Bühnenschau

Münchner Volkstheater - Wagen und gewinnen

Münchner Volkstheater - Die Goldberg Variationen
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Die Goldberg Variationen

Sie spielen – und wie! Das Volkstheater trotzt erfolgreich Corona

Die Probleme der Kulturstätten auf den – wie sich das von politischer Seite im Frühjahr anhörte – St. Nimmerleinstag zu verschieben: das war für die Truppe um Christian Stückl am Volkstheater keine Option. Sie haben schnell gehandelt: die Theaterferien vorgezogen, einen neuen Spielplan erdacht, das Haus und auch den Garten vor dem Theater coronamäßig umgerüstet, dann fünf Produktionen parallel gebaut und geprobt (begrenzte Darstellerzahl, bis 90 Minuten Länge, keine Pause) und ab Ende Juli den frühestens Spielzeitstart ever hingelegt – als Sommertheater. Ein Wagnis. Das sich schwer gelohnt hat.

Die Goldberg-Variationen

Hausherr Stückl wollte dabei (die Passionsspiele wurden ja auch verlegt) nicht ganz auf die Auseinandersetzung mit dem Glauben verzichten: „Die Goldberg-Variationen“ blicken hinter die Kulissen einer sehr besonderen Theaterproduktion – ein leicht größenwahnsinniger Regie-Chauvi (Pascal Fligg) will die Bibel auf die Bretter bringen. George Taboris unvergleichlicher, entlarvender Witz kreist um die großen Themen Christen- und Judentum, Antisemitismus, wir begegnen der Schlange und Isaak und Moses, es geht ums Goldene Kalb, und gekreuzigt wird natürlich auch. Zwischen selbstbewusst-zickiger Diva (Luise Deborah Daberkow) und dem routinierten Profi mit Privatproblemen (Timocin Ziegler) gibt es den willigen Jungdarsteller (Cengiz Görür) und einen, der den Laden zusammenhält: Regieassistent Goldberg (Maurizio Hölzemann). Me-Too-Aktualität, Oberammergau-Anspielungen und Theaterpersiflage: eine temporeiche Chaos-Gaudi mit Tiefgang. Und ein kraftvolles Statement, dass Streams (Stückl liebt sie nicht) das Live-Erlebnis Theater nie ersetzen können.

Das hässliche Universum

Was für die Inszenierung von Laura Naumanns „Das hässliche Universum“ genauso gilt. Der 2017 uraufgeführte Text ist ein ziemlich anspruchsvolles, um nicht zu sagen: sperriges Konstrukt, ein Befindlichkeitsstrudel in einer untergehenden Welt, in dem das Leben von Rosa irgendwie der rote Faden ist. Eine alleinerziehende Mutter, und mit was sie sich so alles rumschlägt: die fehlende Sicherheit, Digitales, Fernsehen, Mieterschutz. Sie bleibt Phantom, hat aber jede Menge Follower – wie die vier auf der Bühne, die von ihr erzählen, ihr Sprachrohr sind: Nina Steils, Anne Stein, Vincent Sauer und Silas Breiding schlüpfen in die Figuren moderner Ikonen wie Frida Kahlo oder Freddie Mercury. Und sie machen aus diesem kryptischen Abgesang in Sapir Hellers Inszenierung mit überbordender Spiellust eine „Goodbye-Party“. Als ihre eigene Band lassen sie‘s krachen, können aber auch leise, Höhepunkt: „It‘s my life“ als anrührender Choral. Und bei aller Apokalypse – „Alles wird brennen!“ – glitzert die Welt am Ende doch: discokugelschön.

Indien

Zwei Hotel- und Gastrotester in der Trostlosigkeit österreichischer Gasthäuser: die Typen, die Alfred Dorfer und Josef Hader in der Verfilmung ihres eigenen Stückes „Indien“ spielen, sind längst Legende. Um gar nicht erst damit konkurrieren zu müssen, verlegt Simon Solberg seine Interpretation dieses jungen Klassikers ins Museum. In Vitrinen steht Vergangenes aus der Menschheitsentwicklung. Und als lebende Beispiele sind Bösel und Fellner hier Kollege und Kollegin vom Münchner Gesundheitsamt und auf dem Weg durch Oberbayern. Solberg fällt wie immer viel ein: der Original-Text zwängt sich zwischen die zig Ideen und Bilder und Hinzuerfindungen, wir sind beim Skifahren, beim Tennis, auf Kreuzfahrt. Man kann kaum folgen, und wundert sich auch nicht, als Bolsonaro mit der Motorsäge um die Ecke biegt. Schließlich (Mann und Frau!) findet auch die Liebe einen Weg – obwohl man coronaersatzweise Paare aus dem Publikum für sich busseln lassen muss. Carolin Hartmann und Jonathan Müller spielen, singen, tanzen, toben – eine umjubelte physische Höchstleistung. Die aber nicht verbergen kann, dass sich die Story in Solbergs zivilisationskritischem Assoziationsüberangebot doch ein wenig verheddert.

Probleme, Probleme

Plastikfolien überall, die Bühne ist eine Höhle in milchigem Grau: in so einer Welt mag man eigentlich nicht leben und schon gar nicht aufstehen. Treffendes Ambiente für die Grundhaltung einer Frau, die es grauenvoll findet, etwas zu unternehmen, die Treffen mit Mitmenschen halt über sich ergehen lässt. Beatrix, um die sich Ingeborg Bachmanns innerer Monolog „Probleme, Probleme“ dreht, ist hier drei Personen: zwei Männer, eine Frau, androgyne Erscheinungen, futuristisch gewandet und geschminkt. Henriette Nagel, Max Poerting und Jakob Immervoll erspüren und choreografieren (mehr als sie es erspielen dürfen) das Porträt dieser jungen Frau aus Wien, die vor allem sich selber liebt und nur in ihrem Frisiersalon richtig aufblüht. Die eigentliche Stärke des Abends (Regie: Abdullah Kenan Karaca) aber: die Wiederentdeckung eines Textes, der die Bachmann unerwartet böse und witzig zeigt.

Gehörlosen-Hörspiel

Alle Sommertheater-Stücke werden ins Repertoire für das ganze Jahr übernommen, die Garten-Aufführungen finden noch bis 25. September statt und ziehen dann ins Haus. Wo die Produktion schon ist, die just vor dem Lockdown fertig war und nun, frisch uminszeniert, endlich Uraufführung hatte: das Gehörlosen-Hörspiel. Der Widerspruch im Titel verweist schon darauf: es ist ein Experiment. Das Schöne an diesem Abend ist aber: die Frage, ob das aufgeht oder nicht, ist irrelevant. Regisseur Noam Bruslovsky hat den gehörlosen Schauspieler und Fotografen Steve Stymest in einem Technoclub entdeckt, und sich mit ihm in ein Theaterprojekt gestürzt. Mit Stymest, der Soundkünstlerin Antonia Alessia Virginia und dem Schauspieler Steffen Link erleben wir den künstlerischen Produktionsprozess: die tastenden Grundsatzfragen zwischen Hörenden und Gehörlosen, die Verständigung über Handydisplays, das gemeinsame Schreiben am Laptop, das wir über Beamer mitverfolgen, die Arbeit im Studio. Sequenzen aus den Biografien der Darsteller, historische Verweise zum Umgang mit Gehörlosen, ein Spiel mit Lauten, mit Sinnen, mit der Physik: überraschende Einblicke vermischen sich zu einem berührend-witzigen, aber auch spannenden Lehr-Stück im besten Sinne – ohne je belehrend zu sein.

Autor: Peter Eidenberger

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