Ortsgespräch

Hoch X-Macherinnen: „Telefonieren täglich mit Angela Merkel“

Ute Gröbel und Antonia Beermann
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Freuen sich auf das große Fünf-Jahre-Geburtstagsfest – mit viel nackter Haut: Ute Gröbel und Antonia Beermann.

Absurdes Theater: Antonia Beermann und Ute Gröbel, künstlerische Leiterinnen im Hoch X, erzählen, wie in Corona-Zeiten ein geschlossenes Haus mehr Arbeit macht als ein offenes. Und wie ekstatisch sie endlich wieder durchstarten wollen.

Liebe Frau Beermann, liebe Frau Gröbel, wie merkwürdig fühlt sich das immer noch für Sie an, wenn man eigentlich Kultur ermöglichen und das Theater so rasch es geht wieder aufsperren möchte, stattdessen aber knifflige Förderanträge und Hygienepläne minutiös durchackern muss?
Antonia Beermann: Infektionsschutzverordnungen wirken auf uns zwar manchmal wie die verschollenen Werke von Kafka, aber zugleich sind sie für uns Dokumente der Hoffnung: die Hoffnung, dass wir irgendwann wieder live spielen werden. Bis dahin arbeiten wir sehr intensiv daran, das HochX fit zu machen für die Zukunft. Dank einiger Neustart-Förderungen können wir vieles umsetzen: LED-Technik für die Beleuchtung, einen neuen Probenraum speziell für Tanz, eine bessere Lüftungsanlage für den Theatersaal.

Ute Gröbel: Und parallel gibt’s noch unser Online-Programm mit einer ganzen Reihe spannender Formate: vom Podcast mit literarischen Stadtspaziergängen über den Tanzfilm bis hin zur interaktiven Zoom-Performance.

Wie sehr drückt denn die aktuelle Lage auf die Stimmung, wie hoffnungsfroh stimmte die – wenn auch noch weiterhin sehr diffuse – Aussicht auf eine Rückkehr zum Theaterbetrieb?
Ute Gröbel: Es mag paradox klingen, aber ein geschlossenes Theater macht mehr Arbeit als ein offenes. Nach einem Jahr Pandemie verspüren wir vor allem eine große Erschöpfung: Dutzende Produktionen mussten abgesagt, neu geplant, wieder abgesagt und wieder neugeplant werden – das zehrt. Außerdem erleben wir hautnah, wie existenzbedrohend die Situation für viele ist. Im Jahr arbeiten bei uns durchschnittlich 450 sogenannte Soloselbstständige. Dazu zählen neben den freien Künstler*innen auch Techniker*innen, Produktionsleiter*innen, PR-Leute etc. Wir stehen sehr unter Druck, Ersatzlösungen zu finden, damit sie wenigstens ein bisschen Geld verdienen können.

Antonia Beermann: Und natürlich vermissen wir das Live-Erlebnis und die gemeinsame Feier des Augenblicks zusammen mit unserem Publikum. Wir sehnen den Tag herbei, an dem wir wieder aufmachen dürfen – wann auch immer das sein wird. Ob Open Air oder im Saal, mit viel Publikum oder wenig: Wir sind bereit.

Fans vermissen die Theater wie verrückt. Gleichzeitig kann man sich im Moment gar nicht so recht vorstellen, was die Künstler und Macher aktuell überhaupt so treiben hinter den zugesperrten Türen. Erzählen Sie doch mal vom Leben hinter der Dornröschenhecke!
Antonia Beermann: Die Künstler*innen und wir stecken viel Zeit und Energie in Planung und Umplanung, wir suchen gemeinsam nach alternativen Formen der Realisierung, vor allem im Digitalen. Das war eine steile Lernkurve, auch für uns. Während auf unserer Bühne also gerade fleißig gestreamt wird, bauen wir Lager- und Proberäume aus; wir haben unsere Unterbühne in Schuss gebracht und hinter einer alten Wand 130 Jahre alte Bowlingkugeln gefunden; wir arbeiten für den Sommer an einem Programm mit Tanz im öffentlichen Raum; wir entwickeln mit Münchner Autor*innen unseren Podcast „Kopfkino“ weiter und vieles mehr.

Ute Gröbel: Vor allem bereiten wir uns auf unseren 5. Geburtstag vor, der im Herbst groß gefeiert werden soll.

