Ortsgespräch

"Der Watzmann ruft": Interview mit Autor und Regisseur der Neuinszenierung

Die Neuinszenierung von "Der Watzmann ruft" ab 25. Juli im Deutschen Theater

Der vielbeschäftigte Münchner Kabarettist und Musiker Ecco Meineke hat das Kult-Rustical „Der Watzmann ruft“ komplett neu umgeschrieben

Regie führt sein Kabarett-Kollege Sven Kemmler, dem nicht nur selbst der Schalk im Nacken sitzt, sondern der schon Michael Mittermeier und Rick Kavanian auf der Bühne glänzen ließ. Mit-Toben auf dem Abenteuerspielplatz Alpen werden unter anderem Christoph Theussl, Moses Wolff, Musiker Mathias Kellner und Sabine Kapfinger alias die „Alpine Zabine“ aus der früheren Hubert-von-Goisern-Band als „Gailtalerin“.

Vor dem Berg muss man ja vernünftigerweise Respekt haben, wie man immer wieder hört. Wie groß war oder ist denn Ihr Respekt vor dem Stück?
Meineke: Der war schon massiv. Du weißt genau, dass Tausendschaften von Fans sich über Jahrzehnte hinweg mit dem „Watzmann“ auseinandergesetzt haben. Und sie können heute noch wahrscheinlich jedes Wort mitsprechen. Da muss man sich genau überlegen, welches Wort man verändern darf, ohne das irgendjemand böse wird – und welches lieber nicht.

Man spricht ja gerne mal von werkgetreuen Klassiker-Inszenierungen. Am „Watzmann“-Text zu arbeiten, war aber für Sie von vornherein schon Ziel der Sache?
Kemmler: Erstmal ist die Arbeit eine innere Eigernordwand. Wenn man an etwas, was man von Klein auf kennt und schon als Teenie verehrt hat, respektlos rangeht, ist das immer ein Sakrileg. Im ersten Moment. Es war aber unsere Aufgabenstellung. Wir hatten die großzügige Erlaubnis, bitte kräftig reinzuhauen. Also braucht man neben dem Respekt ein gesundes Maß an konstruktiver Zerstörungswut.

Alle Termine von "Der "Watzmann ruft" im Deutschen Theater auf events.in-muenchen.de

Feiner Ausdruck.
Kemmler: Es geht ja um die Frage, was man aufbricht und was man anders macht. Hilfreich ist aber die Verehrung für das Stück schon. Sie hilft uns, die entscheidenden Teile und damit den Geist zu bewahren. Wir wissen vom Gespür her, was auf jeden Fall hinter dem Altar hängen muss.

Wahrscheinlich hat jeder seine zwei oder drei Lieblingszitate aus dem Stück. Vom „Aufi muss I“ bis zum Großknecht und dem Löffel.
Meineke: Damit kann man arbeiten. Muss aber auch die Respektlosigkeit würdigen, die damals schon den real existierenden Schmacht-, Heimat- und Kitsch-Filmen und –Romanen entgegengeschleudert wurde. Dass der Berg ruft, wusste man damals schon – seit den 20er und 30er Jahren.

Wegen der Luis-Trenker-Werke und der gesamten Heimatfilmindustrie.
Meineke: Die war ja auch gruselig. Es war nicht nur das Liebes-Gedirndl vom Wolfgangsee, gegen die sich das Stück damals auflehnte. Die Liebesszenen im „Watzmann“ waren dagegen – schon sehr sachlich. (lacht) Oder eben sehr explizit. Das Stück entstand eben mitten in der Punk- und Glamour-Rock-Zeit. Deswegen wurde aus der Gailtalerin auch ein transsexuelles Wesen.

Der Respekt vor dem vermeintlich heilen Heimatfilm ist ja in der Generation, die mit der „Bullyparade“ oder „Lissi und der Wilde Kaiser“ aufgewachsen ist, schon länger etwas abgedämpft. Mussten Sie zunächst erst einmal wieder so etwas wie Widerwillen aufbauen, um das Stück produktiv verpunken zu können?
Kemmler: Wir haben eben versucht, nicht Dasselbe zu machen. Wir wollen uns nicht wie im Original-„Watzmann“ auf die Heimatfilme beziehen. Das ginge auch nicht. Sie sind halt schon durchpersifliert. Außerdem würde gerade für die Jüngeren der Bezug fehlen. Der klassische Kitsch ist für sie ja keine Norm mehr.

