Bühnenschau

Metropol- und Residenztheater eröffnen die Spielzeit: „Ende einer Liebe“ und „Das Erdbeben in Chili“

Das Erdbeben in Chili im Residentheater
+
Das Erdbeben in Chili im Residentheater

Es war im Lockdown ja ganz nett, via Streaming mal an anderen Theatern vorbeizuschauen oder endlich ein paar alte, inzwischen legendäre Produktionen zu sehen. Aber das ist halt nicht live.

Jetzt gibt es wieder live – auch wenn in dieser Spielzeit vorerst manches anders ist. Das Stichwort heißt Hygienekonzept, und das bedeutet für die Theater in jedem Fall: umräumen. So sind jetzt auch im Metropoltheater die schönen alten, engen Kinosessel raus, die neuen Kunststoffschalenstühle sind ästhetisch kein Gewinn, aber variabler für das allabendliche Sitzplatzpuzzle, das für Abstand unter den Zuschauern sorgt. So sitzen wir bei der Spielzeitpremiere auf zwei Seiten des Raumes verteilt, in der Mitte ein Laufsteg, eine Planche, wie beim Fechten. Passt, schließlich gibt es gleich ein 90-minütiges Gefecht zwischen Mann und Frau, das Ergebnis verrät schon der Stücktitel: „Ende einer Liebe“.

Wenn der Ausgang klar ist, interessiert der Weg dorthin: also ist der 2011 uraufgeführte Text von Pascal Rambert ein gefundenes Fressen für Metropol-Chef Jochen Schölch. Das Stück sind nur zwei lange Monologe, so zieht sich die Spannung immer auch aus der schweigenden Reaktion des angesprochenen Parts. Dafür braucht es einen Regisseur, der die Psyche seiner Figuren detailversessen Sekunde um Sekunde klarer werden lässt – und es braucht zwei Ausnahmeschauspieler wie Mara Widmann und Matthias Grundig. Alle drei machen diese Beziehungskatastrophe zum Fest.

Sie stehen auf Abstand, jeder an einem Ende der Planche. Dass das Corona-Vorgaben sein könnten, spielt keine Rolle. Dieser Abstand ist nichts anderes als raumgewordene Trennung. Nun könnte man einfach gehen, wenn‘s vorbei ist. Aber diesem Mann ist die Erklärung wichtig. Wortreich beschreibt er, wie sich was entwickelt hat, kein Angriff, sagt er, ich spreche nur. Für ihn, den Intellektuellen, mag alles durchdacht sein, er argumentiert, schweift aus, schildert Sexuelles, dann referiert er über Yoko Ono und John Lennon und das Dakota-Building, er zerstört Grundsätzliches ihrer Liebe, opfert Vertrauen, beleidigt: eine Inszenierung von zunehmend unfassbarer Arroganz. Doch Matthias Grundig macht die zweite Ebene sichtbar: er ist aufgeregt, er schwitzt, ständig schiebt er sich die Brille zurecht oder den Ärmel nach oben. Und irgendwie wünscht man ihm, dass sein Herz noch nicht so blöd ist wie sein Hirn.

Die gegenüber steht, Mara Widmann, hört sich das an, 45 Minuten, zunächst regungslos, die Hände in die Hüften gestützt nimmt sie den Kampf auf, dann schnaubt sie, schüttelt unmerklich den Kopf, ihre Augen werden feucht. Aber weinen wird sie erst, wenn sie dran ist. Und reden kann sie auch, emotionaler, sie hat Worte für ihre Wut und ihre Trauer, sie ist menschlich ein ganz anderes Kaliber, geht so gar auf ihn zu, ein paar Schritte nur, und kurz blitzt gar die Möglichkeit der Versöhnung auf. Sie weiß ihre Stiche zu setzen, und wie der finale Stoß aussehen muss: die Kindern bleiben bei ihr.

Im Parkett des Residenztheaters fehlt jede zweite Reihe, und natürlich fühlt es sich seltsam an, wenn sich in dem großen Haus 200 Zuschauer verlieren. Aber auch hier siegt die Kunst schnell über jeden Corona-Gedanken. Was bei der Bild- und Soundwucht, die einem gemeinhin bei Inszenierungen von Ulrich Rasche begegnet, auch nicht überrascht. Auch wenn er uns diesmal nicht mit einem schrägen Stahlmonstrum mit stahlseilgesicherten Akteuren kommt, sondern nur eine flache runde Scheibe in den bekannt dunkel-düsteren offenen Raum setzt.

