüchtlingselend und sehr realen tragischen Mittelmeer-Irrfahrten erzählt. (Marstall, ab 18.2.)

Nah am antiken Stoff von der Belagerung und dem Fall der Metropole bleibt dagegen die Jean-Paul-Sartre-Fassung von Die Troerinnen des Euripides. Kassandra verfällt dem Wahnsinn. Die Frauen, die in der blutigen Zehn-JahresSchlacht ihre Männer und ihre Heimatstadt verloren haben, befürchten nun das Schlimmste: Zwangsehen, Vergewaltigungen, Sklaverei oder Tod. Und plötzlich sind auch die Götter keine Hilfe mehr. (Pepper, 13./14./15.2.)

Überhaupt auf niemanden mehr verlassen können sich Rüdiger Hacker und Gerd Lohmeyer, die zwei Verlorene spielen. Sie hängen im Limbo fest. Und auf göttliche Intervention können sie schon gar nicht hoffen. Eher darauf, dass endlich mal der Inspizient klärend eingreift. Nun sind sie für „Godot“ besetzt. Aber das Stück hat noch nicht begonnen. Ausharren also: Zwei alte Mimen warten in der Kantine auf …? Ja, auf wen denn eigentlich? (Metropoltheater, ab 20.2.)

Ähnlich die Nabelschau, die Heiko Dietz und Uwe Kosubeck in der Stückim-Stück-Produktion Heute kein Indien betreiben. Eigentlich hätte man auf der Bühne gern den berühmten Hader-Dorfer-Text gespielt. Doch der Theaterverlag gab dafür keine Freigabe. Notgedrungen kreist man also darum, ein Stück, das man gerne aufführen würde, ganz anders improvisieren zu müssen. (Theater Und so fort, ab 12.2.)

Auch bei Sind wir noch zu retten? – Keine Fragen, nur Antworten! landet man mitten im Proben- und Vorbereitungsprozess. Sieben Personen sind hier zu beobachten, die gemeinsam ein Stück entwickeln wollen. Was brennt unter den Nägeln? Was muss unbedingt raus? Wer singt? Wer tanzt? Wer spricht? Bis zur letzten Minute wird hart gefeilt und gedengelt. (dasvinzenz, ab 19.2.)

Vom Schmerz, vom Verlust und von der Sehnsucht ist die Theaterperformance Weite Ferne von Annick Bosson und Klarissa Flückinger geprägt. Die Schweizer Künstlerinnen wollen herausfinden, was denn nun das so quälende Gefühl ausmacht, etwas zu vermissen. Und wie brutal sich Liebeskummer anfühlen kann. Dabei hangeln sie sich am roten Faden einer alten Familiengeschichte entlang. (Schwere Reiter, 7./8.2.)

Ganz nah ran, holt die finnischschwedische Gruppe Livsmedlet das menschliche Elend. Invisible Lands setzt die Geschichte einer Flucht in Szene, wie sie sich jeden Tag in den leider so vielen Krisenregionen der Gegenwart ereignen könnte. Der Clou dabei: Die beiden Akteure verwandeln dabei ihre eigenen Körper in Landschaften, auf denen sich Minifiguren bewegen. Das Geschehen wird gefilmt und live auf die Bühne projiziert. Worte braucht es dabei keine. (Münchner Stadtmuseum, 9.2.)

Eine Verwandlung steht dabei auch im Zentrum der subversiven Komödie Die Mitwisser. Autor Philipp Löhle nimmt dabei den Allmachtsanspruch der digitalen Welt wörtlich – und übersetzt sie zurück ins Analoge. Kwant ist der personifizierte Helfer. Er weiß einfach alles und steht seinen Dienstherren rund um die Uhr mit Rat und Tat zur Seite. Was ihn allerdings unheimlich macht: Er hört auch alles mit, was gesprochen wird. Wem wird er all das heimlich weiterleiten? (Pasinger Fabrik, 13. bis 15.2.)

Knifflige Fragen. Und genau um die geht es dann auch noch im hochmusikalischen, intellektuell anspruchsvollen Theaterprojekt Philosophy Meets Jazz: Talkshow mit Hermann Hesse. Der Schriftsteller mit dem Esoterikhau wird dabei nicht nur zum Leben erweckt. Er darf auch über Selbstfindung, Liebe, Religion und die steinigen Wege zu einem gelungenen Leben schwadronieren. Tusch! Dazu gibt’s Musik. (ars musica im Stemmerhof, 13.2.)

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