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Kabarettistin Christin Henkel: „Der Kältekick ist berauschend“

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Von: Andreas Platz

Chanson-Kabarettistin Christin Henkel
Chanson-Kabarettistin Christin Henkel © Bernd Schweinar

Von der Chanson-Kabarettistin Christin Henkel kann man lernen, wie man Widerstandskräfte aufbaut und kreativ bleibt

Frau Henkel, dass die Isar und die Stadtbäche einladend sind, macht München lebenswert. Was können Sie zu aktuellen Sichtungen rätselhafter Wasserwesen, einige sogar mit Pudelmützen, sachdienlich beitragen?
Wenn man besonders aufmerksam ist, entdeckt man beim Eisbaden in Münchner Bächen sogar tolle Musiker der Staatsoper, nimmt sie nach dem Schwimmen mit ins Studio, schmeißt die Heizung an und lässt sie für das neue Album einspielen. Wahre Geschichte.

Was hat Sie eigentlich auf die irre wirkende Idee gebracht, auch bei eisigen Wintertemperaturen im Freien baden zu gehen?
Es war Winter, es war Lockdown, und es war sonst nichts los.

Was macht für Sie den Reiz aus?
So sehr ich den sommerlichen Badetrubel auch liebe: Das Faszinierende am Winterschwimmen ist für mich, dass ich dabei ganz allein und ungestört im Wasser sein kann und der See eine völlig andere Wirkung auf mich hat als im Hochsommer.

Gab’s denn ein Erweckungsbaderlebnis?
Ich erinnere mich gut, wie ich vergangenen Februar das erste Mal an den Wörthsee fuhr, an der sonst so überfüllten Badestelle mutterseelenallein ins Wasser hüpfte und in den Sonnenuntergang schwamm. Das war eines meiner schönsten Wintererlebnisse - auch wenn ich zugeben muss, dass mir auf der Rückfahrt in der S-Bahn trotz mitgebrachter Wärmflasche ziemlich kalt wurde.

Kenner der eisigen Materie sprechen ja von nahezu bewusstseinsverändernden Zuständen. Wie ist das bei Ihnen?
Der Kältekick ist tatsächlich berauschend und ein echter Wachmacher. Besonders wirksam und wohltuend ist das Eisbaden, wenn man am Vorabend versehentlich einen heißen Hirsch zu viel hatte.

Trotz der vielen erfolgreichen, beeindruckend nassforsch absolvierten Mutproben: Wie viel Überwindung kostet es Sie trotzdem jedes Mal?
Ich musste mich eigentlich schon beim ersten Mal kaum überwinden. Was ich als wirklich unangenehm empfinde, ist das Runterkühlen danach. Man hat ja leider nicht immer eine Sauna dabei.

Was schießt Ihnen durch den Kopf, wenn sie teilweise sogar inmitten der kleinen Eisplatten eintauchen: Hoffentlich doch wenigstens auch sensationell gute Song- oder Bühnen-Programm-Ideen?
Na ja, eigentlich denke ich oft, wie bekloppt das menschliche Dasein eigentlich ist. Da hockt man sich mitten im Winter ins eiskalte Wasser und sitzt dann dort so rum. Mit einer heißen Schoki am Kamin wäre doch viel kuscheliger. 

Was wäre denn Ihr wichtigster Winterschwimmerinnen-Tipp?
Auf keinen Fall alleine losziehen. Es so sollte immer eine zweite Person dabei sein. Außerdem empfehle ich, eine Thermoskanne mit warmem Wasser mitzunehmen, welches man im Anschluss über die frierenden Hände und Füße gießen kann.

Der nun schon zweite Winter der Unerfreulichkeiten schlägt ja vielen Mit-Menschen in der Stadt gehörig auf die Laune. Wer Sie auf der Bühne sieht, ihre Songs hört und ihre Bücher oder Internet-Posts liest, staunt dagegen oft nicht schlecht: Was ist Ihr Geheimrezept, sich die Laune nicht komplett verdrießen zu lassen?
Meine größte Fähigkeit ist es, Dinge mit Humor und einer gewissen Leichtigkeit zu nehmen. Anders würde ich es in diesen Zeiten gar nicht mehr aus dem Bett schaffen.

Chanson-Kabarettistin Christin Henkel
Endlich ungestört im Wasser: Christin Henkel © Markus Brewing

Viele Musikerinnen, Kabarettistinnen oder Autorinnen haben die eher publikumsfernen Wochen und Monate zuletzt ja nicht nur mit Grübelei und Weltschmerz, sondern viel kreativem Fleiß verbracht. Auch Sie lagen nicht auf der faulen Haut, sondern haben ein tolles neues Album rausgebracht, nennen sich und die Platte trotzdem #Infaulenzer. Ganz schön kokett, dieses Augenzwinkern!
Der Titel der Platte beschriebt nicht nur den Subtext der Songs sehr gut, sondern auch meinen persönlichen Lebensstil: Früher war ich faul, heute mache ich das online. 