Die Liebe in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ (von 1807) endet auch, aber noch brutaler: durch Lynchjustiz. Ein Hauslehrer liebt seine Schülerin. Was nicht standesgemäß ist, und auch noch Folgen hat: ein uneheliches Kind. Dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden können, verhindert ein Erdbeben. Im Chaos gelingt ihnen die Flucht, aber die Vergangenheit holt sie ein: man erklärt sie zu Schuldigen an der Naturkatastrophe – Gottes Strafe für ihre „Sünde“. Der Mob erschlägt sie.

Auch wenn die Musik erst später einsetzt: die Rasche-Handschrift ist von Beginn an deutlich. Die Scheibe dreht sich, der Marsch darauf beginnt, diesmal der eines nicht männlich dominierten Ensembles: fünf Frauen, vier Männer – Mareike Beykirch, Linda Blümchen, Pia Händler, Antonia Münchow, Barbara Horvath, Thomas Lettow, Johannes Nussbaum, Nicola Mastroberardino, Noah Saavedra. Dunkel gewandet, sind sie alle Teil eines Ganzen, teilen sich aber auch in männliche und weibliche Parts auf. In der Bewegung erkennt man Varianten: mal ist es ein Stapfen, ein Schleichen, ein Tapsen, auch ein Schlendern. Die Diktion ist die bekannte: ein Regiment der Konsonanten, chorisch oder solo gesprochen, die Sätze nicht immer schlüssig segmentiert, über Mikroport stanzt sich der Text in unsere Ohren.

Letzteres ginge auch gar nicht anders, spätestens wenn die Musik einsetzt. Wie immer ist sie auch hier integraler Bestandteil des Gesamtidee: Sprache und Musik bedingen sich bei Rasche gegenseitig. Die Musiker sitzen hinten vor der Brandmauer, diesmal ohne Streicher liefern E-Piano, E-Bass und Drums die Sounddramaturgie (Komposition: Nico van Wersch). Das Spektrum ist dieses Mal breiter: natürlich wieder vorwärtstreibend, aber es gibt auch sakrale Momente oder Markerschütterndes. Eine Differenzierung, die Rasche braucht für seine und Kleists Erzählung: die Wucht der weltlichen und kirchlichen Macht; die Hoffnung auf der Flucht (schön bebildert mit drei hellen Platten, die wie ein Sonnenaufgang ins Dunkle sinken und die Figuren im Gegenlicht emotionalisieren); und schließlich den ungeheuerlichen Lärm für die Ungeheuerlichkeit des Lynchens.

Das Residenztheater hat Kleists Stück sehr bewusst auf den Spielplan gesetzt. Doch der Link von dieser alten Katastrophe zur Katastrophe von heute, der Corona-Pandemie, als gesellschaftliche Spiegelung, ist dramaturgisch etwas gewollt. Das Virus explizit noch in den Text aufzunehmen: eine unnötige Belehrung.

Rasches „Erdbeben“ hat in diesen zweieinhalb Stunden seine erwartbar starken Momente (der Beifall ist lang). Und seine Grenzen: der gleichbleibende Sprechtakt bügelt doch gerne über die Nuancen des Inhalts. Und den Verdacht, da erstarrt eine Inszenierungsform im Selbstzitat einer einzigen, inzwischen alten Idee, wird man (als zuschauender Wiederholungstäter) wohl auch nicht mehr los.

Autor: Peter Eidenberger

Auch interessant

Kabarett

Unsere Wochen-Tipps - Welche Bühnen-Shows man nicht verpassen darf

Unsere Wochen-Tipps - Welche Bühnen-Shows man nicht verpassen darf

Was läuft im Theater...

Die Wochentipps - Welche Stücke man unbedingt sehen muss...

Die Wochentipps - Welche Stücke man unbedingt sehen muss...

Bühnenschau

Die Kammerspiele unter neuer Leitung: gelungener Start

Die Kammerspiele unter neuer Leitung: gelungener Start

Deutsch-polnischen Dialog: Tu i tam – hier und dort

Deutsch-polnischen Dialog: Tu i tam – hier und dort