So richtig Feierstimmung zu beschwören, fällt ja vermutlich noch nicht leicht. Wie sehen denn aktuell die Planungen zum Fünf-Jahre-Jubiläum aus?
Ute Gröbel: Wir telefonieren täglich mit Angela Merkel, damit pünktlich zum Herbst alle geimpft sind. Spaß beiseite: Wir freuen uns auf das Jubiläum und wollen feiern, wie auch immer.

Wie zu hören ist, stehen einige Geburtstagsproduktionen an. In welchem Stadium befinden die sich aktuell, in wie weit kann an Ihnen gearbeitet werden, worauf darf man sich freuen?
Antonia Beermann: Den Auftakt macht im Juli die Münchner Choreographin Sandra Chatterjee mit „The smells of racism“, einem Stück über Gerüche – in Coronazeiten sicherlich eine Herausforderung. Aktuell probt sie hierfür an unseren Partnerhäusern in Berlin und Wien. Im September folgt dann „Hibernation“ von O-Team – praktischerweise sind hier 9 der 11 Performer*innen auf der Bühne keine Menschen.

Ute Gröbel: Und zum Abschluss zeigen wir mit „The Drying Prayer“ von Taigue Ahmed eine große internationale Tanz-Koproduktion. Die Proben hierfür beginnen im Sommer im Tschad. Drücken wir die Daumen, dass das Team im Herbst einreisen und das Spielart-Festival bei uns eröffnen darf.

Es ist ja kein Geheimnis, dass die freie Szene besonders hart von den De-Facto-Arbeitsverboten für Künstler betroffen ist. Wie oft laufen bei Ihnen die Telefone heiß mit Kollegen, die Rat brauchen und fast nicht mehr weiter wissen?
Antonia Beermann: Schon der erste Lockdown hat die meisten hart getroffen. Wir haben daher zusammen mit dem Netzwerk freie Szene München und der Bayerischen Staatsoper eine Spendenaktion aufgelegt, mit der 200.000 € gesammelt und recht unbürokratisch an notleidende Künstler*innen verteilt wurden.

Ute Gröbel: Zur finanziellen kommt die künstlerische Not: Das Auftrittsverbot hat fast alle Künstler*innen in die Sinnkrise gestürzt. Und doch haben viele Ideen entwickelt, wie sie den Kontakt zum Publikum nicht verlieren – das finden wir super.

Keine dankbare Aufgabe: Aber was ist Ihr Geheimrezept, um ziemlich geknickte Künstler wenigstens ein bisschen wieder aufzurichten?
Antonia Beermann: Zusammen Pläne zu schmieden und Wege der Umsetzung jenseits der Bühne zu finden, die dennoch der künstlerischen Idee treu bleiben. Manchmal hilft es auch, einfach nur gemeinsam am Telefon zu sagen, wie scheiße alles ist.

Das Arbeiten und Sich-Behaupten in der Freien Szene war ja auch „vorher“ schon kein Zuckerschlecken. In wie weit wirkt Corona nun noch mal als Brandbeschleuniger?
Ute Gröbel: Die Corona-Krise bringt das zum Vorschein, was vorher schon im Argen war: die prekäre Lebenssituation vieler Kunstschaffender, die fehlende soziale Absicherung, die schwindenden Räume für Kunst in dieser Stadt. Falls man als Künstler*in mal Förderung erhält, ist diese nur projektbezogen – eine Kontinuität im künstlerischen Arbeiten ist somit nicht möglich. Kürzungen im städtischen Haushalt, wie sie in München geplant sind, würden das zerstören, was nach Corona von der Szene noch übrig ist; dabei wäre jetzt die Chance, über einen grundlegenden Kurswechsel nachzudenken.

Sie haben sich ja immer wieder mit ehrgeizigen Plänen zu Wort gemeldet, darunter auch Ausbau-Stufen für die Arbeit in und um das HochX. Wie schwer ist es, trotz allem den Blick nach vorn zu richten?
Antonia Beermann: 5 Jahre HochX ist ein guter Zeitpunkt, um innezuhalten und zurückzublicken auf das, was man erreicht hat: Wir haben einen lebendigen Ort für die freie Szene dieser Stadt und darüber hinaus geschaffen. Ein Ort, den mittlerweile viele Theaterschaffende der Stadt als ihr künstlerisches Zuhause bezeichnen, was uns sehr freut. Wir zeigen tolle Produktionen mit einer riesigen künstlerischen Bandbreite; wir haben viel für die nationale und internationale Vernetzung getan und mit dafür gesorgt, dass München wieder auf der Landkarte des freien Theaters erscheint. Zugleich fehlt in München noch viel, vor allem ein großes freies Produktionshaus. Corona hat gezeigt, wie wichtig derartige Strukturen sind. Wir sehen ein großes Potenzial im HochX und können uns vorstellen, dies in enger Zusammenarbeit mit den anderen Akteur*innen in München auszubauen.

