Ortsgespräch

Kabarettist Christian Überschall: „Unterschwellig erotisierende Wirkung“

Christian Überschall
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Hochunanständig humorbegabt: Christian Überschall

Der „beste in München lebende Schweizer Kabarettist“ ist zurück: Christian Überschalls Sprüchesammlung „Quickies 2.0“ ist ein tolles Weihnachtsgeschenk

Herr Überschall, flankierend zu Ihrem immer beeindruckenden Bühnenschaffen hatten Sie mit „Quickies“ ja einst eine hintersinnige, nicht immer ganz jugendfreie Sprüchesammlung herausgebracht. Schon 20 Jahre später kommt jetzt mit „Quickies 2.0“ die Fortsetzung. Ist das diese gnadenlos konzentrierte Schweizer Effizienz, von der man immer hört?
Ich sage immer: Ich steh dazu, wir Berner sind langsam, aber wir können Befriedigung garantieren… wenn genügend Zeit zur Verfügung steht, womöglich ein verlängertes Wochenende, drum lebe ich ja in Bayern, weil es da am meisten davon gibt. Übrigens: Streng genommen sind wir nicht langsam, sondern bedächtig, und das ist gut so. Hektik ist menschenunwürdig.

Trotzdem: Wenn Sie auf Ihr Heimatland, vor allem auf Ihre Berner Landleute zurückblicken – kann man denen wirklich „Quickies“ zutrauen?
Quickies im engeren Sinn kommen bei uns nicht in die Tüte (allein bis diese übergestülpt wäre, dürfte eine auswärtige Frau schon über alle Berge sein). Außerdem mag ich keine Kondome, ich kriege da Platzangst.

Ihre Weltläufigkeit ist ja legendär. Scheinbar mühelos bewegen Sie sich zwischen Sprachräumen, die bodenständigen Münchner ja oft schon Fernreisen über Augsburg hinaus Richtung Ulm etwa erschweren. Wie schaffen Sie es, sich in so viele Kulturen hineinzudenken, die angeblich ja sogar eine gemeinsame Schriftsprache gemeinsam haben?
Nun, im Deutschen Sprachraum gibt es natürlich zwei Großräume: Die Alpenrepublik (BY, CH und A) und den Rest. Die Alpenrepublikaner tun sich im Restraum schwer, weil sie dort schon aufgrund ihres Akzents nicht für voll genommen werden, aber sie genießen einen leicht folkloristischen Sympathiebonus: Umgekehrt werden die Piefkes (=Restraumbewohner) zwar für voll genommen, aber das geht einher mit einem schwerwiegenden Sympathiedefizit bzw. Malus. Da mir in zwei Jahren an der Dolmetscherschule Zürich der Akzent ausgetrieben wurde, konnte ich auch den Restraum unerkannt infiltrieren. Den Akzent habe ich erst nach meinem Umstieg ins Kabarett (als Spätzünder mit 48) reaktiviert und natürlich auch bewusst kultiviert, nachdem ich festgestellt habe, dass er eine unterschwellig erotisierende Wirkung ausübt.

Der Charme der ursprünglichen Aphorismen lag darin, dass man schon beim Lesen immer wieder Sehnsucht nach Überschall-Auftritten auf der Bühne bekam. Sind wieder so viele Mini-Szenen dabei, die eigentlich ja vors Publikum gehören?
Nun, ich habe das Konzept etwas erweitert, ich habe versucht eine Mischung aus richtig witzigen Kurztexten, Denkanstößen und (wie Seehofer sagen würde) Schmutzeleien zu finden, die m.E. sehr reizvoll ist, aber in keine Schublade passt. Damit tun sich die Kritiker immer schwer. Aber ich habe vor, das Buch zu einem Bühnenprogramm  weiterzuentwickeln, bei dem ich mehr als bisher Klavier spielen werde (meine wahre Leidenschaft) und zwischendurch frei Schnauze än gscheidn Schmarrn daherredn werde.

Wie muss man sich den knallharten, hektischen Alltag eines Humoristen eigentlich vorstellen: Haben Sie rund um die Uhr Ihr Notizbuch dabei und den Stift gezückt, landet man als Freund und Liebespartner fast zwangsläufig im nächsten Buch oder Bühnenprogramm?
Neue Ideen, Erkenntnisse und Beobachtungen sofort festhalten ist natürlich das oberste Gebot. Inzwischen mache ich das, indem ich es ins Handy diktiere. Schwierig ist es nachts im Halbschlaf, drum versuche ich, wenn es irgendwie geht, eine Sekretärin dabei zu haben, die schnell diktatbereit sein kann. Freunde und Bekannte haben nichts zu befürchten, sie landen nur im Programm, wenn sie witzig sind. Wie mein Sohn, als ich zu ihm sagte, dass meine Singstimme eigentlich ganz gut klingt, und er meinte: „Von innen vielleicht!“

Vor Weihnachten denkt man natürlich ans Schenken: Wie rot muss man werden, wenn man „Quickes 2.0“ ohne allzu viele Erklärungen einfach mal im festlichen Rahmen dem Vorgesetzten oder an die Schwiegermama überreicht?
Ich glaube, dieses Problem habe ich elegant gelöst, indem ich alles, was prüde Menschen als anstößig empfinden könnten, auf eine mit „Unanständiges“ und „Hochunständiges“ betitelte Doppelseite ausgelagert habe, die mit einem Tesafilm zugeklebt ist, der rückstandsfrei entfernt werden kann.

Welchen Stellenwert hat das Schreiben eigentlich für Sie in diesen oft ja doch ziemlich ungemütlichen Zeiten: Wie gut lindert es die Phantomschmerzen?
Ich empfinde es als Segen und als Privileg, als Autor von der coronabedingten Entschleunigung sogar zu profitieren und überrascht festzustellen, wie viel gutes Material brach liegt. Ich bin auch auf Facebook ziemlich aktiv. Die Zahl der Likes ist schon ein relativ zuverlässiger Indikator, ob ein Kurztext was taugt.

Humor bedeutet ja oft, dass man ihn sich bewahrt. Was ist Ihr Geheimrezept, trotz allem den Kopf hoch zu halten?
Ich kenne leider kein Rezept. Humor hat man oder man hat ihn nicht, das ist für mich völlig unabhängig von den äußeren Umständen. Ich denke aber, dass er gerade in Krisenzeiten wie jetzt besonders wichtig ist.

Letzte Frage: Wie viele Jahrzehnte planen Sie, bis zum Abschluss der „Quickies“-Trilogie – oder wird das ihr ganz persönliches Transnationalepos?
Da habe ich große Pläne. Ich könnte, selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass mir nichts mehr einfallen sollte, allein mit dem Material, das ich gesammelt habe, alle sechs Monate ein Bändchen veröffentlichen bis an mein Lebensende. Und den Rest muss mein Sohn posthum verhökern. Die Nachrufe müssten ja nochmal einen Boom auslösen. Und zum 10. Bändchen gibt es einen Schuber gratis.

Interview: Rupert Sommer

Er ist der auch im etwas reiferen Alter quicklebendige Beweis dafür, wie man mit Humor umtriebig bleibt: Christian Überschall ist Bühnenkünstler, Kabarettist, Buchautor, Musiker, Sexualberater und Ex-Steuerberater. Sein „Quickies 2.0“-Bändchen und viel mehr findet man hier: www.christian-ueberschall.de

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