Viele Ihrer neuen Chansons machen die wirre Weltlage zum Thema und nennen mit Songs wie „Achtsam am Arsch“ oder „Ich klatsche für dich“ die Dinge beim Namen. Wie schwer ist es eigentlich, aufs ledige Schlagzeilen-Gewitter dieser Tage eine Künstler-Antwort zu finden?
Ich muss gestehen, dass ich mich seit einiger Zeit vom Schlagzeilen-Gewitter fern halte und kaum noch durch meinen Social-Media-Feed scrolle. Ich möchte mich von all der Negativität und dem Hass, egal aus welcher Richtung, nicht mitreißen lassen und weiterhin neutral bleiben. Was künstlerisch bei mir als nächstes entsteht, weiß ich noch nicht, aber ich weiß ganz sicher, dass ich meinen Hörern und Lesern damit ein gutes Gefühl und ein paar heitere Momente in dieser komischen Zeit schenken möchte. 

Wie viele Ihrer Kolleginnen und Kollegin muss man die immer wieder schmerzhafte Bühnen-Abstinenz ja auch innerlich gut aushalten können. Wie groß ist die Sehnsucht nach mal wieder einer richtig langen, aufgekratzten, verschwitzen Auftrittsnacht?
Ich denke zu gern an mein Album-Release-Konzert im Oktober zurück. Der Club war voll, die Stimmung war mitreißend, und es hat sich fast so angefühlt wie früher. Ich denke, ein paar dieser schönen Konzerte wird es auch 2022 wieder geben und dieser Gedanke hält mich bei Laune.

Hand aufs Herz: Sorge, dass Sie eines Tages doch noch bühnenscheu werden würden und mit dem Publikum fremdeln, muss man sich ja wohl nicht. Oder doch?
Eher im Gegenteil. Bei meinen letzten Auftritten habe ich das Publikum noch viel mehr zu schätzen gelernt als früher. Einige „Stammgäste“ wieder zu treffen, die schon 2014 meine Konzerte besucht haben, war eine große Ehre und Freude. 

Letzte Frage: Gerade von Mitmenschen wie Ihnen, die so viel Energie versprühen, lässt man sich ja gerne mitreißen. Was ist Ihr mittelfristiger Schlachtplan fürs neue Jahr und wie groß ist Ihre Vorfreude, all diese Projekt so schnell es geht, auch wieder möglich zu machen?
Alles noch sehr wage. Den Winter werde ich in Südostasien verbringen, um dem allgemeinen Lockdown-Depri zu entfliehen und um neue Eindrücke zu sammeln. Ich möchte mein neues Buch schreiben, ganz viel Musik komponieren und in möglichst vielen verschiedenen Hängematten liegen. Alles andere wird sich ergeben.

Allerletzte Frage: Wie kann man als furchtloser Wirbelwind das Eisschwimmen eigentlich überhaupt noch toppen – und Sie passen doch hoffentlich gut auf sich auf?
Vielleicht überrasche ich demnächst einfach einmal mit dem kompletten Gegenteil zu meinem bisherigen, eher unkonventionellen Bohemien-Lifestyle, lasse mich in einem Reihenendhaus in der Vorstadt nieder, verbringe meine Samstage im Baumarkt, die Urlaube im Robinson-Club und meine freien Abende und mein restliches Leben auf dem Sofa. Dann würden die Leute endlich sagen: „Sie ist ganz normal“ - Das habe ich mir früher immer sehnlichst gewünscht.

Interview: Rupert Sommer

Juhu, kess und beliebt: Christin Henkel studierte an der Musikhochschule München unter anderem beim Milla-Mitgründer Gerd Baumann. Mit ihren hintersinnigen Bühnenprogrammen ist sie schon lange Gast in der humoraufgeschlossenen Kleinkunstszene, besonders gern im Vereinheim. Mit dem Buch „Juhu Berühmt! Ach nee, doch nich“ blickte sie auf ihren turbulenten Werdegang zurück und setzte das mit „Achtsam scheitern“ augenzwinkernd fort. Ihr drittes Album #Infaulenzer bringt wieder kongenial Kabarett- und Chanson-Charme zusammen. Aufs Wiedersehen mit Fans brennt sie: www.christin-henkel.de.

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