Kabarett-Highlights

Die Kabarett-Highlights zum Monatswechsel

Patrizia Moresco, Josef Hader, Alf Poier

Mit diesen Lebenshelfern übersteht man die wildeste Wiesn-Zeit

Man kann’s natürlich auch so sehen: Saufen, Schunkeln, Speiben für den Wirtschafsstandort München. Auf diese knappe Formel bringen die, eh klar, Wiener Science Busters die tiefen Geheimnisse des Oktoberfests. In der „Ozapftis!“-Edition ihres Wissenschaftsprogramms haben sie nun höchst exakt die innere Chemie der „Gruppenintoxikation mit Trachtenanschluss im Beisein von Fett, OH-Gruppen und Magensäure“ unter die Lupe genommen. 

Mal wieder kann man viel lernen. Etwa warum man rülpsen muss, und warum wir so laut werden. Welches Lieblingszelt Albert Einstein auf der Wiesn wählte. Und inwieweit Glyphosat das Reinheitsgebot verletzt. Hinter die Vergrößerungsgläser geklemmt haben sich auch diesmal wieder der Molekularbiologe Martin Moder, der Astronom Florian Freistetter sowie der Uni-Graz-Lektor und Vollblutkabarettist Martin Puntigam. Wer schon am frühen Nachmittag kommt, kann gleich noch zum VorOrt-Praxistest auf die Theresienwiese weiterziehen. (Lustspielhaus, 28.9.)

Rund um die Bavaria bildet man sich bekanntlich ja viel auf Völkerverständigung ein, auch wenn das Sich-Verständlich-Machen mit schwerer Zunge oft schwer fällt. Thomas Reis spuckt dabei dem Münchner in die Suppe bzw. in den Maßkrug. „Das Deutsche reicht!“, fordert er schon länger. Er fordert den grenzenlosen Spaß ein – ohne eine Obergrenze für schwarzen Humor. Selbst Zoten und Kalauer haben bei ihm ein Recht auf Asyl. Kein Lacher soll abgeschoben werden. Sogar der hemmungsloseste Schenkelklopfer hat bei ihm unbefristetes Bleiberecht – jedenfalls, solange er nur auf die eigenen Schenkel klopft. (Lach- und Schießgesellschaft, 28.9.)

Mit gängigen Formen von Folklore – und flankierender Misogynie – haben auch die Herren Flo & Wisch wenig am Hut. Sie wollen nie wieder etwas von „Waschweibern“ hören, verstehen sie sich doch mit ihrer sauber korrekt gefeudelten Herzensreinheit als „Waschmänner“. Der eine ist dabei ein flauschiger Hüne, der am Klavier beweist, dass er mindestens genauso viel Musik wie Cholesterin im Blut hat. Der andere ist ein geistreiches Energiebündel, das mit einem einzigen Blick Frauenherzen zum Schmelzen – und Männerseelen zum Fremdschämen – bringt. Im neuen Programm übernehmen sie die Wäsche, bügeln die Blusen ihrer Liebsten und kochen feine Cremesüppchen. So geht Emanzipation. Selbst ist der Mann! (Fraunhofer Theater, 5.10.)

Nichts falsch machen kann man natürlich beim Dauerbrenner „Hader spielt Hader“ mit – Überraschung! – Josef Hader. Er selbst sieht sein Programm mittlerweile als den „Regenwurm unter den Kabarettprogrammen“. Warum das? „Weil der immer nachwächst, wenn man ihm die Hälfte wegschneidet.“ Der umtriebige Wiener Woody-Allen-Wiedergänger kontert damit alle Wahnvorstellungen seiner treuesten Fans, die sein Solo gerne immer wieder aufsuchen, weil es angeblich über die Jahre hinweg stets ein anderes gewesen sei. Dazu meint Hader, dass er nichts neu erfindet. Er muss das Programm nur jedes Jahr kürzen – weil es automatisch immer länger wird. Vielleicht auch eine Al - tersreifeerscheinung. (LMU Audimax, 5./6.10.)

