Kabarett-Highlights

Die Kabarett-Highlights im November 

Mundstuhl am 9. November im Schlachthof

Diese Gaudibrüder und –schwestern sorgen für Durchblick

Verworrene Zeiten schreien nach einem Welterklärer. Und warum auf Äußerlichkeiten achten, wenn Oliver Dittrich diese Rolle wirklich drauf hat? 

Nach Jahren stillen Kults im öffentlich-rechtlichen Spätabendprogramm zieht es den Meister der Verwandlung („Der tiefe Fall der Trixie Dörfel“, „Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war“) wieder dorthin zurück, wo mit Dittsche alles anfing – auf die Bühne. Dort hängt er im Original-Bademantel, schmuddeligem Oberhemd und Jogginghose nun wieder an der Theke und gestikuliert wild mit dem Flaschenbier, um seine Thesen über Putin, Trump und Olli Kahn („der einzige Langzeitüberlebende mit Hühnergrippe“) zu verbreiten. Man hört ihm einfach gerne zu. (Prinzregentheater, 7.11.)

In Rollen schlüpfen, den Bademantel mitbringen oder vielleicht sogar noch eine alberne Perücke aufziehen: All das braucht Bastian Bielendorfer nicht. Sein Programm ist eben „Lustig, aber wahr“, wie er immer wieder gern beteuert. Nach seinem ersten Soloprogramm „Das Leben ist kein Pausenhof“ ist auch diesmal zu erwarten, dass er damit landauf landab Lach-Pipi in die Augen treiben wird. Er bohrt tief in der eigenen Vita. Bielendorfer erzählt vom kinderlosen Mopsbesitzer Mitte 30, der als einziger das studiert hat, was man in seiner Familie noch mehr braucht als Lehramt: Psychologie. Außerdem lässt er noch einmal die eigene Lehrersöhnchenkindheit unter dem permanenten Rotstift Revue laufen, stellt dem Publikum seinen Waldorf-Neffen Ludger vor, der eine selbstgehäkelte Kappe aus Lama-Schamhaar auf dem Kopf trägt, und imaginiert auf der Bühne seine Frau Nadja. Die rettet ihn täglich – meist vor sich selbst. (Technikum, 15.11.)

Kein Problem mit dem intellektuellen Außenseiter muss ein Mann haben, der den allgegenwärtigen „Nerd“ wie folgt buchstabiert: „Nie Echt Richtig Dazugehörend“. Philipp Scharrenberg ist ein Wortfetischist. Einer, der immer ganz genau hinhört und die Buchstaben dann beherzt auseinanderzieht. Trotzdem sieht auch er Hoffnung: „Germanistik ist heilbar“, behauptet er. Hoffentlich bleibt er damit nicht alleine. (Lach- und Schießgesellschaft, 11.11.)

Mathias Novovesky hat es gelernt, mit sich selbst klar zu kommen. Seine Aufgaben sind: die Anderen! Im Mutterleib hat er sich wohl gefühlt. In der eigenen Komfortzone, die er im „Einzelhaft“-Solo verlassen muss, natürlich auch. Nun zieht es ihn in Richtung Mitmenschen – „dorthin, wo es weh tut“. Herauskommt ein Abend, der in narzisstischer Misanthrophie schwelgt und in Selbstmitleid badet. So lieben wir sie, unsere Ösis. (Vereinsheim, 21.11.)

Was die Selbstliebe angeht, hat auch Sissi Perlinger gelegentlich einen an der Waffel. Sich selbst auf den Arm nehmen, kann sie aber äußerst charmant. Im noch immer frischen Programm „Ich bleib dann mal jung“, klopft sie alle Aspekte des Älterwerdens auf die nicht immer ganz offensichtlichen positiven Seiten ab. Das ergibt dann natürlich philosophischen Tiefgang in einer Show, die alle Sinne erquicken möchte. (Lustspielhaus, 8.11.)