Und wie wollen Sie jetzt aus der Klemme – der Klamm – rauskraxeln?
Kemmler: Die Grundlage, auf die wir uns beziehen, sind für uns die Alpen heute. Und das Bild, das man sich eben so von den Bergen macht und auch in der Werbung genüsslich breittritt. Die heutige Verkitschung ist ja eher eine Red-Bull-Verkitschung. Freiheit! Sport! Abenteuer in der Halfpipe und auf dem Mountainbike!
Meineke: Die Bayern und die Österreicher haben uns immer noch genug Stoff hinterlassen, den es weiterhin anzugreifen gilt.

Sehen Sie es, gerade weil Sie im Allgäu groß wurden, mit großer Wehmut, wie die Berge zu einem großen Rummelplatz verkommen?
Meineke: Es wird weiterhin abgeholzt – und nach außen hin eine Idylle präsentiert, aus ökonomischen und auch durchaus ideologischen Gründen. Dass wir ein Heimatministerium haben müssen, sehe ich einfach nicht so.

Es ist kein Heimat-Naturschutz-Ministerium.
Meineke: Im Gegenteil. Sie machen weiter mit der Asphaltierung und der Zerstörung der Umwelt. Und gleichzeitig wollen sie uns erzählen, sie wären Heimatschützer!

Sie arbeiten ja beide sonst auf der Bühne, beim Kabarett, bei den Songs, eher mit eigenen Texten. Wie komisch hat sich das für Sie angefühlt, sich diesmal mit anderer Leute Arbeit auseinanderzusetzen?
Kemmler: Es ist reizvoll – vor allem was das Frauenbild betrifft.

Wie meinen?
Kemmler: Beim alten „Watzmann“ war es durchaus patriarchalisch, um’s mal vorsichtig zu sagen.

Die Gailtalerin spielt bei Ihnen mit Sabine Kapfinger jetzt ja auch wieder eine Frau. Das eher Klamottige passt nicht so recht in die Zeit, oder?
Meineke: Sagen wir mal so: In den 70ern war es noch aufregend, einen Mann in Frauenkleider zu stecken. Heute ist so was durchaus Alltag.
Kemmler: Straight ist das neue queer. Den Effekt von damals, kann man einfach nicht mehr so erzielen. Daher ist es im Zweifel spannender, es bleiben und die Brüche lieber woanders stattfinden zu lassen.
Meineke: Ich find’s immer schöner, nicht auf den Schenkelklopfer zu spekulieren. Im Stil von – wow, das ist ja ein Mann!

Die Besetzung haben Sie dann auch zusammen ausgewählt?
Meineke: Von Anfang an. Ich hatte zum Beispiel eine ganz grundsätzliche Idee zu den Knechten. Die alten Knechte waren eine Parodie auf die traditionellen Hof-Arbeiter. In Zeiten, in denen Kühe maschinell gemolken werden und die Landwirtschaft sich immer stärker hin zur Monokultur entwickelt, findest du in den Alpen eher Dienstleister. Und die arbeiten dann etwa in der Gastronomie. Unsere Knechte können nicht mal eine Mistgabel halten. Es sei denn – und das ist ein wichtiger Fokus im Stück -, sie machen das zum Schein!

Warum das?
Meineke: Um den Touristen vorzu - gaukeln, bei uns gäbe es noch ursprüngliche Bauernhöfe. Und Knechte. Und Dirndl. Dieser Ansatz geht hin bis zu unseren Tieren. Auch die werden eher vorgegaukelt.

Wie bitte?
Kemmler: Die Kuh, die auf dem Hof zu touristischen Zwecken noch vorhanden ist, befindet sich in dem Moment, in dem sie im Stück eigentlich gebraucht würde, ganz wo anders. Sie ist vermietet worden – für die Eröffnung eines Bio-Supermarkts im Dorf.

