Ortsgespräch

Das TamS-Team: „Am Ende ist es Theater“

Echte Team-Arbeit: „.Es ist ein gemeinsames Bündeln, Zusammentragen und Ausmisten von Ideen.“

Co-Intendant Lorenz Seib sowie die Ausstatterinnen Claudia Karpfinger und Katharina Schmidt beleuchten mit einer Jubiläumsrevue den Prozess des Theatermachens in Schwabing

Beheimatet in einem ehemaligen Brausebad, zählt das einst von der weiterhin amtierenden Leiterin Annette Spola und Rudi Vogel gegründete TamS zu den wichtigsten privaten Bühnen der Stadt. „Welthinterhoftheater“ wurde es bereits charmant von der „SZ“ genannt. Nun läutet die neue Revue „Trotz des großen Erfolgs“ das Jahr der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen ein.

Ein halbes Jahrhundert TamS ist eine sehr stolze Zahl. Geben die 50 Jahre stärker Rückenwind, oder wirkt so viel Tradition auch teilweise belastend?

Lorenz Seib: Die Angst, historisch zu werden, haben wir hier nicht wirklich. Es ist eher so, dass wir uns freuen und stolz sind, dabei sein zu können. Ich habe für mich selber die 50 noch nicht erreicht. Es ist also am Theater mein erster Fünfzigster, den ich feiern darf.

Katharina Schmidt: Es ist auch toll, was wir alle über die Auseinandersetzung mit dem Jubiläum noch alles über das TamS erfahren haben, obwohl ich für mein Empfinden auch schon lange dabei bin. Ich habe in der letzten Zeit noch so viele Geschichten und Anekdoten erfahren, die die Arbeit für mich an diesem Theater noch viel runder machen.

Schon als Schüler bewarb sich Lorenz Seib, der bei vielen TamS-Produktionen Regie führt, das Haus zusammen mit Gründerin Annette Spola leitet und eng mit den Ausstatterinnen Claudia Karpfinger und Katharina Schmidt zusammenarbeitet, spontan am Theater. Dafür schrieb er der Chefin einen Brief und lud sie zum Schultheater ein. Spola verpflichtet Seib zunächst als Abendtechniker, heute ist er aus dem Haus nicht mehr wegzudenken und prägt maßgeblich das Jubiläumsprogramm .

Im Tagesgeschäft befasst man sich ja nicht immer mit der eigenen Nabelschau. Viele Institutionen hätten ihre großen Jubiläen ja oft fast selbst vergessen. Wenn man sich allerdings damit befasst, dann kommen sicher viele Geschichten über das Haus und die diversen Künstler, die bei Ihnen schon gearbeitet haben hoch und prägen damit auch die Gegenwart neu mit. Fühlt sich das so an wie ein sehr persönlicher Museumsbesuch?

Claudia Karpfinger: Das war sicher in der allerersten Vorbereitung so, als die anfänglichen Gespräche eher retrospektiv waren. Dann haben wir aber alle vor allem für das neue Stück, das wir zum Jubiläum herausbringen werden, beschlossen, nicht zurück zu denken.

Weil Sie im Hier und Jetzt leben und arbeiten wollen?

Claudia Karpfinger: Genau. Es geht uns in allem was wir tun, um den Zeitpunkt Jetzt.

Lorenz Seib: Tatsächlich haben wir dann auch eine ganz gute Aufteilung hinbekommen. Wir haben ja ein Buch gemacht – bzw. aus meiner Warte eher geschrieben bekommen. Es ist gerade unter dem Titel „TamS – 50 Jahre Theater“ offiziell bei Athena erschienen. Dort wurde alles Retrospektive reingepackt.

Und damit sicher zwischen zwei Buchdeckeln verwahrt.

Lorenz Seib: Das ist eine gute Schatzkammer. Oft, wenn es in unseren Diskussionen zu sehr um die Vergangenheit ging, haben wir uns schnell sagen können: All das kommt ins Buch! Damit mussten wir uns nicht beschäftigen.

Wie muss man sich denn das an einem doch eher kleineren Haus wie dem Ihren überhaupt vorstellen: Gibt es denn ein Archiv, in dem man stöbern kann?

Claudia Karpfinger: Es ist recht überschaubar, aber sicher kein staubiger Ort. Überraschenderweise. Dort findet man alle Arten von Datenträgern der letzten 50 Jahre – wie in einem Technikmuseum. Es gibt Beta-Bänder, VHS-Kassetten, aber dann auch schon Digitalaufzeichnungen.

Kathrina Schmidt: Vieles ist aber auch schon im Theatermuseum am Hofgarten gelandet. Es ist schon vieles übergeben, darunter die vielen Programmhefte und Plakate. Aktuell haben wir wohl nur noch die Unterlagen bis 2010 im Haus. Es ist ein gutes Archiv – mit viel Material.

Ihr neues Stück „Trotz des Erfolges“ klingt spannend, hat aber auch verschiedene Lesarten. Wie viel Widerständigkeit steckt denn darin. Wenn man „Trotz“ als Hauptwort nähme, ist das ja eine ziemlich starke Emotion?

Lorenz Seib: Trotz war in diesem Haus immer gut vertreten. Widerständigkeit gab’s hier immer. Sie hat sich in der Regel über den Humor vermittelt, und war dadurch vielleicht nicht immer auf den ersten Blick sichtbar.

Aber auch als Unternehmen braucht man ja so etwas wie Galgenhumor, wenn – wie bei Ihnen 2017 geschehen – die Bagger von einer Baustelle auf dem Nachbargrundstück Ihnen plötzlich die Rückwand wegreißen.