Mit ihrer Vorliebe für Leo-Prints könnte man sie natürlich fast mit der Cavewoman verwechseln. Letztere hat Emma Peirson aber bekanntlich auf radikalfeministische Antwort auf die noch immer steinzeitlichen Lebensmaximen so mancher Mit-Männer angelegt. (Das Schloss, 16.11.)

Wo wir schon in der Höhle bzw. im edlen Zirkus-Schloss sind: Unter dem Zeltdach fühlt sich die radikal angeschrägte Varieté-Kabarett-Gypsymusik-Punk-Truppe The Tiger Lillies besonders wohl. Die irren Engländer kehren mit der Jubiläumsshow zum 30-jährigen Bestehen der respektlosen Chaostruppe zurück. (Das Schloss, 19.11.)

Ach ja, wer des Englisch gut genug mächtig ist, um sich nicht nur vom Falsett-Gesang der Tiger Lilies berieseln zu lassen, sondern auch meist gar nicht so feine Zwischentöne herauszuhören, wenn Anglosachsen ihre ersten Pints gestemmt haben und mit dem Witzeabend beginnen, der darf selbstverständlich im Comedy Club Munich nicht fehlen. Mel Kelly aus Irland hat für die Show besonders illustre – und freche – Gäste zusammengetrommelt. (Das Schloss, 9.11.)

Was man in weiten Teilen Deutschlands als Comedy durchgehen lässt, dafür stehen seit 20 Jahren die Blockbuster-Garanten Lars Niedereichholz und Ande Werner. Vor besonders derben Späßen und schwer inkorrekten Wortspielen – siehe der aktuelle „Flamongos“- Programmtitel – haben Mundstuhl keine Angst. Ein Programm besteht meist aus einer Ansammlung an Nummern, mit denen andere allein den Abend bestritten hätten. So lernt man mit „Peggy“ und „Sandy“ zwei alleinerziehende Dating-App-Expertinnen aus dem Plattenbau kennen, die ihren säuselnden Sex-Alltag mit ihren Bemühungen um Flüchtlingsintegration in Einklang bringen müssen. Gleichzeitig gilt es, den neopatriotischen Nachwuchs im Zaum zu halten. Oder aber die genialischen Illusionisten „Sickroy“ und „Fried“, die ihr Publikum für die jeweils neuesten hochmodernen Zaubertricks begeistern wollen. Und dann wären da auch noch die schlaffen Friedensaktivisten „Torben“ und „Malte“ von der druckfreien Bewegung No Pressure, der Grillexperte „Grillschorsch“, der das Haarspray grillen erfunden haben will. Und natürlich „Dragan“ und „Alter“, die abgebrochenen Leitsterne der sogenannten Kanack-Comedy. Alter, echt jetzt! (Schlachthof, 9.11.)

Wie man ernste Themen unterhaltsam auf die Bühne (oder ins Buch oder ins Radio) holt, weiß Heinz Strunk. Der melancholische Gagbombenzündler von der Waterkant mischt in seiner neuen „Nach Notat zu Bett“-Show HighEnd-Literatur mit moderner Musik und visuellen Schlüsselreizen. Hat sehr viel! (Münchner Volkstheater, 17.11.)

Ähnlich mitreißend das Programm von Dagmar Schönleber, die wichtige Werte hochhält: Alle fordern ihn, sagt sie, niemand hat ihn zu verschenken, und angeblich ist er nicht käuflich: Respekt. Dabei entwirft sie Szenarien, mit denen man im Alltag arbeiten kann. Wie soll man reagieren, wenn Eltern auf dem Fußballplatz den Schiri verprügeln, weil der eigene Sohn gefoult wurde? Und sollte man in der U-Bahn auch dann einer Oma den Platz anbieten, wenn sie ganz offensichtlich ein Nazi ist? Es geht Schönleber um Anstand und Aufstand. Und mit der Gitarre leistet sie dazu tapfere Akkordarbeit. Respekt! (Lach- und Schießgesellschaft, 13.11.)

Autor: Rupert Sommer

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