Hatten Sie eigentlich nicht Sorge, dass das Stück mit so vielen neuen Ideen auf der Bühne plötzlich doppelt so lang wird, wie’s ursprünglich mal war?
Meineke: Ich gehe an solche Fragen wie ein Mathematiker ran. Wer hat wann mit wem wie lang was zu tun? Im alten Stück hatten die Figurengruppen gar nicht so viel Interaktion. Die Knechte sind Trottel, die aber fast isoliert sind. Und auch die Weiber sind mehr so etwas wie ein katholisches Design-Element. Für das neue Stück habe ich versucht, zwischen den Personen Beziehungen herzustellen, um noch mehr Handlung reinzubringen.

Das heißt: Die Knechte kommen jetzt auch mit den Weibsbildern zusammen?
Meineke: Nicht unbedingt. Aber die Knechte haben jetzt mehr mit ihren Vorgesetzten zu tun. Mehr darf man noch gar nicht verraten. Jede Figur, jeder Akteur auf der Bühne muss etwas zu tun haben – und von mir sein Futtertöpfchen bekommen. Aber die Szenen sollen auch nicht zu lang werden – sonst wird’s Gelaber.

Bei der Besetzung war’s ja sicher eine gute Idee, auch auf erfahrene Kabarettkollegen zu setzen. Doch wie groß war die Sorge, dass es Ihnen dann vielleicht gar nicht mehr gelingen könnte, Rampensäue wie Moses Wolff an die Kette zu legen?
Meineke: Was zunächst mal gut war: Außer Moses können alle singen? Oder ich weiß nicht: Kann Moses singen?

Behaupten würde er es sicher.
Kemmler: Er hat es auch schon getan. Und er wurde schon mehrfach dabei auf der Bühne ertappt. Es wird bei uns schon jeder zum Singen kommen. Das Ganze ist letztlich ja eher eine Mischung aus Musical und Pop-Konzert. Eine echte Verschmelzung, die nicht ohne Grund ja oft auch „Rustical“ genannt wurde. Sinnvollerweise schanzen wir das Musikalische eher denen zu, die musikalisch extrem fit sind. Und die anderen sind dann halt eher im Komödiantischen daheim. Das Amok-Element gehört schon dazu. Auch in der Originalbesetzung waren das ja einst alles keine Schauspieler. Wir brauchen Ruppigkeit – die aber komisch ist.

In der Garderobe hängt dann aber schon noch der eine oder andere Trachtenanzug?
Meineke: Ja natürlich. Schon auch. Aber so ganz eindeutig wird’s nicht. Nehmen wir die Gailtalerin. Sie wird auch so aussehen, dass man nicht genau weiß, ob sie ein armes Dirndl ist oder eine ganz ausg’schamte Business-Frau. Sie kommt von der Frauen-Power
Kemmler: Auch bei den Kostümen schieben wir das an, was uns an Veränderungen grundsätzlich wichtig ist. Die Normkleidung wird nicht wie vor 40 Jahren die Lederhose und das Trachtenjackerl sein – auch nicht in der Landhausvariante.

Stattdessen?
Kemmler: Funktionskleidung natürlich!
Meineke: Während es früher bei Ambros darum ging, dem aufgerüschten Heimatkitsch eines auszuwischen, wird es jetzt durchaus möglich sein, auf unserer Bühne einen Jack-Wolfskin-Anorak zu sehen. Wer heute Trachten trägt in den Alpen, macht das für die Touristen. Unser Verarschungs-Fokus liegt jetzt ganz wo anders.

Schönes Schlusswort!

Interview: Rupert Sommer

Auch interessant

Tipp

Der Messias - Nur noch bis zum 3. November im Gärtnerplatztheater!

Der Messias - Nur noch bis zum 3. November im Gärtnerplatztheater!

Bühnenschau

Mit Schmackes in die Saison

Mit Schmackes in die Saison

Ortsgespräch

Resi-Intendant Andreas Beck im Interview: „Schauspielen ist eine der rätselhaftesten Kunstformen“

Resi-Intendant Andreas Beck im Interview: „Schauspielen ist eine der rätselhaftesten Kunstformen“

Kabarett-Highlights

Die Kabarett-Highlights im Oktober

Die Kabarett-Highlights im Oktober