Trotz der zu befürchtenden massiven Zurückhaltung der öffentlichen Hand gibt es ja offenbar weitere, sogar neue Pläne – etwa für das Kulturareal an der Dachauer Straße. Zuletzt war sogar von einem Haus für die freie Tanzszene zu hören. Da müssen Sie doch rasch hellhörig werden, oder?
Ute Gröbel: Gerade jetzt braucht die Münchner Szene eine Zukunftsperspektive, daher begrüßen wir die Debatte um das Tanzhaus als positives Aufbruchssignal. Wir hoffen, dass aus der Machbarkeitsstudie auch mal ein Machen wird und die Diskussion nicht wieder wie vor 20 Jahren versandet. Die gesamte Szene – und damit meinen wir alle Formen der Live Art, nicht nur Tanz – braucht dringend einen derartigen Ort. Und zwar nicht erst 2030, sondern jetzt.

Antonia Beermann: Die angekündigten 15 Millionen Euro Kürzungen werden für viele Künstler*innen und Einrichtungen existenzbedrohend sein. Wir halten das für eine fatale politische Entscheidung, zumal andere Großstädte wie Wien oder Hamburg zeigen, dass es auch anders geht - dort werden die Kulturetats erhöht.

Sie setzten sich immer wieder für Freiräume und faire Arbeitsbedingungen ein. Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die wichtigsten Forderungen?
Ute Gröbel: Aus unserer Sicht gibt es drei Dinge, die angegangen werden müssen: die Frage nach Räumen, nach Ressourcen und nach Sichtbarkeit. Wie überall in München mangelt es der freien Tanz- und Theaterszene an professionell ausgestatteten Produktions- und Präsentationsräumen; dazu zählen nicht nur Bühnen, sondern auch Proberäume, Werkstätten, Lager etc. Die fehlende Infrastruktur trifft dabei auf ein städtisches Fördersystem, das prekäre Beschäftigung hervorbringt und auch in künstlerischer Hinsicht wenig nachhaltig ist.

Antonia Beermann: Die freie Szene in München kann nicht die Strahlkraft entwickeln, die sie in anderen Städten hat. Das liegt nicht an der Qualität; es fehlen schlicht die Strukturen, dem Publikum diese Art der Kunst nahezubringen. Die großen Kulturinstitutionen mit ihren Riesenbudgets für Werbung und Vermittlung können das; wir können das (noch) nicht.

Sie wirken ja am Theater nicht allein als Möglichmacherinnen, sondern kehren ja immer wieder auch in die kreative Rollen, etwa als Dramaturginnen, zurück. Wie wichtig ist dieser Perspektivwechsel für den eigenen Seelenfrieden oder als künstlerisches Ventil?
Antonia Beermann: Die eigene künstlerische Arbeit ist wichtig, weil sie den Perspektivwechsel ermöglicht. Was brauche ich als Künstler*in von dem Haus, an dem ich gerade arbeite? Somit wirkt die Erfahrung, die wir in eigenen künstlerischen Projekten sammeln, auf unsere Arbeit am HochX zurück.

Ute Gröbel: Wir sind Künstler*innen mit eigener Haltung und eigener Vision, zugleich stellen wir uns gerne in den Dienst der Visionen anderer – da sind wir klassische Dramaturginnen.

Antonia Beermann: In der künstlerischen Arbeit lernt man, Dinge auszuprobieren, einfach mal zu machen. Und ein bisschen Kreativität nützt einem auch beim Verfassen von Hygienekonzepten. (lacht)

Letzte Frage: Setzen wir ganz stark auf ein Wunder, und der Spuk verfliegt deutlich schneller als befürchtet. Wie heftig wird im Hoch X gefeiert und auf welche Form von Alles-vorbei-Afterparty kann man sich freuen?
Ute Gröbel: Wir planen auf jeden Fall mit viel nackter Haut, Berührungen und Körpersekreten. Ein Projekt trägt den vielsagenden Titel „Skin Hunger“, ein anderes beschäftigt sich mit Balkan-Trashpop und da wird’s natürlich eine passende After-Show-Party geben.

Antonia Beermann: Wer weiß, ob wir das lange Wachbleiben vielleicht erst wieder lernen müssen. Aber die Unterbühne hat jetzt Darkroom-Potenzial.

Interview: Rupert Sommer

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