Zum direkten Irrsinns-Abgleich muss man natürlich unbedingt gleich noch den Auftritt des kleinen Steirers Alf Poier mit seinem aktuellen „Humor im Hemd“-Solo mitnehmen. Er stellt sich bange Fragen angesichts der digitalen Diktatur und der Auslöschung des Hausverstandes. „Kann die Kunst uns retten“, so Poier. „Oder muss ich die Kunst retten?“ Zuletzt hatten ihm viele Leute erzählt, dass sie angeblich die Welt nicht mehr verstünden. Dem Künstler geht es umgekehrt: „Die Welt versteht mich nicht mehr. Spinn‘ ich oder spinnt die Welt?“, will er nun wissen. „Wohin“, so Poier, „soll man flüchten? In die geistige Euthanasie, in das Absurde, zurück in die Tradition oder doch lieber in die Karibik?“ Zuletzt, so viel steht fest, wird wieder mal nichts feststehen. Grandios gut! (Lustspielhaus, 3.10.)

„Komik ist Tragik in Spiegelschrift“, behauptet die Kollegin Nicole Jäger. In ihrem sehenswerten „Nicht direkt perfekt“-Programm widmet sie sich den absurden Facetten zeitgenössischer Weiblichkeit und bringt damit Männer wie Frauen zum Wiehern. Sie weiß: „Wenn du morgens als Frau aufstehst, vor den Spiegel trittst und denkst: ‚Ich bin der Geilste hier‘, dann bist du unter Garantie ein Mann.“ (Schlachthof, 1.10.)

Den „Canyon zwischen Humor und Tiefsinn“ möchte Sebastian 23 mit einem Brückenschlag überwinden. Doch dann scheitert er mal wieder und bleibt in der Mitte in der Luft hängen. Vielleicht ist es auch so mit dem Charakter seiner Auftritte: Fein verlötete Wortakrobatik trifft bei ihm auf grob gehauene Schlagfertigkeit. Man ahnt es: Sebastian 23 hat ein flinkes Mundwerk. Er trägt den Schwarzen Gürtel im Poetry Slam. Und den Grauen Gürtel hat er sich vor einem halben Jahr im Kaufhaus gekauft. (Lach- und Schießgesellschaft, 2.10.)

Immer groß, niemals artig: Das ist der Schlachtruf, mit dem sich Patrizia Moresco ankündigen lässt. Die selbsternannte „Komi-Kaze-Kabarettistin“ erzählt vom Dolce Vita im Hamsterrad und vom Leben auf der Überholspur, das ihr viel zu schnell vorkommt. „Wo ist der Stau, wenn man ihn braucht“, fragt sie sich. Die Welt steht Kopf, da kann einem schon mal der Humor in die Faltencreme fallen. Und natürlich keilt sie ebenfalls mal wieder gegen den Netzwahn und die neuen Influencer-Götter. Sowie „Siri, Alexa, Foodora und all die anderen Bitches“, die uns davon abhalten, überhaupt noch das Haus zu verlassen. (Lach- und Schießgesellschaft, 3./4.10.)

Poetisch hintersinnig wird’s dann noch im neuen Solo von Stefan Waghubinger mit dem nostalgischen Titel „Jetzt hätten die guten Tage kommen können“. Auf dem Dachboden der Garage seiner Eltern hat der gute Mann nämlich eine leere Schachtel gesucht – und dort den - jenigen gefunden, der er mal war, sowie den, der er einst werden wollte, sowie den, der er jetzt ist. Staub muss natürlich noch vom Deckel geblasen werden. Dann stellt sich tiefe Erkenntnis ein, zu der auch die Vertreter führender Weltreligionen und ein Eichhörnchen beitragen. (Lach- und Schießgesellschaft, 9.10.)

Autor: Rupert Sommer

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