Lorenz Seib: In solchen Fragen, auch bei allem, was die Finanzierbarkeit von privatem Theater in München angeht, braucht man Humor. Und dabei vergeht er einem zuweilen auch.

Die 70er Jahre, als das TamS entstand, waren sicher eine Aufbruchsphase. Viele der Theater, die damals ebenfalls gegründet wurden, gibt es heutzutage gar nicht mehr. Was für ein Gefühl gibt Ihnen die Tatsache, dass das TamS so viele Widrigkeiten überlebt hat?

Lorenz Seib: Wir waren natürlich alle damals nicht dabei. Trotzdem haben wir ein Gefühl dafür entwickelt, dass genau das, das TamS ausmacht: Dass es nämlich eine Basis im Denken gibt, mit Humor, Widerständigkeit, aber auch mit Widersprüchlichkeit und Verquerdenken. Diese Haltungen waren aber immer die Basis und nie ein Dogma. An diesem Haus konnte man sich immer weiterentwickeln. Und wir entwickeln uns bis heute weiter.

Wer an die 70er in München denkt, erinnert sich natürlich auch an viel politischen Zwist und leidenschaftliche gesellschaftliche Debatten. Viel Unruhe damals wie heute, und vieles scheint sich zu wiederholen. Macht es dies leichter, heute wieder an die Gründerzeit anzuknüpfen?

Lorenz Seib: Ich glaube, explizit politisch war das TamS nie. Und das sind wir heute auch nicht. Natürlich ergeben sich bei uns immer wieder Aussagen oder es kommen Themen auf uns zu, die dann eine politische Dimension haben. Aber solche Diskussionen sind immer etwas, das bei unserer Arbeit dazukommt. Als wir vor einiger Zeit die „Odyssee“ machten, kam das schon aus dem Anlass heraus, die Geschichte der aktuellen schrecklichen Odysseen auf dem Mittelmeer zu erzählen. Darüber sind wir auf diesen Stoff gekommen. Aber erzählt haben wir erst einmal die „Odyssee“ – und haben nicht auf der ersten Ebene, auf der Oberfläche, eine politische Botschaft transportiert.

Vieles, was in Ihrem Haus Tradition hat, berührt allerdings ja doch stark gesellschaftliche Themen – etwa die Bereitschaft, sich auf das inklusive Theater einzulassen und das „Grenzgänger“-Festival zu etablieren.

Lorenz Seib: Zu Zeiten, als so etwas am TamS eingeführt wurde, gab es den Begriff Inklusion noch gar nicht. Zunächst hieß das ja noch „Integration“. Und so wurde auch unser Festival einst von einem integrativen zu einem inklusiven Festival umbenannt. Entstanden war es aber aus einer persönlichen Erfahrung unserer Gründer Annette Spola und des verstorbenen Rudi Vogel, die damals das Theater Apropos leiteten. Dort hatten sie schon mit Menschen mit Beeinträchtigung gearbeitet. Später hatte man andere Gruppen dazu eingeladen und Gastspielreisen durchgeführt.

Claudia Karpfinger: Daraus ist das Festival entstanden. Es ging um den Gedanken, das Thema zu vergrößern und den Blick zu weiten, welche Arten von inklusivem Theater es sonst noch überall gibt.

Katharina Schmidt: Wir sind damals fast reingestolpert in das Thema. Als wir das erste Festival ausrichteten, hatten wir noch nicht einmal ein behindertengerechtes WC, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Wir stecken mit Herzblut in dem Thema – und sind mit ihm mitgewachsen.

Was macht denn ein Stück, das Sie spielen, zu einer typischen TamS-Produktion?

Claudia Karpfinger: Wir haben die Tradition, dass wir ein Stück, das im Entstehen befindlich ist, gemeinsam entwickeln. Manchmal gibt es nicht einmal einen Text. Es ist ein Zusammentragen und Puzzeln, das vom Dramaturgen, über die Darsteller, die gesamte Ausstattung, bis hin zur Regie reicht. Es ist ein gemeinsames Bündeln und Ausmisten von Ideen. Oft zieht sich diese Arbeit bis kurz vor der Premiere hin. So zu arbeiten, ist wunderschön. Es ist aber auch aufregend – und es birgt Risiken.

Und nicht gerade selbstverständlich, wenn man es mit anderen, eher autoritär geprägten Häusern vergleicht. Wie schwer fällt es dann aber, sich zu einigen, bis alle Beteiligten an einem Strang ziehen?

Lorenz Seib: Das ist sehr unterschiedlich. Das Wichtige ist, dass man mit Leuten zusammen wirkt, die Lust darauf haben, ergebnisoffen zu arbeiten und sich auf eine gemeinsame Reise mit allen Risiken des Scheiterns einzulassen. Natürlich muss man irgendwann einen Konsens finden. Aber der ergibt sich in der Regel in der Arbeit. Weil alle an der Sache interessiert sind. Und weil wir wohl auch alle relativ frei von persönlichen Eitelkeiten sind.

Konkret, zum neuen Stück: Wie ging es da los – mit einem großen Brainstorming? Wie bringt man so ein Projekt auf die Reise?

Lorenz Seib: Wir haben als Team natürlich erst mal Ideen zusammengetragen und gesammelt. Dann ging es darum, auszumisten und alles auf eine ziemlich simple Arbeitshypothese zu bringen.

Und welche wäre die?

Lorenz Seib: Am Anfang gibt es nichts. Und am Ende ist es Theater.

Interview: Rupert Sommer

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