Bühnenschau

Starke Frauen in der Pasinger Fabrik und in der Glyptothek

Das ist die Berliner Luft: Frau Luna in der Pasinger Fabrik
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Das ist die Berliner Luft: Frau Luna in der Pasinger Fabrik

„Frau Luna“ in der Pasinger Fabrik und „Ungehaltene Reden“ in der Glyptothek

Eineinviertel Jahre mussten die Herzblut-Akteure von Münchens kleinstem Opernhaus warten, bis ihre neue Produktion endlich ins Licht der realen Theaterwelt durfte. Aber das Warten hat sich dicke gelohnt: „Frau Luna“ ist ein herrlicher, theaterlustvoller Ausflug in die Operettenwelt, der nicht nur bei Älteren ankommt. Der Jubel: einhellig.

„Der Berlinerischste aller Berliner Komponisten“, Paul Lincke (1866 - 1946), und seine „Frau Luna“ – uraufgeführt 1899, hier ist es die Fassung von 1921/22 – mögen heute etwas vergessen sein. Aber einen Gassenhauer daraus kennt jeder, er hat schon sprichwörtlichen Rang: „Das ist die Berliner Luft!“ In diese Luft will auch der junge Fritz, und zwar ganz weit nach oben: zum Mond. Zum Mann im Mond. Der entpuppt sich aber als Frau – und schon sind wir mitten drin in den Irrungen und Wirrungen rund um den Bewohner einer Mansarde: schöne Idee, ein begehbarer Schrank mit Bettgestell obendrauf (Bühnenbild: Peter Engel).

Auf der Revue-Mondbühne mit Glitzervorhang steppt dann richtig der Bär. Fröhlich berlinern die Dialoge, auch mal aktuell aufgepeppt („Ich habe einen Impfpass!“), die Kostüme: 1920er Jahre, mit Witz interpretiert. Und dann die Musik! „Incredible Milk Street Orchestra“ nennt sich die – incredible! – Vier-Mann-Truppe: Wilbert Pepper (Bass), Alexander Herrmann (Schlagzeug), Christophe Gördes (Klarinette) und Andreas P. Heinzmann (Piano, musikalische Leitung). Das säuselt, swingt und fetzt – echt knorke! Beste Zutaten für Franziska Reng (Regie), um den Abend mit seinen Liebeleien und Eifersüchteleien zum Herz erfrischenden Ereignis zu machen. Mit diesem stimmgewaltigen Ensemble: kein Problem. Karolína Plicková weiß als Frau Luna um ihre erotische Präsenz – kein Wunder, dass Prinz Sternschnuppe sie anschmachtet, das Knallbonbon mit den Glitter-Plateau-Schuhen: Luca Festner. Nikos Striezel ist der erzsympathische Fritz, seine Begleiter: eine Handpuppe namens Lamentier, die schamlos Frechheiten reimt, und ein augenrollender Herr in Knickerbockern (Bernd Gebhardt). Und weil das Ende happy ist, kriegt Fritz in dieser Mond-Traum-Fantasie am Ende natürlich auch seine Marie (Nicole Tschaikin).

„Das ist die Frage in diesen Zeiten: Was können, was dürfen wir machen?“, meint Gunnar Petersen im Gespräch. Was für die großen Theater mit Blick auf die Inzidenzen schon nicht einfach ist, ist für den Chef einer freien Truppe noch schwieriger. Und so gehen die Theaterspiele Glyptothek – nun, wo sie nach fast abgeschlossener Renovierung wieder im Innenhof des Klenze-Baus sind – für ihren Sommerspielplan bis Mitte September auf Nummer Sicher, mit zwei Wiederaufnahmen: „Philoktet“, der vor zwei Jahren in der Antikensammlung Premiere hatte, und „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“.

Christine Brückner (1921 - 1996), bekannt geworden u.a. durch TV-Versionen ihrer Romane in den 1970er Jahren („Jauche und Levkojen“), gibt in diesen Reden elf Frauen eine Stimme: gegen Macht, gegen Männer, für die eigenständige Sicht. Längst sind die Texte moderne Klassiker, viele Theater haben sie gemacht: sie sind prächtiges Fleisch für Schauspielkünstlerinnen.

Wie Beles Adam. Seit 1985 hat sie die Brückner-Monologe immer wieder gemacht (in der Regie von G. Petersen, ihrem Mann), im Fuchsbau, im PEP in Neuperlach und auch schon in der Glyptothek – wo auch immer eben die Gründer des früheren Studiotheaters hinzogen. Und immer noch sind es diese drei antiken Frauen, die sie verkörpert: Klytaimnestra am Grab ihres Gatten Agamemnon, die Dichterin Sappho, die Abschied vom Leben nimmt, und Megara, die Hetäre, die Lysistrate Kontra gibt.

In Juliane Kasprziks bewährt kunstvollen Kostümen, mit dem modernen Touch im Antiken, spielt Beles Adam bewegend, mit unverbrauchter Frische, mit großem Ernst und kindlicher Freude die ganze Routine ihres langen Theaterlebens aus: die tief verletzte Klytaimnestra, die ihren toten Gatten anbelfert – und nebenbei mit der ganzen Familie abrechnet; Sappho hingegen, ganz zurückgenommen, statisch, gestenlos, pur auf die Kraft des sprachlichen Ausdrucks vertrauend. Und dann die Hetäre: heftig angeschickert, Prosecco schlürfend, rülpsend, agitiert sie umherwandernd dafür, dass nicht Liebesentzug (wie Lysistrata fordert), sondern Liebeslust die Männer zum Beenden des Krieges zwingt. Immer noch großartig. Langer Beifall.

Autor: Peter Eidenberger

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