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„Als Winnetou starb, hab ich tagelang geheult“ - Helmfried von Lüttichau im Interview

Helmfried von Lüttichau
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Helmfried von Lüttichau

Lange Zeit kannte man ihn als bessere, auf jeden Fall anarchischere Hälfte des TV-Duos „Hubert & Staller“ an der Seite von Christian Tramitz. Aber Helmfried von Lüttichau liebt nach seinem Serien-Aus die neuen Freiheiten. Und auch von Corona lässt er sich nicht unterkriegen. 

Herr von Lüttichau, Schauspieler sind Sie sowieso, dann malen sie aber auch, schreiben, verfassen Gedichte, treten bei Lesungen und demnächst auch als Kabarettist auf: Wie organisiert man eigentlich seinen Genie-Alltag als Multitalent?
Malen ist leider ein Missverständnis, das ist schon lange her, ich wollte mal Kunst studieren. Obwohl, ja, …eine super Anregung, danke! Zum Gedichte-Schreiben komme ich auch kaum, weil ich Gitarre üben und weiter am Soloprogramm feilen muss. Aber alles leicht zu organisieren: morgens aufstehen und loslegen.

Wo nehmen Sie denn die überbordende Energie für so viele tolle Projekte her?
Vielleicht aus der Angst heraus, ich könnte nach sieben Jahren Fernsehserie plötzlich ungefragt und arbeitslos in der Ecke sitzen bleiben. Wenn ich eine Idee habe, versuche ich die auch möglichst schnell in die Tat umzusetzen. Und da manche Dinge bei der Umsetzung eben Zeit brauchen, überschneiden sich die Projekte dann meistens. Oder sie werden nichts, das gibt’s natürlich auch.

Eine humoristische Grundhaltung soll ja in fast allen Lebensbereichen zumindest helfen. Inwieweit hat Corona Ihren Spaß bislang ausgebremst?
Ehrlich gesagt kaum. Die staade Zeit im Frühjahr kam mir sehr entgegen, weil ich fast ungestört mein Soloprogramm schreiben und entwickeln - und dann noch immerhin zwei ausverkaufte Vorpremieren spielen konnte. Wann und wie die Vorstellungen jetzt tatsächlich weitergehen, weiß zwar niemand, aber auch da bin ich hoffnungsvoll. Und ein wenig fatalistisch.

Viele Künstlerkollegen stehen ja oft vor ganz großen Existenzfragen dieser Tage. Wie hält man sich eigentlich den Kopf einigermaßen frei, wenn trotz allem Mieten bezahlt und der Alltag gemeistert werden müssen?
Ich würde sage: Das ist man als Künstler ja in gewisser Weise gewohnt, auch ohne Corona. Da darf man dann nirgendwo auftreten oder drehen, einfach weil einen niemand anruft. Auch das habe ich selbst schon oft erlebt. Und habe irgendwann gelernt, damit umzugehen. Oft entstehen Ideen ja auch aus dem Verlust. Wenn man glücklich und zufrieden ist, fällt einem nicht unbedingt mehr ein. Im Gegenteil.

Sie haben ja zuletzt schon wieder das Glück gehabt, als Schauspieler drehen zu können. Wie fühlt sich ein Corona-Film- und Fernseh-Set an, was stört am meisten?
Am Corona-Set ist es im Prinzip auch nicht anders, als beim Corona-Einkauf. Alle tragen Masken, halten Abstand und nehmen Rücksicht. Störend ist nur, dass man sich die Gesichter vom ganzen Team noch weniger merken kann. Weil man keine sieht.

Was hat Sie zuletzt eigentlich zu den Filmarbeiten nach Spanien verschlagen: Wer als deutscher Schauspieler dort länger dreht, kehrt ja meistens mit einem Cowboyhut zurück?
Ja. Stimmt. Den habe ich allerdings meiner Frau geschenkt. Spanien war großartig. Dort in einem Westerndorf drehen zu dürfen, den Sheriff zu spielen, wo schon Clint Eastwood gedreht hat: ein Traum! Gehört mit Sicherheit zu den „Wet Dreams” eines Schauspielers. Der Film kommt nächstes Jahr in die Kinos: „Der Junge Häuptling Winnetou”. Sozusagen ein Prequel zu Karl May.

Karl May gilt ja als der unverwüstliche Held so mancher Jugend. Wie schlimm war das bei Ihnen?
Ich war vollkommen besessen, hab fast alle seine Bücher mehrmals gelesen. Als Winnetou starb, hab ich tagelang geheult.

Wenn Sie selbst schreiben wie etwa im Gedichtband „Was mach ich wenn ich glücklich bin“, wird’s ja oft unerwartet still und beeindruckend präzise. Wie hat sich Ihre Leidenschaft, ihre Perfektion bei den ganz fein gearbeiteten Kleinformen wie etwa den Haiku herauskristallisiert?
Mit dem Haiku habe ich mich nie bewusst beschäftigt. Aber ja, mit wenig Worten möglichst viel ausdrücken, war bestimmt mein durchaus ehrgeiziges Ziel. Ich hab sehr viel geschrieben und davon viel in den Papierkorb geworfen. Irgendwann bleibt dann, mit etwas Glück, ein Satz übrig, in dem ich mich selbst wieder finde.

Mit „plugged“ soll ja demnächst ein Bühnen-Soloprogramm anstehen, geplant sind Auftritte ab Februar, sobald Corona das wieder zulässt. Was verraten Sie uns jetzt schon?
Erstmal bin ich total glücklich, mit etwas wirklich Eigenem auf die Bühne gehen zu können. Um genau das zu machen, was mir Spaß macht: Dialekte sprechen - in verschiedensten Rollen, eigene Gedichte vertonen, mich an meinen Lieblings-Rocksongs versuchen, und das auch noch mit E-Gitarre! Eben „plugged”. Weil ich ja schon immer Rockmusiker werden wollte! Obwohl ich nur Geige spielen konnte, und das noch schlecht. Da frag ich mich dann, warum bei mir immer alles schieflief? Und wie ich jetzt der geworden bin, der ich bin...

Interview: Rupert Sommer

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